Unklare Formulierung im Koalitionsvertrag Den Wolf "managen" – aber wie?

Der Schutz des Wolfes ist umfassend geregelt. Ein Abschuss ist nur unter bestimmten Voraussetzungen erlaubt. Ankündigungen im Koalitionsvertrag zum Umgang mit Wölfen lösen jetzt Verunsicherung aus.

Im Natur- und Umweltpark in Güstrow ist am 10.02.2011 ein Rudel Wölfe unterwegs.
Der Wolf ist in Deutschland wieder heimisch und bedarf eines "Bestandsmanagements". Die Bundesregierung will das dem Koalitionsvertrag zufolge "regional differenziert" ermöglichen. Bildrechte: dpa

Gleich vorneweg soll erwähnt sein: Der Koalitionsvertrag ist ein Vertrag der Kompromisse, was sich in vielen vagen Formulierungen zeigt. Auch bei den wenigen Sätzen zum Wolf ist viel Interpretationsspielraum möglich. So ist unter anderem von einer Überarbeitung des Wolfsmonitorings die Rede, um den Wolfsbestand in Deutschland "realitätsgetreu abzubilden". Das wirft die Frage auf, wie realistisch die bisherigen Wolfszählungen waren.

Außerdem wollen die Koalitionspartner ein "regional differenziertes Bestandsmanagement" ermöglichen. Sind damit mögliche "Entnahmen" gemeint? Bei Naturschutzverbänden und Wolfsfreunden löst das Verunsicherung aus – auch weil alles erstmal möglich scheint. Das zuständige Umweltministerium kann die Koalitionsvereinbarungen noch nicht abschließend einordnen, sieht aber keinen Grund zur Sorge um den Wolf.

Ausgangslage: Wachsender Wolfsbestand sorgt für Konflikte

Auf Seite 38 des Koalitionsvertrags weisen die Koalitionspartner darauf hin, dass sie das Ziel verfolgen, "das Zusammenleben von Weidetieren, Mensch und Wolf so gut zu gestalten, dass trotz noch steigender Wolfspopulation möglichst wenige Konflikte auftreten".

Der Hinweis auf den wachsenden Wolfsbestand verdeutlicht das damit einhergehende steigende Konfliktpotential zwischen Mensch und Wolf, aber auch zwischen jenen Akteuren, die mit dem Wolf zu tun haben. Wurden im Berichtsjahr 2013/2014 deutschlandweit 25 Wolfsrudel und 8 territoriale Paare sowie 3 Einzelwölfe erfasst, so sind es im aktuellen Berichtsjahr 2020/2021, 157 Wolfsrudel, 27 Wolfspaare und 19 sesshafte Einzelwölfe.

Diese Entwicklung ändert nichts daran, dass der Wolf in der Roten Liste der Säugetiere Deutschlands (2020) in der Kategorie "Gefährdet" eingestuft wird. Auch die europäische Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie stellt den Wolf unter besonderen Schutz. Er darf nicht gejagt, sondern nur in Ausnahmefällen getötet werden. Das kann sogenannten Problemwölfen blühen, wenn die sich beispielsweise auffällig gegenüber dem Menschen verhalten.

Außerdem ist der Abschuss erlaubt, wenn durch Nutztierrisse ernste wirtschaftliche Schäden drohen. Auch hier müssen bestimmte Voraussetzungen gegeben sein und eine Genehmigung im Einzelfall von der zuständigen Behörde eingeholt werden. In den vergangenen 21 Jahren – also seitdem es den Wolf wieder in Deutschland gibt – wurden acht Wölfe infolge solcher Einzelfall-Entscheidungen getötet.

"Regional differenziertes Bestandsmanagement"

Nun sprechen die Koalitionspartner in ihrem Koalitionsvertrag von einem "regional differenzierten Bestandsmanagement", das sie den Ländern "europarechtskonform" ermöglichen wollen. Auf Anfrage des MDR, ob das auch eine Bejagung des Wolfes beinhalte, antwortet das Bundesumweltministerium: "Eine Regulierung durch Jagd ist vor dem Hintergrund des strengen Schutzstatus des Wolfes und des Gefährdungsstatus der deutschen Population nicht möglich."

Was hat es also mit dem regional differenzierten Bestandsmanagement auf sich? Diese Frage kann aktuell noch nicht konkret beantwortet werden – auch nicht vom Bundesumweltministerium: "Die Frage eines europarechtskonformen, regional differenzierten Bestandsmanagements bedarf (…) einer umfassenden rechtlichen Prüfung."

Dass das Wolfsmanagement bereits jetzt schon differenziert abläuft, darauf weist das Umweltministerium in Thüringen hin. Die Ausgangslage des jeweiligen Bundeslands – also Wolfsbestand (Anzahl insgesamt, Vorkommen von Problemwölfen, Hybride), Art und Weise der Weidetierhaltung (Schafe, Rinder, Hütehaltung, Koppelhaltung, Deiche) – werde bei der Art der Maßnahmen berücksichtigt, heißt es von dort.

In Sachsen leben nach Brandenburg und Niedersachsen die meisten Wolfsrudel. Im Rahmen der gesetzlichen Ausnahmeregelung wurden hier bislang zwei Wölfe getötet. Das sagt Matthias Rau, der die Fachstelle Wolf in Sachsen leitet. Zu einem "regional differenzierten Bestandsmanagement" meint er: "Es ist völlig offen, ob damit ein passives oder aktives Management gemeint ist. Es kann sich auch um eine Kombination aus beidem handeln." Er verweist darauf, dass abgewartet werden müsse, was genau "regional differenziert" gemacht werden könne.

