Niedrige Inzidenz Warum die vierte Welle den Osten bisher verschont

Deutschland steht vor dem zweiten Corona-Herbst. Die vierte Welle ist angekommen. Allerdings vor allem im Westen. Mitteldeutschland dagegen meldet ein weitgehend ruhiges Infektionsgeschehen. Dabei waren gerade Sachsen und Thüringen noch vor drei Monaten echte Hotspots mit Inzidenzen von über 500 in vielen Kreisen. Virologen und Statistiker mit Erklärungsmöglichkeiten.

Roter Wegweiser mit Aufschrift 'Inzidenz' und Schild mit Aufschrift 'Vierte Welle' vor Coronavirus und Deutschlandfahne
Die Inzidenzen in Deutschland steigen, die vierte Welle hat begonnen. Allerdings vor allem im Westen. Bildrechte: IMAGO / Christian Ohde

Wie eine Wetterfront, die von West nach Ost aufzieht, liegen die hohen Inzidenzwerte über Deutschland. Vor allem Nordrhein-Westfalen ist tiefrot eingefärbt. Der Osten dagegen vielerorts ist gelb und an manchen Stellen sogar noch grün.

Bertram Häussler ist Medizinstatistiker und Geschäftsführer des IGES-Instituts, das Zahlen zur Pandemie auswertet. Er sagt, die Situation aus dem vergangenen Jahr wiederhole sich, "dass im Grunde genommen die Kreise, die die höchsten Ausländeranteile haben, auch wieder die höchsten Inzidenzen haben".

Heimaturlaub in Ländern mit hoher Inzidenz

Denn viele Menschen mit ausländischen Wurzeln kehrten in den Ferien in die Heimat zurück. Häussler verweist darauf, dass diese häufig in Gebieten liege, die eine deutlich höhere Inzidenz als Deutschland haben, wie zum Beispiel der Türkei.

Neben diesen Heimatbesuchen sei auch der Austausch mit direkten Nachbarländern ein Faktor, sagt Häussler. In den Grenzregionen in Nordrhein-Westfalen sowie im Saarland spüre man die Auswirkungen aus Frankreich, Belgien und den Niederlanden, wo die Inzidenzzahlen ebenfalls hoch seien.

Schleswig-Holstein und der Sommertourismus

Urlauber genieߟen das sommerliche Wetter am Ostseeufer in Timmendorfer Strand.
Timmendorfer Strand in Schleswig-Holstein – Urlaub ist ein Treiber der Corona-Pandemie. Bildrechte: dpa

Aber auch in anderen Teilen Deutschlands gibt es einzelne Inseln mit hohen Inzidenzen: zum Beispiel Flensburg. Das war Mitte vergangener Woche sogar Spitzenreiter mit einer Inzidenz von 116. Stadtsprecher Clemens Teschendorf meint, hier wirke sich der Sommerferien-Tourismus aus: "Wir sind eines der Bundesländer die als erstes Ferien hatten und auch als erstes durch sind. Das heißt wir haben schon die gesamte Bandbreite an Reiserückkehrern, und das merken wir bei unseren Fallzahlen deutlich."

Bayern in Nord und Süd gespalten

In Bayern muss dagegen eine andere Erklärung für die Inzidenzzahlen her. Die Südhälfte des Landes ist tiefrot, während der Norden weit weniger Fälle meldet. Ulrike Protzer, Leiterin der Virologie an der TU München, sagt. "Also ein Unterschied zwischen Nordbayern und Südbayern lässt sich sicher nicht durchs Ferienende erklären, weil die Ferien ja dort gleichzeitig noch in vollem Gange sind."

Trotzdem seien es wohl auch hier die Reisenden, die das Infektionsgeschehen antreiben, vermutet die Virologin. Denn Südbayern habe ebenfalls einen großen Anteil an ausländischer Bevölkerung. Dieser fahre in den Ferien gern in die Heimat, und dadurch komme es dann auch zu einer stärkeren Durchmischung. Das sei eine mögliche Erklärung.

Statistiker: Inzidenz im Osten wird niedriger bleiben  

Für Medizinstatistiker Häussler erschließen sich so auch die niedrigen Zahlen im Osten, wo der Anteil der ausländischen Bevölkerung traditionell kleiner sei. Häussler meint: "Ich nehme daher auch nicht an, dass das Ferienende in Sachsen-Anhalt, in Thüringen und Sachsen zu einer so starken Erhöhung der Inzidenz führt."

So oder so könne man sich jetzt aber auch entspannter auf hohe Inzidenzzahlen einlassen, sagt Häussler. Denn viele Menschen, vor allem ältere, seien mittlerweile geimpft. Und das zeigt sich auch in den Krankenhäusern: in allen Bundesländern sind derzeit Intensivbetten frei.

Quelle: MDR AKTUELL

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL Radio | 23. August 2021 | 08:09 Uhr

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