Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen Jugendliche: Das erste Bier ausgerechnet in der Jugendhilfe

Ausgerechnet in Einrichtungen der Jugendhilfe greifen offenbar viele Kinder und Jugendliche erstmals zu Drogen: Alkohol, Zigaretten, Haschisch oder auch Crystal Meth. Doch wie kommt es dazu und was könnte dagegen getan werden?

Ein Jugendlicher sitzt hinter Flaschen mit Alkohol und trinkt ein alkoholhaltiges Mixgetränk
Die Pubertät wird oft als Ausnahmezustand empfunden. Wenn in diesem Entwicklungsstadium eine seelische Notlage hinzukommt, kann dies früh in eine Katastrophe führen. Nicht selten führt diese Kombination zu "Ersatzhandlungen" der Jugendlichen und sie fangen etwa an Alkohol zu trinken. Bildrechte: dpa

Das blonde Mädchen umarmt ihrem Bruder fest, klammert sich regelrecht an ihn. Der Rucksack auf dem Rücken des zierlichen Kindes scheint viel zu groß zu sein. Die Geschwister haben sich monatelang nicht gesehen. An diesem Sommertag treffen sie sich heimlich auf einem Parkplatz in Thüringen. Denn ihr Umgang ist von Amts wegen beschränkt. Seit zwei Jahren lebt Nele in einem Kinderheim. Gegen den Willen ihrer Mutter, ihres älteren Bruders und gegen ihren eigenen Willen. Seitdem versucht sich die 13-Jährige abends mit Alkohol zu "entspannen", berichtet sie MDR exakt. So wie es auch andere Kinder und Jugendliche tun würden, die wie sie im Heim leben.

Der Bruder von Nele - Patrick - schaut in die Kamera.
Patrick macht sich große Sorgen um seine kleine Schwester. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der Grund für die Einweisung: Das Jugendamt befürchtete, dass es irgendwann mal zu einer Kindeswohlgefährdung kommen kann, wegen einer problematisch engen Bindung zwischen Mutter und Tochter. In einem Gutachten, das MDR exakt vorliegt, wird von "Parentifizierung" gesprochen. Nun leidet Nele unter der Trennung. Jeden Abend weint sie sich in den Schlaf, erzählt das Mädchen. Sie ist in einem seelischen Ausnahmezustand. Ihrem Bruder verspricht sie an diesem sonnigen Nachmittag dennoch, dass sie mit dem Trinken aufhören wird. "Ich mache mir immer noch große Sorgen, weil die Kleine ja doch in einer Situation steckt, unter der sie sehr leidet", sagt Bruder Patrick.

Nele vermisst ihre Mutter und ihren Bruder

Ob die Inobhutnahme von Nele verhältnismäßig war, dazu will sich das zuständige Jugendamt des Saale-Holzlandkreises auf Anfrage von MDR exakt nicht äußern, bestätigt aber ganz allgemein: "Die Inobhutnahme ist immer […] das letzte Mittel, um eine Kindswohlgefährdung abzuwenden oder zu verhindern."

Bruder und Schwester umarmen sich.
Die Geschwister Nele und Patrick haben sich monatelang nicht gesehen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Beim Abschied der Geschwister redet der große Bruder Nele gut zu. "Bleib geduldig. Kopf hoch, Maus! Konzentriere dich gut auf die Schule! Freue ich mich immer. Hab dich lieb", sagt Patrick, während er seine kleine Schwester umarmt, die ihm gerade einmal bis zum Kinn reicht. Nele hatte zwischendurch gesagt, dass sie hoffe, alles werde wieder gut. In ihrem Rucksack trägt das Mädchen immer Familienfotos mit sich und eine Zeichnung für die Mutter, die sie noch nicht übergeben konnte.  

Die 13-Jährige hat große Sehnsucht – und das mitten in der Pubertät. Die wird sowohl von Jugendlichen als auch Angehörigen und Lehrern oft als Ausnahmezustand empfunden.  Wenn in diesem Entwicklungsstadium eine seelische Notlage hinzukommt, kann dies früh in eine Katastrophe führen. Nicht selten führt diese Kombination zu "Ersatzhandlungen" der Jugendlichen.

Pubertät und seelische Notlage

"Also es gibt ganz unterschiedliche Strategien, mit Konflikten in der Pubertät umzugehen", sagt der Chefarzt der Psychiatrie eines großen Mecklenburger Krankenhauses und Gerichtsgutachter, Doktor Stefan Schröder. Er hat täglich mit jungen Menschen zu tun, die seelischen Druck nicht mehr aushalten. Dann könne es zu Magersucht, Bulimie oder Adipositas kommen. Einige würden sich auch selbst verletzen, andere griffen zu Drogen. Das ist "immer noch Haschisch, aber jetzt mehr Amphetamine und andere Aufputschmittel." Doch diese Substanzen seien alle nicht geeignet, um irgendwelche Dinge zu lösen. "Es ist ein absoluter Irrtum, in dieser Parallelwelt irgendetwas gelöst zu kriegen. Es ist wie ein Wegbeamen aus der Realität. Das funktioniert überhaupt nicht."

