Faktencheck Wieso müssen Geimpfte keine Coronatests mehr machen?

Die Bundesregierung plant, dass ungeimpfte Leute ihre Coronatests bald selbst bezahlen müssen. Geimpfte kommen hingegen ohne Tests aus. Doch ist das gerechtfertigt?

Passanten gehen an einem Corona-Testzentrum vorbei
Schnelltests galten als wichtiges Werkzeug im Kampf gegen die Corona-Pandemie. Doch ab Herbst werden sie kostenpflichtig sein. Bildrechte: dpa

Monatelang galten Tests auf das Coronavirus als geeignetes Mittel, um die Pandemie aufzuhalten. In der nationalen Teststrategie werden sie "zu den wichtigsten Werkzeugen im Kampf gegen die Corona-Pandemie" gezählt. Seit März gab es ein Anrecht auf einen kostenlosen Antigen-Schnelltest pro Woche. Jetzt, mit ausreichend Impfstoff, sollen die bislang kostenfreien Testmöglichkeiten abgeschafft werden. Da in vielen Bereichen die 3G-Regel – Geimpft, Genesen oder Getestet – gilt, kommen auf Ungeimpfte Kosten zu – je nachdem, ob Tests benötigt werden. Ist das Ende der kostenfreien Tests richtig?  

Tests müssen bald selbst bezahlt werden 

Bund und Länder haben die kostenlosen sogenannte Bürgertests am 7. März auf den Weg gebracht. Die sogenannte Teststrategie des Bundes sieht seitdem vor, dass jeder Mensch wöchentlich mindestens einen kostenloses Antigen-Schnelltest durchführen lassen darf. Die Abrechnung erfolgt über die Gesetzlichen Krankenkassen. Der Bund stellt für den Abstrich und die Beschaffung pro Test 11,50 Euro bereit.

Sollte ein Antigen-Schnelltest positiv ausfallen, muss das Ergebnis mit einem zuverlässigeren PCR-Test kontrolliert werden. Die Kosten für PCR-Tests werden grundsätzlich übernommen, wenn sie in Arztpraxen oder vom Gesundheitsamt beauftragt werden, das bleibt nach Angaben des Bunds auch weiterhin so. Bis Mitte August sind für die Kostenübernahmen für Antigen- und PCR-Tests nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums insgesamt 4,6 Milliarden Euro bereitgestellt worden. 

Am 11. Oktober läuft die Regelung zur Kostenübernahme der Antigen-Schnelltests aus. Beim Besuch der Innengastronomie oder bei Veranstaltungen ist allerdings eine Testpflicht weiter vorgeschrieben. Wer nicht geimpft oder genesen ist, muss sich weiterhin testen lassen – und die Kosten dafür selbst tragen. 

In den Schulen in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen wird in Abhängigkeit von der Inzidenz auch weiterhin getestet. Ausgenommen sind Geimpfte und Genesene.  

Auch im Gesundheitswesen müssen Mitarbeitende sich weiter testen lassen. In Sachsen sind drei wöchentliche Tests vorgeschrieben, in Sachsen-Anhalt zwei und in Thüringen ist ein Test pro Woche Pflicht. In Sachsen-Anhalt sind Geimpfte und Genesene nach Angaben des Sozialministeriums von der Testpflicht ausgenommen. Die Ministerien in Sachsen und Thüringen ließen die Beantwortung der Nachfrage offen. 

Welche Kosten auf Ungeimpfte zukommen könnten 

Wie viel ab Mitte Oktober für einen Antigen-Schnelltest in einem Testzentrum gezahlt werden muss, ist noch nicht klar. Nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums können die bisherigen Kosten von 11,50 Euro je Antigen-Schnelltest schätzungsweise auch künftig fällig werden. Details seien noch nicht bekannt, weil die Testverordnung noch angepasst werden müsse. Damit ist auch noch offen, ob es eine staatliche Regulierung, etwa eine Preisobergrenze für die Tests gibt. 

Laut Bund-Länder-Beschluss soll es aber Ausnahmen von der Selbstzahlung geben. Das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) bestätigte dem MDR, "dass Personen, die sich nicht impfen lassen können oder für die keine allgemeine Stiko-Empfehlung vorliegt, weiterhin nicht für Schnelltests zahlen sollen. Dazu gehören Personen, für die eine Impfung nicht empfohlen wird und Menschen, die sich aus gesundheitlichen Gründen nicht impfen lassen können. Das entscheidet letztlich der behandelnde Arzt." 

