Dr. Eckart von Hirschhausen "Klimaschutz ist Gesundheitsschutz"

Viele kennen Dr. Eckart von Hirschhausen als humorvollen Entertainer und Kabarettisten. Doch der Arzt sagt: "Schluss mit lustig". Hirschhausen engagiert sich für den Klimaschutz und hat die Stiftung "Gesunde Erde – gesunde Menschen" gegründet. Denn: Klimaschutz ist Gesundheitsschutz. "Wir müssen nicht das Klima retten, sondern uns", sagt der Mediziner.

Warum haben Sie als Arzt eine Stiftung gegen den Klimawandel gegründet?

Eckart von Hirschhausen: Vor drei Jahren hatte ich eine Art Erweckungserlebnis. Ich habe Jane Goodall, die berühmte Schimpansenforscherin, interviewt. Und sie stellte mir mitten im Gespräch eine Frage, die mich sehr getroffen hat. Sie sagte, wenn wir Menschen immer behaupten, wir sind die intelligenteste Art auf diesem Planeten, warum zerstören wir dann unser eigenes Zuhause? Und da dachte ich, ich möchte Teil der Lösung werden. Ich habe die Stiftung "Gesunde Erde – gesunde Menschen" gegründet, um mehr in die Öffentlichkeit zu bringen, dass die Klimakrise die größte Gesundheitsgefahr ist, die wir im 21. Jahrhundert haben.

Schimpansen-Forscherin Jane Goodall und Wubbo
Schimpansen-Forscherin Jane Goodall wurde von Eckart von Hirschhausen interviewt. Bildrechte: MDR/Michael Gerdes

Gesundheit und Klimawandel – was hat das miteinander zu tun?

Eckart von Hirschhausen: Viele werden sich erinnern, wie Fieberthermometer früher aussahen. Die endeten alle bei 42 Grad, als man noch analog gemessen hat. Warum ist das so? Weil mehr Körperkerntemperatur kein Mensch aushält. Wir haben vergessen, dass die Medizin zwar tolle Dinge kann, aber dass Gesundheit mit einer erträglichen Außentemperatur beginnt. Mit Luft zum Atmen, mit etwas Pflanzenbasiertem zum Essen und Wasser zum Trinken. Und all diese Dinge können wir mit keinem Geld der Welt herstellen, wenn sie verloren gegangen sind. Wir müssen uns dran erinnern, wie verletzlich Menschen sind. Und dass wir zum Beispiel schon im Jahr 2018 rund 20.000 Hitzetote hatten, die medial viel zu kurz kamen.

Was hat die Klimakrise konkret für gesundheitliche Auswirkungen?

Eckart von Hirschhausen: Der Hauptpunkt ist natürlich die Hitze. Menschen können Hitze am allerwenigsten ab. Unser Hirn ist extrem labil. Wir merken es selber, wenn wir keinen kühlen Kopf bewahren können. Wir merken es bei Menschen mit Vorerkrankungen. Wir hatten die Hitzetoten zum Beispiel auch im letzten August zu beklagen gehabt, mehr als Coronatote. Worüber wurde in den letzten zwei Jahren geredet? Ausschließlich über Corona. Mein Job als öffentliche Figur, als Arzt und Gründer der Stiftung "Gesunde Erde – gesunde Menschen" ist es, die Querverbindungen zwischen diesen Themen zu zeigen. Zum Beispiel sagt man, Menschen mit Vorerkrankungen sind anfälliger für Corona. Das sind die gleichen Vorerkrankungen, die Hitze nicht vertragen, die mit Prävention anzugehen wären. Mit Prävention gewinnt man keinen Blumentopf, sagt man. Da frag ich mich, warum eigentlich nicht? Wir können nicht warten, bis alle Folgen der Klimakrise voll durchgeschlagen sind. Wir müssen jetzt das Schlimmste verhindern. Warum? Weil wir nicht das Klima retten müssen, sondern uns! Deswegen ist Klimaschutz gleich Gesundheitsschutz.

Hitze Doku 3 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Womit müssen wir rechnen, wenn die Temperaturen immer mehr steigen?

Eckart von Hirschhausen: Es gibt plötzlich Tropenkrankheiten mitten in Europa. Wir haben eine Malaria übertragende Mücke in Baden-Württemberg gefunden. Wir machen mit unserer Stiftung und der Charité  Berlin gerade eine Studie, was wir in den nächsten Jahren und Jahrzehnten an neuen Tropenkrankheiten mitten in Deutschland erwarten müssen. Das ist etwas, worauf ich in meinem Studium null vorbereitet wurde. Ich engagiere mich jetzt auch, dass diese Themen Klimawandel und Gesundheit viel stärker in die Ausbildung kommen. Aber es ist ein dickes Brett. Die Medizin ist auch gebäudetechnisch null vorbereitet, auf das was kommt. Wir haben Altenpflegeheime und Krankenhäuser, die keine Klimaanlage, keine Kühlung kennen. Die wurden in einer anderen Zeit gebaut. Keiner dachte darüber nach, was passiert mit der Hitze, wenn die dort gefangen ist. Was passiert mit den Mitarbeitenden, was passiert mit den vulnerabelsten Menschen, also den Älteren und Kranken? Und das sind alles Themen, die eigentlich Milliarden Investitionen brauchen. Jetzt. Und das regelt auch kein Markt. Kleiner Hinweis auf die Regierungsbildung ...