Naturschutzbund beunruhigt – Jagdverband ohne große Hoffnungen

"Dieser Satz beunruhigt uns etwas", meint dagegen Marie Neuwald, Referentin zum Thema Wolf beim Naturschutzbund (Nabu). Sie lese durchaus das Bestreben heraus, den Wolf künftig aktiver zu managen – also auch mit einer Bejagung.

"Praktisch kann das aber noch nicht umgesetzt werden", sagt die Referentin. Denn das Bundesnaturschutzgesetz müsse sich am EU-Recht orientieren. Frankreich und Schweden hätten Wölfe zwar per Quote zum Abschuss freigegeben, hätten deswegen aber Probleme mit der EU: "Dass die Bundesregierung eine Bejagung bzw. aktive Regulierung abseits von den heute schon möglichen Ausnahmegenehmigungen möglich macht und Strafzahlungen in Kauf nimmt – das kann ich mir aktuell nicht vorstellen." Neuwald interpretiert die offene Formulierung als Zugeständnis an die FDP und hofft, dass es bei einer leeren Worthülse bleibt.

Ähnlich sieht es Torsten Reinwald vom Deutschen Jagdverband (DJV), wenn auch mit einer anderen Bewertung: "Ich habe keine großen Hoffnungen, dass sich auf Bundesebene etwas verändern wird", sagt er. Aus seiner Sicht müsste sich die neue Umweltministerin – auch wenn diese mit Steffi Lemke von den Grünen gestellt wird – im Hinblick auf ein aktiveres Bestandsmanagement öffnen, denn: "Wenn ich etwas für die Akzeptanz des Wolfes tun möchte, dann muss ich die Akzeptanz in der Bevölkerung stärken." Darum sei es jedoch nicht gut bestellt, weil Wölfe durch ihre stärker werdende Präsenz immer häufiger Weidetiere reißen würden. Zum Vergleich: Haben Wölfe im Jahr 2014 350 Nutztiere getötet oder verletzt, waren es 2020 fast 4.000.

"Realitätsgetreue" Abbildung der Wölfe in Deutschland

Ein weiteres Vorhaben im Koalitionsvertrag betriff das Thema Wolfs-Monitoring. "Wir werden durch eine Überarbeitung der Monitoringstandards die Anzahl der in Deutschland lebenden Wölfe realitätsgetreu abbilden". Wird also aktuell der Bestand an Wölfen nicht realitätsgetreu abgebildet?

Ein Wolfsrudel ist in einer Aufnahme einer Fotofall zu sehen.
Kamerafallen wie diese kommen beim Wolfsmonitoring zum Einsatz. Bildrechte: dpa/Thüringer Ministerium für Umwelt, Energie und Naturschutz

Das verneint das Bundesumweltministerium auf MDR-Anfrage und stellt lediglich eine "Überarbeitung der Monitoringstandards" in Aussicht, bei der die realitätsgetreue Abbildung beibehalten werden solle.

Die aktuellsten, erst Anfang Dezember veröffentlichten Zahlen zum Wolfsbestand sind nach Aussage des DJV allerdings schon wieder "von gestern". Tatsächlich sind die Zahlen ein gutes halbes Jahr alt, weil der Berichtszeitraum vom 1. Mai 2020 bis zum 30. April 2021 geht (von Geburt der Welpen bis zum Ende ihres ersten Lebensjahres).

Marie Neuwald vom Nabu hat für die späte Veröffentlichung Verständnis, denn das Monitoring sei ein komplizierter Prozess. Jedes Bundesland erhebe nach den gleichen Standards Daten zu seinen Wölfen. Die würden dann von der Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Wolf noch einmal überprüft und letztlich zusammengefasst. Für eine aktuellere Erfassung müssten die personellen Kapazitäten in den Ländern aufgestockt werden. Neuwald weist darauf hin, dass häufig die einzelnen Wolfskompetenzzentren der Länder über die ganz aktuelle Verbreitung informieren würden. "Interessierte Menschen schauen dann direkt dort online nach", sagt sie.

Kritik vom Jagdverband: Individuenzahlen fehlen

Der Deutsche Jagdverband kritisiert zudem, dass das Bundesamt für Naturschutz (BfN) keine Individuenzahlen nenne. Eine "realitätsgetreue" Abbildung der Wolfspopulation in Deutschland könnte sich auf Hochrechnungen stützen, nach denen ein Rudel aus durchschnittlich acht Tieren bestehe. Demnach wäre von rund 1.600 Wölfen in Deutschland auszugehen. Der Vorteil hier nach Ansicht von Torsten Reinwald vom DJV: "Es wäre eine Zahl, die in Relation mit Wolfspopulationen in anderen Ländern gesetzt werden könnte. Man könnte ehrlicher argumentieren." Die aktuell veröffentlichten Zahlen erweckten zudem den Eindruck, den Wolfsbestand klein zu machen.

Anders sehen das die Umweltministerien in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. So schreibt das Ministerium in Sachsen-Anhalt, dass die erzielten Daten eine gesicherte Belastbarkeit und Vergleichbarkeit unter den Bundesländern und auch im europäischen Vergleich ermöglichen würden. Bisher nennt das Bundesamt für Naturschutz ausschließlich die Anzahl erwachsener Wölfe. Für den aktuellen Berichtszeitraum wären das rund 430. Die Begründung des BfN, mit der auch das Bundesumweltministerium auf MDR-Anfrage argumentiert: Die Rudelgrößen würden sich stark unterscheiden, sodass eine Schätzung eines Gesamtbestands von Wölfen in Deutschland bestenfalls mit einer großen Unsicherheit durchgeführt werden könnte.

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