Drogen gegen die Realität – und dies bei Jugendlichen, die in Einrichtungen der Jugendhilfe leben. Immer wieder haben Kinder offenbar genau dort erstmals Kontakt zu Drogen. "Wir reden oft dann auch von Risiken und Nebenwirkungen der Jugendhilfe", sagt der Soziologe und Therapeut Haçi Bayram. Er ist Chef von "Par-ce-Val". Der Jugendhilfeverein betreibt auch in der Nähe von Döbeln in Sachsen eine Betreuungseinrichtung. "So wichtig die Jugendhilfe ist, so gefährlich kann sie auch sein." Denn sich etwa dem Gruppendruck zu entziehen, sei auch ein sozialer Tod. "Das den Erziehern erzählen, ist Verrat." So sei es sehr häufig der Fall, dass diese Jugendlichen von den anderen lernen würden, was man machen muss, um cool zu sein: Wie man zu Geld kommt. Wie man seine Grenzen austesten kann. Wie man die Mitarbeiter der Einrichtung austricksen kann.

"Par-ce-Val": Bei vielen begann Suchtkarriere Jugendhilfe-Einrichtungen

Die Kulturpädagogische Gemeinschaft "Par-ce-Val" ist eine von ganz wenigen Einrichtungen in Deutschland, die ausschließlich ehemals drogenabhängige Jugendliche beherbergt und therapiert. In Döbeln wird genau darauf geachtet, dass die Jugendlichen clean bleiben. Mit engmaschiger Betreuung, Sport, Bildung und einem streng reglementierten Tagesablauf. Handygebrauch und Ausgänge sind streng begrenzt. Die Jugendlichen leben möglichst weit weg von ihrem alten, problematischen Umfeld. Es gibt sehr wenig unbeaufsichtigte Freizeit, im Gegensatz zu anderen Einrichtungen. Viele hatten zuvor "quer Beet" konsumiert und bei nicht wenigen begann die Suchtkarriere ausgerechnet in anderen Einrichtungen der Jugendhilfe.

Sarah hat früher "Gras, Ecstasy, Kokain, Crystal, Alkohol und Nikotin" konsumiert, sagt sie.
Sarah hat früher "Gras, Ecstasy, Kokain, Crystal, Alkohol und Nikotin" konsumiert, sagt sie. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

So wie bei der 17-jährigen Sarah. Im"Par-ce-Val"-Zimmer der Jugendlichen mit den braunen Haaren sitzt ein riesiger Teddybär auf dem schmalen Holzbett. Mit 14 lebte sie in einer Einrichtung der Jugendhilfe in Dresden. "Gras, Ecstasy, Kokain, Crystal, Alkohol und Nikotin" hatte sie konsumiert. Sie habe in einer therapeutischen und zwei normalen WGs der Jugendhilfe gelebt und in letzterer habe es begonnen. Dort musste sie sich "nur an- und abmelden". Zudem habe es insgesamt wenig Struktur und weniger Einzelgespräche gegeben, als in der Einrichtung in Döbeln.

"Wir haben leider auch in der sozialen Arbeit nun mal die Ökonomisierung, also das der ganze Bereich zu einem Wirtschaftsbereich wird", kritisiert der Geschäftsführer von "Par-ce-Val", Haçi Bayram. Es gäbe große Träger, die sehr viele Plätze vorhielten, aber auch einen riesigen Fachkräftemangel. Hinzu komme noch die Kostenfrage. Es gäbe einfach zu wenig Betreuung für zu viele Jugendliche.

Anzahl der Betreuten in Jugendhilfe in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen

In Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt sind 2019 insgesamt 5.616 Kinder und Teenager in Einrichtungen der Jugendhilfe untergebracht worden. Wie oft Drogenmissbrauch während dieser Unterbringung eine Rolle spielt, dazu gibt es keine Statistik.

Nele hat ihr Versprechen aus dem Sommer, mit dem Trinken aufzuhören, offenbar nicht gehalten. "Am Montagabend haben wir sie das erste Mal live und in Farbe mit Zigarette und Bier gesehen – mit weiteren Jugendlichen aus der Einrichtung und 18-jährigen Jugendlichen aus Neustadt", sagt Bruder Patrick. "Wenn man sie heute sieht: Sie rutscht ab. Das ist klar. Wenn der Zustand bleibt, rutscht sie weiter ab. Nikotin, Alkohol, das hat sie nicht verdient, als meine Tochter", fügt die Mutter hinzu.

Nele rutscht nun auch in der Schule ab

Im Kinderheim herrscht Alkoholverbot, teilt der Träger des Kinderheimes von Nele, die AWO Thüringen, auf Anfrage von MDR exakt mit. Es gebe nur einzelne massive Missbrauchsfälle, in denen man intervenieren müsse. Ansonsten: "verbringen unsere Jugendlichen ihre Freizeit regelmäßig auch außerhalb der Einrichtungen. Dabei kommt es vor, dass Alkohol getrunken wird. Diese Erfahrungen machen auch andere Jugendliche, die im Elternhaus aufwachsen."

Doch das bezweifelt ihre Familie: Nele ist bis zum elften Lebensjahr bei ihrer Mutter auf dem Lande in einem christlich orientierten Elternhaus aufgewachsen. Alkohol habe dort nie eine Rolle gespielt, berichtet die Mutter. Zudem rutsche die Schwester nun auch auf dem Gymnasium immer weiter ab, sagt Bruder Patrick. In drei Fächern schwanke sie bereits zwischen Note vier und fünf. "Ich glaube schon, dass sie momentan die Motivation verliert, in der Schule zu lernen. Weil sie sich vielleicht fragt: Für was? Es ist eh alles kaputt."

Quelle: MDR exakt/ mpö

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR exakt | 13. Oktober 2021 | 20:15 Uhr

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