Derzeit gibt es insbesondere für Schwangere und Kinder unter zwölf Jahren keine Impfempfehlung der Stiko. Bei den 12- bis 17-Jährigen führt die erst kürzlich ausgesprochene Impfempfehlung dazu, dass für diese Gruppe die Tests selbst bezahlt werden müssen. Allerdings sind bei den 12- bis 17-Jährigen bisher nur 15 Prozent vollständig geimpft 

Auch Geimpfte können Virusträger sein 

Impfungen schützen laut Studiendaten erheblich gegen das Coronavirus. Dennoch: Auch vollständig Geimpfte können sich mit dem Virus infizieren und erkranken, sie erleiden einen sogenannten Impfdurchbruch. Laut dem Robert Koch-Institut (RKI) wurden Stand 2.9.2021 in Deutschland 24.098 wahrscheinliche Impfdurchbrüche verzeichnet. Für das RKI bestätigt diese Zahl die Wirksamkeit der Impfungen. "Dass im Laufe der Zeit mehr Impfdurchbrüche verzeichnet werden, ist erwartbar, da generell immer mehr Menschen geimpft sind und sich SARS-CoV-2 derzeit wieder vermehrt ausbreitet. Dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit, als vollständig geimpfte Person mit dem Virus in Kontakt zu kommen", heißt es im Lagebericht.  

Corona-Testzentrum
Zwischenzeitlich gab es an vielen Ecken Testzentren – was bleibt davon übrig im Herbst? Bildrechte: dpa

Der Blick auf die Zahlen zeigt: Besonders gefährdet sind die Über-60-Jährigen. Dort lag der Anteil der Impfdurchbrüche an den Coronafällen zuletzt (Kalenderwochen 31 bis 34) bei rund 40 Prozent. Bei den anderen Altersgruppen lag der prozentuale Anteil hingegen deutlich niedriger. Ähnlich sieht es bei den Geimpften aus, die mit einer Infektion im Krankenhaus behandelt werden müssen. Dort liegt der Anteil bei der Über-60-Jährigen bei rund 19 Prozent, bei den 18- bis 59-Jährigen hingegen nur bei rund 6 Prozent.  

Allerdings: Die Impfdurchbrüche zeigen nur, wie viele Menschen sich trotz Impfung mit dem Virus anstecken, nicht aber, wie hoch die Viruslast und damit die Ansteckungsgefahr für andere Menschen ist. Das RKI schreibt dazu: "In der Summe ist das Risiko einer Virusübertragung stark vermindert. Es muss jedoch davon ausgegangen werden, dass einige Menschen nach Kontakt mit SARS-CoV-2 trotz Impfung (asymptomatisch) PCR-positiv werden und dabei auch infektiöse Viren ausscheiden." Das Ausmaß, in dem die Virusübertragung reduziert werde, variiere möglicherweise auch nach Virusvariante. Der Schutz scheine bei der derzeit vorherrschenden Delta-Variante geringer sein als bei der Alpha-Variante. 

Der Virologe Alexander Kekulé verwies kürzlich im MDR-Podcast "Kekulés Corona-Kompass" auf eine aktuelle Studie eines Forscherteams aus den Niederlanden zu geimpften Beschäftigen im Gesundheitswesen. Danach sei die Viruslast bei Geimpften und nicht Geimpften zumindest zu einem gewissen Zeitpunkt der Erkrankung ähnlich hoch. Allerdings: Geimpfte seien deutlich kürzer ansteckend. Die Tendenz sei aber klar: Geimpfte seien zwar weniger, aber dennoch ansteckend. "Wir müssen einfach feststellen, dass von den Geimpften auch eine Gefahr ausgeht", sagte Kekulé.

Die Wahrscheinlichkeit sich bei einem geimpften Menschen anzustecken, sei wahrscheinlich ein Viertel so hoch, wie bei einem Ungeimpften. Dazu komme, dass die Wahrscheinlichkeit sich als Geimpfter anzustecken nur rund ein Fünftel so hoch sei, wie bei Ungeimpften. Insgesamt ergebe sich daraus, dass ungeimpfte Menschen zehn bis zwanzig Mal so gefährlich seien, andere anzustecken. 

Auf Anfrage teilte auch das Bundesministerium für Gesundheit dem MDR mit, dass die aktuelle Datenlage darauf hindeute, dass Geimpfte weniger lang ansteckend seien als Ungeimpfte. Auch eine geringere Viruslast sei möglich. Geimpfte würden "bei der Epidemiologie der Erkrankung keine wesentliche Rolle mehr spielen", schreibt das BMG. 