Allergien haben in den vergangenen Jahren erheblich zugenommen. Auch das liegt an der Klimakrise?

Eckart von Hirschhausen: Bei den Auswirkungen der Klimakrise auf die Gesundheit denkt man als erstes an Hitze. Eine unterschätzte Gefahr sind Allergien. Allergien nehmen rasant zu. In Hamburg in der Innenstadt – aktuelle Zahlen einer Versicherung – braucht inzwischen jeder Dritte ein Asthmaspray. Woran liegt das? Maßgeblich an der Kombination verschiedener Faktoren. Weil, wie Claudia Traidl-Hoffmann, eine der maßgeblichen Forscherinnen auf diesem Gebiet sagt: "In unserem Körper kommt ja alles zusammen." Ambrosia, das Beifußkraut, zum Beispiel, breitet sich aus wie die Pest. Es hat offenbar unter den veränderten klimatischen Bedingungen bessere Wachstumschancen. Das ist eine invasive Art, die eigentlich hier nicht hingehört. Wir haben das auch mit dem Eichenprozessionsspinner. Wir haben plötzlich die Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) schon im Januar. Wir haben dadurch, dass die Winter nicht mehr so kalt sind, ein höheres Überleben von Zecken als Überträger von Krankheiten. Das sind alles Themen, die für sich genommen schon bedrohlich sind, aber in der Kombination noch nicht wirklich für die Politik relevant sind. Und deswegen werde ich auf meine alten Tage als Arzt, der mit Humor gestartet ist, auch immer ernster. Weil ich sage, wir haben nicht mehr viele Jahre, um was Fundamentales zu verändern. Aber wir können es und wir haben alle etwas zu gewinnen.

Wir haben nicht mehr viele Jahre, um was Fundamentales zu verändern. Aber wir können es und wir haben alle etwas zu gewinnen.

Eckart von Hirschhausen

Was muss sich ändern?

Eckart von Hirschhausen: Wir könnten alleine durch eine Ernährungsumstellung 150.000 Menschenleben jedes Jahr in Deutschland retten. Das heißt, pflanzenbasiert zu essen. Was gab es für Aufschreie, als es darum ging, einen Tag kein Fleisch zu essen. Und ich mag gerne positive Beispiele, Vorteile zu zeigen. Wenn ich weniger Fleisch und mehr Gemüse, Obst, Nüsse, gesunde Sachen esse, dann "verzichte" ich auf Herzinfarkt und Schlaganfall. Und darauf verzichte ich gerne. Das heißt, wir müssen verstehen, dass diese Diskussion um Klimaschutz nicht unter Kosten- oder "Alles wird irgendwie gefährlicher und macht keinen Spaß mehr"-Aspekten geführt werden sollte. Wir haben unglaublich viel zu verlieren – und positiv gedreht, wir haben unglaublich viel zu gewinnen. Wir haben einen Gewinn an Lebensqualität. Auch in einer Stadt, die dann vielleicht weniger von Autos dominiert ist. Wo Menschen sich zu Fuß, mit dem Fahrrad, frei bewegen können. Das ist doch kein Verlust, das ist ein Gewinn! Ich möchte so gerne Lust machen auf die Veränderungen, die bevorstehen. Und umgekehrt: Wir können uns auch gar nicht mehr leisten, so wenig zu tun wie jetzt.

Wir haben unglaublich viel zu verlieren – und positiv gedreht, wir haben unglaublich viel zu gewinnen. Wir haben einen Gewinn an Lebensqualität.

Eckart von Hirschhausen

Was kann jeder selbst tun?

Eckart von Hirschhausen: Als Arzt mache ich mir große Sorgen darüber, wie die Klimakrise unser aller Gesundheit gefährdet. Die großen Stellschrauben hat die Politik. Aber jeder Einzelne von uns kann etwas beitragen. Natürlich können wir jeden Tag auf dem Teller darüber entscheiden, wie viel tierische Produkte wir brauchen. Massentierhaltung ist ein Klimakiller, verantwortlich für mehr Treibhausgase. Versuchen Sie einfach zwei Mahlzeiten ohne tierische Produkte. Das ist kein Verzicht, sondern ein Gewinn an Lebensqualität. Weniger Herzinfarkt und Schlaganfall durch eine pflanzenbasierte Ernährung. Das ist der eine große Hebel. Der zweite große Hebel ist, wie viel Energie wir verbrauchen. Ist Ihr Haus isoliert? Brauchen Sie ein großes Auto? Brauchen Sie eine Kreuzfahrt? Wahrscheinlich, nein. Unser Glück hängt maßgeblich davon ab, wie wir uns mit anderen Menschen wertgeschätzt, gebraucht, verbunden fühlen. Das habe ich in meinem Buch "Glück kommt selten allein" ausführlich begründet. Das heißt, Gesundheit und seelische Gesundheit ist etwas, was nicht an das "Ressourcen-verballern" gekoppelt ist. Und der dritte Punkt ist, beginnen Sie sich zu engagieren! An Ihrem Ort, mit Ihren Fähigkeiten, machen Sie den Mund auf. Am besten: Machen Sie sich vorher schlau und machen Sie dann den Mund auf.

Quelle: MDR Hauptsache Gesund

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache Gesund | 04. November 2021 | 21:00 Uhr

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