Kommentar zum Prozess Juwelendiebstahl im Grünen Gewölbe: Aufklärung? Ungewiss!

Der Prozess zum Einbruch ins Grüne Gewölbe läuft seit zwei Monaten am Landgericht in Dresden. Doch ob dabei die Juwelen gefunden werden können und ob wirklich die Täter auf der Anklagebank sitzen, bezweifelt Gerichtsreporterin Nadja Malak in ihrem Kommentar.

Nadja Malak und Grünes Gewölbe Schmucksaal
Ob der Diebstahl im Grünen Gewölbe aufgeklärt werden kann, bezweifelt MDR-Autorin Nadja Malak. Bildrechte: Nadja Malak/MDR - dpa

Seit zwei Monaten läuft am Dresdner Landgericht das Verfahren zum Einbruch ins Grüne Gewölbe. Der bislang letzte Prozesstag war am Dienstag, den 29. März. Es gibt sechs Angeklagte, die die Tat gemeinsam begangen haben sollen. So steht es zumindest in der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft. In den vielen Gerichtsprozessen, die ich als Journalistin verfolgt habe, stand am Ende immer eines: Die Aufklärung des Falles. Doch ob der Diebstahl im Grünen Gewölbe aufgeklärt werden kann, bezweifle ich mittlerweile.

Das beginnt schon mit der Frage, wo die Juwelen geblieben sind. Am letzten Januar-Wochenende fand eine Durchsuchung in Essen statt. Die Staatsanwaltschaft hielt sich dazu bedeckt. Unseren Recherchen zufolge soll es hier um den Verbleib der Schmuckstücke gegangen sein. Es war eine von vielen Durchsuchungen, die letztlich ergebnislos war. Anscheinend hat die Staatsanwaltschaft keine Erkenntnisse darüber, was mit den wertvollen Pretiosen geschehen ist. Es wirkt auf mich wie ein Stochern im Nebel.

Und es wird weiter gestochert: Mitte März veröffentlichte die Staatsanwaltschaft ein Fahndungsfoto aus dem Grünen Gewölbe. Es soll einen Mann zeigen, der verdächtigt wird, den Tatort vorher ausspioniert zu haben. Ich frage mich, wo dieser Ausschnitt aus den Überwachungsvideos in den vergangenen fast zweieinhalb Jahren war. Schon einmal wurde nach möglichen Ausspähern gefahndet. Wurde da etwas versäumt? Die Staatsanwaltschaft äußert sich nicht dazu.  

War ein weiterer Mann am Einbruch beteiligt?

Überhaupt scheint nach den ersten beiden Monaten im Gerichtsverfahren deutlich zu werden, dass die Staatsanwälte nur das Nötigste preisgeben. Eine kleine Bombe ließen deshalb die Verteidiger der Angeklagten platzen: Es gibt einen weiteren Verdächtigen, der direkt an der Tat beteiligt gewesen sein soll. Die Berliner Anwälte von Rabieh R. haben herausgefunden, dass Dresdner Polizisten Anfang März die Wohnung eines gewissen Mejed C. in Berlin durchsuchten.

Staatsanwalt Christian Weber wand sich sichtlich unter den bohrenden Fragen der Verteidiger. Es war deutlich erkennbar, dass er diesen Fakt gern geheim gehalten hätte. Nun wurde aber bekannt: Mejed C. soll direkt an der Tat beteiligt gewesen sein. Er soll am Tag zuvor das Museum ausgespäht haben und am Tattag mit dem Angeklagten Rabieh R. nach Dresden gefahren sein.

Laut Sprecher der Staatsanwaltschaft, Jürgen Schmidt, waren sechs Männer an der Tat beteiligt. In einem Interview mit dem MDR sagte er kurz vor Prozessauftakt: "Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Dresden gegen die sechs Personen, die wir als Haupttäter sehen, die unmittelbar an der Tatausführung am 25.11.2019 beim Einbruch ins Historische Grüne Gewölbe beteiligt gewesen sein sollen, sind abgeschlossen. Da haben wir Anklage erhoben. Insofern sind aus Sicht der Staatsanwaltschaft Dresden die Ermittlungen erledigt." Gibt es jetzt einen siebten Täter? Nein, wohl eher nicht.

Vitrine im Grünen Gewölbe 60 min
Bildrechte: picture alliance/dpa/Staatliche Kunstsammlungen Dresden | Alexander Peitz

Sitzt ein Unschuldiger auf der Anklagebank in Dresden?

Am 15. März wurden in der Verhandlung Videoaufnahmen der Tat gezeigt – knapp eine Stunde lang, vom ersten Auftauchen der Täter bis zur Flucht mit dem Audi S6. Sechs Männer sind auf dem Video insgesamt zu sehen, inklusive Fahrer. Nach Adam Riese bedeutet dies nun, dass möglicherweise ein Mann auf der Anklagebank sitzt, der unschuldig sein könnte. Mindestens.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt noch gegen mindestens eine weitere Person, die an der Tat beteiligt gewesen sein könnte. Diese Person ist ein Bruder eines der Angeklagten und saß an den meisten Verhandlungstagen im Zuschauerraum. Als dies bekannt wurde, sprach der Vorsitzende Richter Ziegler in einer Verhandlungspause mit dem jungen Mann. Da er nicht aus Zeuge aussagen wird, darf er weiter als Zuschauer dabei sein.

Die Polizei ermittelt auch jetzt weiter. Das ist gut so, denn die Sachsen wollen ihren Schatz zurück. Eine Frage drängt sich aber auf: Wenn immer mehr Tatbeteiligte auftauchen, was genau haben dann die sechs Angeklagten gemacht? Sind sie wirklich die Männer, die ins Grüne Gewölbe eingebrochen sind?

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 11. Februar 2022 | 19:30 Uhr

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