Warum die Kosten für die Tests nicht mehr übernommen werden 

Dass sich Geimpfte und Genesene nicht mehr testen lassen müssen, geht auf eine Verordnung im Mai zurück. Darin ist festgehalten, dass für Menschen, von denen kein erhebliches Infektionsrisiko mehr ausgeht, "im gebotenen Umfang Erleichterungen und Ausnahmen von Schutzmaßnahmen vorgesehen werden". Die Verordnung war die Grundlage für die 3G-Regel – also die Gleichstellung von Geimpften, Genesenen und Getesteten. Allerdings: Damals war in Deutschland noch nicht die Delta-Variante vorherrschend. 

Eine Mitarbeiterin in Schutzkleidung macht einen Abstrich im Corona-Testzentrum in der Messe Erfurt
Testzentrum auf der Messe Erfurt. Bildrechte: dpa

Ungeachtet dessen hält das Bundesministerium für Gesundheit an der Verordnung fest. Auf Nachfrage erklärt es, dass die in Deutschland eingesetzten Impfstoffe gegen das Coronavirus eine Infektion in einem erheblichen Maße verhindere. Grundlage seien die Zulassungs- und Beobachtungsstudien zu den Impfstoffen. Allgemein sei die Infektionsgefahr durch eine abgeschlossene Impfung geringer.  

Auch bei Impfdurchbrüchen geht das Bundesgesundheitsministerium davon aus, dass die Viruslast und die Dauer der Ansteckungsgefahr geringer ist. Diese Daten seien aber noch nicht abschließend belegt, zudem "scheint es jedoch Unterschiede je nach Virus-Variante zu geben", erklärt das Ministerium. Um eine Infektionsgefahr durch Geimpfte gering zu halten, sei das Einhalten der Infektionsschutzmaßnahmen (Abstand, Hygieneregeln, Maske tragen, Corona-Warn-App nutzen und Lüften) auch weiterhin notwendig.  

Das Bundesgesundheitsministerium weist auf eine Empfehlung des Robert Koch-Institus hin, aus der hervorgeht, dass auch geimpfte Mitarbeitende im Gesundheitswesen weiterhin getestet werden sollten. In Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen wird die Empfehlung aber offenbar nicht umgesetzt. Auf Nachfrage des MDR bestätigten die zuständigen Ministerien nicht, dass es in den Ländern eine Testpflicht für Geimpfte gebe. 

Was Mediziner denken 

Doch wie werden die aktuellen Testmöglichkeiten in der Praxis eingeschätzt? Stephan Borte ist stellvertretender Leiter des Immundefektcentrums Leipzig (ICDL) und Chefarzt des medizinischen Zenrallabors am Klinikum St. Georg Leipzig. Borte sieht bei den Corona-Schnelltests an sich eine unzureichende Qualität. Denn diese seien bei nicht symptomatischen Getesteten auch mit einer hohen Rate falsch-positiver Ergebnisse behaftet, insbesondere, wenn die Inzidenz niedrig sei. Besser sei es, anlassbezogen oder personengruppenbezogen zu testen, sagte Borte dem MDR.  

Bei aller Skepsis hält Borte die Tests zugleich für einen guten Indikator: Wenn weniger getestet werde, seien auch die Informationen zur Häufigkeit von Neuinfektionen dünner gesät. Man müsse aufpassen, dass die vierte Welle bei unzureichenden Impfquoten und gleichzeitigem Wegfall von allgemeinen Hygienemaßnahmen nicht zum "Blindflug" werde.  

Vieles bleibt unklar – weitere Regelungen notwendig 

Wenn der Staat die Kosten für Schnelltests nicht mehr übernimmt, bleibt bisher vieles unklar: Etwa der Preis – und ob für Kinder und Jugendliche ab zwölf Jahren die Kosten weiter übernommen werden. Denn für Kinder und Jugendliche gibt es erst seit kurzem eine Impfempfehlung – sie hatten also weniger Zeit, sich impfen zu lassen. Der Bund-Länder-Beschluss sieht aber eigentlich vor, dass sie die Kosten selbst tragen müssen. 

Neben den Kosten ist die Gefahr durch Geimpfte nicht abschließend geklärt. Neuere Daten weisen darauf hin, dass auch Geimpfte das Virus übertragen können – auch wenn von ihnen eine viel geringere Gefahr auszugehen scheint als von Ungeimpften.  

Trotz geringerer Gefahr empfiehlt das RKI das geimpfte Personal in Kranken- und Pflegeeinrichtungen weiterzutesten. In Mitteldeutschland wurden diese Empfehlungen allerdings offenbar bisher nicht in den Länderverordnungen eingebunden. 

Quelle: MDR AKTUELL

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | MDR AKTUELL RADIO | 30. August 2021 | 06:38 Uhr

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