Faktencheck Mehr Übersterblichkeit bei hoher Impfquote – stimmt das?

Eine von zwei Thüringer Wissenschaftlern vorgelegte Veröffentlichung soll einen Zusammenhang zwischen der Übersterblichkeitsrate und der Impfquote gegen das Coronavirus belegen. Demnach soll in Bundesländern mit hoher Impfquote die Übersterblichkeit höher sein als in Bundesländern mit Impfmuffeln. Die beiden Forscher haben ihre Erkenntnisse inzwischen schon wieder ein stückweit zurückgenommen. Was ist also wirklich dran?

Ärztin Esther Klemperer impft im Gemeindehaus Ampermoching Benjamin Kohl mit der Erst-Impfung gegen das Corona-Virus Covid-19.
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Kürzlich meldeten sich zwei MDR-AKTUELL-Hörer, die der Impfung gegen das Coronavirus skeptisch gegenüberstehen. Sie hatten eine Studie entdeckt, die dem Thüringer Landtag vorgelegt worden sei. Diese besagt, es gebe einen Zusammenhang zwischen der Übersterblichkeit und der Impfung. "Das heißt, es wäre die Frage zu stellen, ob an der Impfung nicht mehr Leute sterben als geschützt werden", forderte einer der beiden Hörer.

Abgeordnete als Impfskeptikerin bekannt

Um es gleich vorweg zu nehmen: Erfunden ist die Studie nicht. Sie liegt MDR AKTUELL vor. Tatsächlich wurde sie im Thüringer Landtag vorgestellt, von einer als Impfskeptikerin bekannten Abgeordneten. Und: Die Fakten darin stimmen. Jedoch beweist das Papier eben nicht, dass Impfen zu einer höheren Sterblichkeit führt.

Doch der Reihe nach: Die Studie vergleicht die Übersterblichkeiten und die Impfquoten der einzelnen Bundesländer. Und zwar in der Zeit von Anfang September bis Anfang Oktober. Fünf Wochen. MDR AKTUELL hat nachgerechnet. In dieser Zeit ist zum Beispiel die Übersterblichkeit in Sachsen, wo wenig geimpft wurde, deutlich niedriger als in Bremen, wo viel geimpft wurde. In Thüringen und Bremen ist sie fast auf demselben Niveau. 

Studie nur noch eine "Notiz"

Jedoch: Die beiden Wissenschaftler, die das ausgerechnet haben, Rolf Steyer und Gregor Kappler, distanzieren sich nun von ihrer Studie. In einem Schreiben an MDR AKTUELL bezeichnen sie die Studie nur noch als "Notiz": "Unsere Notiz beweist keineswegs, dass eine erhöhte Impfquote zu einer erhöhten Sterbewahrscheinlichkeit führt. Wir möchten auch nicht, dass sie dahingehend fehlinterpretiert wird. Es gibt zahlreiche Gründe, welche die gefundene positive Korrelation erklären könnten, ohne einen negativen Effekt der Impfquote auf die Übersterblichkeit zu implizieren. Um die aktuelle Übersterblichkeit zu erklären, sind umfassendere wissenschaftliche Analysen geboten."

Und: Auf der Website eines der Autoren von der Universität Jena gibt es mittlerweile eine weitere, entscheidende Einschränkung. Der emeritierte Professor schreibt dort: "Unter Hinzunahme der jetzt verfügbaren KW 41 ist übrigens die von uns letzte Woche berichtete positive Korrelation nahezu gleich null." Will heißen: Dehnt man den Betrachtungszeitraum aus, verschwindet auch der Zusammenhang zwischen Impfquote und Übersterblichkeit fast oder sogar komplett.

Seit Impfbeginn: Übersterblichkeit in Thüringen 12 Prozent höher

MDR AKTUELL hat deshalb noch etwas umfangreicher gerechnet. Wir wollten wissen: Wie hat sich in den Bundesländern die Übersterblichkeit seit Beginn der Impfkampagne verändert? Also von Januar bis jetzt. Beim Blick auf die Zahlen ergibt sich ein ganz anderes Bild: Die Übersterblichkeit ist dann in Thüringen am höchsten – mit zwölf Prozent über dem Schnitt der Vorjahre. In Sachsen ist sie am zweithöchsten, mit plus neun Prozent. Und in Bremen ist sie im Vergleich dieser drei Bundesländer am niedrigsten.

Dort, wo also viel geimpft wurde, sterben auch weniger Menschen. Doch auch das beweist natürlich gar nicht, ob es wirklich einen Zusammenhang gibt zwischen Impfquote und Übersterblichkeit. Fakt ist: Alle seriösen Wissenschaftler empfehlen das Impfen, da es nach einer Infektion nachweislich die Überlebenschancen deutlich erhöht. 

Quelle: MDR AKTUELL

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 25. November 2021 | 06:00 Uhr

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