Russischer Angriff auf die Ukraine Wie sich das Russland-Bild der Ostdeutschen verändert hat

Seit dem Beginn des Krieges wird über die Sicht auf Russland und Putin diskutiert. Im Osten Deutschlands war diese lange positiver als im Westen. Nun verändert sich der Blick nicht nur im Privaten, auch in der Linkspartei werden alte Gewissheiten auf den Kopf gestellt.

Kurz vor dem Einmarsch russischer Soldaten in die Ukraine sagte Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht in der Talkshow von Anne Will: "Ich finde die Aggressivität, mit der vor allem von amerikanischer Seite ein russischer Einmarsch geradezu herbeigeredet wird, die ist ja schon bemerkenswert." Dabei habe Russland angeblich kein Interesse, einen Krieg mit dem Nachbarland anzufangen. Auch wenn Sahra Wagenknecht weder für die ganze Linkspartei noch für Ostdeutschland steht, steckt in ihrer Aussage doch einiges drin – was beide betrifft.  

So sahen etwa Anfang Februar nur 47 Prozent der immerhin 35.000 Teilnehmer einer nicht-repräsentativen Umfrage vom MDRfragt Waldimir Putin als Gefahr für den Frieden. Dagegen glaubten 61 Prozent, eine größere Gefahr gehe von US-Präsident Joe Biden aus. Gibt es im Osten von Deutschland also ein größeres Verständnis für Russland?

DDR und die Prägung durch die Sowjetunion

"Ja", findet etwa Peter Michael Diestel. Der letzte Innenminister der DDR sagt, es liege auf der Hand, dass es bei den in der DDR aufgewachsenen Menschen eine viele größere Prägung durch die Sowjetunion gibt. "Wir sind mit einer russischen Sicht zur jüngeren Geschichte erzogen worden", sagt der heutige Rechtsanwalt und Buchautor. Auch wenn vieles, was Völkerfreundschaft sein sollte, inszeniert war.

"Es ist richtig, dass es damals eine größere Affinität in der DDR zu Osteuropa und zu Russland gab, die zunächst erzwungen war. Jeder, der das bezweifelt, hat einfach schlichtweg keine Ahnung", sagt der Historiker Kowalczuk. Er hat sich intensiv mit der DDR-Geschichte befasst. Doch aus dieser erzwungenen Affinität sei bei vielen Menschen aus unterschiedlichen Motiven eine große Liebe zur russischen Kunst und Kultur erweckt worden. Der Berliner warnt davor, von nur einer einzigen ostdeutschen Perspektive auszugehen.

Das wahre Gesicht Russlands: Gorbatschow oder Putin?

Dafür seien auch die Erfahrungen mit der Sowjetunion und den Rotarmisten viel zu unterschiedlich. "Wenn meine Oma von den Russen 1945/1946 vergewaltigt worden ist, dann werde ich eine ganz andere Perspektive auf die Sowjetunion haben, als wenn mein Opa von der Roten Armee aus einem Konzentrationslager befreit worden ist", sagt Kowalczuk. Man hätte auch einen anderen Blick auf Russland, wenn man etwa mit sowjetischen Wissenschaftlern zusammengearbeitet hätte, als wenn man nie mit jemanden aus der Sowjetunion Kontakt gehabt hätte.

Michael Gorbatschow.
War es die Ära Gorbatschow, die das Russlandbild der Deutschen positiv geprägt hat? Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Es sei vor allem die Ära Gorbatschow gewesen, die zu einem veränderten, positiven Russlandbild beigetragen habe – in Ost- und in Westdeutschland, so der Historiker. Die deutsche Wiedervereinigung konnte friedlich über die Bühne gehen. Das verstellte offenbar den Blick bei vielen Deutschen auf das Geschehen bei ihren Nachbarn im sogenannten Ostblock, etwa im Baltikum 1991 oder in Georgien 2008. Das war es "überhaupt nicht friedlich. Dort gab es blutige Zusammenstöße, provoziert von der Moskauer Zentralmacht", sagt Kowalczuk. Das sei das wahre russische Gesicht.

Die Wirkung des Gorbatschow-Faktors

"Und wir haben uns aber in den Jahrzehnten danach eigentlich immer mit diesem Gorbatschow-Faktor beruhigen wollen", sagt der Publizist. Die meisten Menschen hätten geglaubt, dass mit einem Wladimir Putin so verhandelt werden könnte, wie mit Michael Gorbatschow. "Dieser Gorbatschow-Faktor, der hat im Osten noch weitaus stärker gewirkt als im Westen."

So war Putin lange Zeit ein gern gesehener Gast in Deutschland – trotz Menschenrechtsverletzungen in Russland, obwohl er Oppositionelle und kritische Journalisten verfolgen und mutmaßlich auch ermorden ließ. So bekam er etwa 2009 den Dankorden des "Semperopernball e.V." für seine Verdienste um den sächsisch-russischen Kulturaustausch.

Russland: Änderungen in der Haltung der Linkspartei

Besonders groß war das Verständnis in der Linkspartei – die im Osten besonders verankert ist – wie etwa bei Sahra Wagenknecht. Inzwischen hat sie ihre Fehleinschätzung vor Kriegsausbruch eingeräumt. Die Politikerin lehnt Sanktionen gegen Russland ab. In einem offenen Brief wendet sie sich mit sechs anderen Bundestagsabgeordneten gegen die offizielle Linie ihrer Partei.

Dazu findet der Fraktionsvorsitzende der Linken-Partei, Dietmar Bartsch, deutliche Worte: "Ich finde es falsch, dass man in einer solchen Situation eine eigene Positionierung noch mal kenntlich macht." Er wisse nicht, was damit erreicht werden solle. Angesichts des Angriffskrieges von Wladimir Putin und den vielen Opfern in der ukrainischen Bevölkerung unterstützt "Die Linke" nun die internationalen Sanktionen und ändert damit ihre bisherige Haltung.

Henning-Wellsow: "Putin ist kein Genosse"

"Putin schlachtet mit seinen Soldaten Ukrainer ab", sagt die Linken-Bundesvorsitzende Susanne Hennig-Wellsow. Wenn die Partei Frieden, Waffenstillstand und keinen militärischen Eingriff wolle, müsse etwa durch Sanktionen Druck auf Putin gemacht werden. "Deswegen haben wir da unsere Haltung geändert."

Auch mit dem bisherigen positiven Blick auf den russischen Präsidenten hadert Susanne Hennig-Wellsow: "Was sich nicht von selbst erklärt, ist tatsächlich den Blick auf Putin erklären zu wollen." Denn die Partei wisse seit seinem Amtsantritt, dass er "erstens kein Linker ist, dass er kein Genosse ist, wie wir sagen würden. Und dass er Russland zu einem imperialistischen, kapitalistischen Staat gemacht hat".

Putins Krieg hat in der Linkspartei einiges an langjährigen Gewissheiten auf den Kopf gestellt. Und auch viele im Osten haben nun einen anderen Blick auf Russland. Laut einer neuen nicht-repräsentativen Umfrage von MDRfragt sehen mittlerweile 82 Prozent der Teilnehmer Putin als Gefahr für den internationalen Frieden.

Quelle: MDR exakt/ mpö

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR exakt | 16. März 2022 | 20:15 Uhr

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