Corona und dann? Nicht erst seit Corona: Beratung für Umgang mit Verschwörungsmythen fehlt

In Deutschland fehlen Hilfsangebote für den Umgang mit Verschwörungsgläubigen. Das sagt der Politikwissenschaftler und Soziologe Tobias Meilicke im Interview mit dem MDR. Meilicke leitet in Berlin die Beratungsstelle "Veritas" für Betroffene von Verschwörungserzählungen. Diese Beratungsstelle war die erste ihrer Art. Sie wird vom Land Berlin finanziert und bekommt Anfragen aus ganz Deutschland.

Querdenken-Demo
Demonstration sogenannter Querdenker. Bildrechte: IMAGO / aal.photo

Verschwörungsmythen gab es schon immer. Tobias Meilicke nennt eine Zahl von rund zwölf Millionen Menschen, die in Deutschland an Verschwörungen glauben. Nicht erst seit Corona. Doch in der Pandemie sei das Problem auffälliger geworden, Verschwörungserzählungen seien offensichtlicher geworden.

Wenn früher beispielsweise der Onkel über die Terrorangriffe vom 11. September geglaubt habe, dass das alles nur eine Geheimdienstaktion der amerikanischen Regierung gewesen sei, dann sei das kein ständiges Thema am Familientisch gewesen. Bei den Corona-Maßnahmen sei das nun anders. Corona bestimme die heimischen Gespräche. Die Pandemie habe also einen großen Einfluss auf Familien und führe dort, wo Angehörige an geheime Verschwörungen glauben, "zu sehr, sehr viel Frust, Streit und zum Teil auch zu Kontaktabbrüchen", sagte Meilicke.

Meilicke 3 min
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Sa 23.10.2021 06:00Uhr 02:46 min

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Streitpunkt Impfung und Maske tragen

So wie sich fortlaufend die Hygiene-Regeln ändern, müssten sich die Menschen ständig positionieren - zu aktuellen Vorschriften, zum Maskentragen, zum Impfen, zum Testen. Für viele Familien seien Fragen zum Schulbesuch der Kinder besonders konfliktreich. Beispielsweise, wenn ein Elternteil glaube, dass Testung und Maskentragen zu schwerwiegenden körperlichen Schäden führe - möglicherweise gar zum Tod - löse das "enorme Diskussionen in den Familien" aus.

Es gebe Fälle, bei denen Eltern ihre Kinder mittlerweile komplett von der Schule fernhalten möchten und überlegen würden, ins Ausland zu ziehen. Insofern sei das Thema Verschwörungsmythen brisanter, sichtbarer und auch politischer geworden für die deutsche Gesellschaft, sagt Meilicke. In der Familie, im Kleinen, gebe es Streit und Frustration, im Großen erlebten wir eine gesellschaftlichen Spaltung, etwa auf Demonstrationen oder in vielen Debatten.

ein Mann schaut in die Kamera
Tobias Meilicke leitet eine von wenigen Beratungsstelle für Verschwörungsmythen. Bildrechte: Tobias Meilicke

Veritas - eine von wenigen Beratungsstelle gegen Verschwörungserzählungen in Deutschland

Die Beratungsstelle in Berlin ist nach eigenen Angaben bislang einzigartig. Sie wird ausschließlich aus Mitteln des Landes Berlin finanziert. Deutschlandweit, sagt Meilicke, gebe es durchaus weitere Hilfsangebote - etwa Sektenberatungsstellen oder Berater gegen Rechtsextremismus. Eine Stelle, die ausschließlich zum Umgang mit Verschwörungserzählungen und deren Verfechtern berät, sei jedoch neu und angesichts der Probleme nötig.

Meilicke verdeutlicht das am Beispiel der mobilen Beratungsteams gegen Rechtsextremismus. Im Milieu von Verschwörungsgläubigen sei Forschungen zufolge lediglich ein Drittel dem Rechtsextremismus zuzuordnen. Die Mehrheit komme aus anderen politischen Spektren. Ein Teil der Hilfesuchenden fühle sich bei diesen Beratungsstellen nicht angesprochen. Meilicke sagt: "Wir brauchen ein breiteres Angebot an Beratungsstellen."

Querdenker demonstrieren gegen die Coronamaßnahmen der Regierung 22 min
Querdenker demonstrieren gegen die Coronamaßnahmen der Regierung Bildrechte: MDR/Peter Podjavorsek

MDR THÜRINGEN - Das Radio Sa 23.10.2021 06:00Uhr 21:41 min

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Viele Anhänger in Mitteldeutschland

Jüngste Studien zeigten, dass der Anteil von Menschen, die an Verschwörungserzählungen glauben, in Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt besonders hoch sei. Meilicke nennt dafür zwei mögliche Gründe. Viele Menschen, die in der DDR groß geworden sind, hätten eine gewisse Skepsis gegenüber Staat und Medien aus ihren früheren Erfahrungen heraus entwickelt. Diese Skepsis bestehe vielleicht bis heute fort, so dass diese Menschen sich Informationen aus informelleren Kreisen im Internet bezögen.

Ein Laptop auf einem Tisch, Artikel aufgerufen mit Überschrift "Der Corona-Schwindel", Kaffeetasse, dunkle Farben, unscharfer Hintergrund.
Verschwörungstheoretiker nutzen die Corona-Pandemie für abenteuerliche "Theorien". Bildrechte: MDR

Ein weiterer möglicher Grund, warum sich Menschen Verschwörungserzählungen zuwenden würden, sei die Frage des Selbstwerts. Menschen, die ihren Job und damit die Kontrolle über ihr Leben verloren hätten, Menschen aus Minderheiten oder solche, die diskriminiert worden seien, würden sich oft ohnmächtig fühlen. Über Verschwörungsansichten, so sagt Tobias Meilicke, gelänge es den Menschen, sich selber aufzuwerten.

Hier sehe er eine Parallele zu den Menschen in den Neuen Ländern. Ängste und gesellschaftliche Abwertung hätten hier viele Menschen im Zuge der Wende und danach erlebt, das könnte sie geprägt haben.

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Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 23. Oktober 2021 | 06:00 Uhr

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