Hinter die Zahlen geschaut Was die Rentenstatistik wirklich verrät – und was nicht

Laut Statistik arme Rentner, die doch reich sind? Altersrente bekommen, ohne einzuzahlen? Unterschiede im Erwerbsleben von Ost und West? Dazu sagt die Rentenstatistik nichts. Aber MDR-Wirtschaftsredakteur Frank Frenzel!

Rentnerpaar sitzt im grünen
Die aktuellen Pläne zur Berechnung der Rente ab 2025 lassen kein Grund zur Freude aufkommen. Bildrechte: Colourbox.de

Wussten Sie, dass man (oder besser frau) eine gesetzliche Rente beziehen kann, ohne auch nur einen Cent in die Rentenkasse einzahlen zu müssen? Oder dass es Rentner gibt, die scheinbar mehr Rente beziehen und trotzdem viel ärmer sind? Oder dass arme Rentner durchaus reich sein können? Wir sind in die Tiefen der deutschen Rentenstatistik abgetaucht und versuchen ein paar Schätze - sprich: Wahrheiten - zu heben.

Lob der Rentenversicherung

Zunächst müssen wir die Deutsche Rentenversicherung loben. Ja, richtig gelesen: loben! Und das völlig ohne Ironie. Denn kaum ein Bereich im Leben der Deutschen ist so gut statistisch erfasst wie die gesetzliche Rente.

Die Statistiker der Deutschen Rentenversicherung wissen einfach alles: Z.B., wie viele Rentner 1960 im Saarland in Rente gingen und wie viele davon Bergmannsrenten waren. (Damals hatten sowohl das Saarland als auch die Rentenkasse noch genügend Kohle!) Oder: Wie viel der Bruttorente ging 1972 als Krankenversicherungsbeitrag an die Krankenkassen? Oder: Wie viele Versicherte bekamen im Jahr 2019 eine Erwerbsminderungsrente und wie hoch war die Rente im Durchschnitt? Und das alles fast immer schön geordnet nach Männern und Frauen oder Ost und West. Sogar Daten zur Rente in der DDR gibt es.

Allerdings muss man auch wissen, was in der Statistik wirklich steckt. Weshalb wir hier ein paar interessante Fakten präsentieren wollen, die für das Verständnis um die Zukunft der Rente nicht ganz unwichtig sind.

Länger arbeiten, mehr einzahlen, weniger Rente

Geschichte schrieb der Spruch von Walter Ulbricht aus dem Sommer 1961, dass er nicht beabsichtige, eine Mauer zu bauen. Ein paar Tage später tat er es dann doch. So ähnlich – bezogen auf die Rente – liest sich der aktuelle Vorschlag des Wissenschaftlichen Beirates des Bundeswirtschaftsministeriums (BMWi) für eine Rentenreform: Niemand hat die Absicht, Renten zu kürzen – und tut es doch!

Geplant ist nämlich nicht nur eine längere Lebensarbeitszeit bis 68 Jahre (und darüber hinaus) sondern auch ein sinkendes Rentenniveau – wenngleich das mit diversen Rechentricks kaschiert werden soll. Sinkende Renten soll es nicht geben, und natürlich wird auch keine Rente gekürzt. Aber wer in zehn, 20 oder 30 Jahren in Rente geht, dem hilft das wenig, wenn unterm Strich weniger gezahlt wird als der älteren Generation.

Die Experten schreiben in ihrem Gutachten, dass ein sinkendes Rentenniveau nicht zwangsläufig zu einer geringeren Kaufkraft führen muss. Die Kaufkraft könne sogar steigen. Das kann durchaus funktionieren, wenn nämlich die Löhne und damit die an die Lohnentwicklung gekoppelten Renten schneller steigen als die Preise.

-

Aktuelle Pläne: Renten sollen von Lohnentwicklung abgekoppelt werden

Wenn aber – wie empfohlen – die Renten von der Entwicklung der Löhne abgekoppelt werden und die Renten bestenfalls so stark steigen wie die Preise, dann kann auch nicht die Kaufkraft steigen. Wie denn? Und – wie von den Experten vorgeschlagen – die Kaufkraft als neues Kriterium für das Rentenniveau zu machen, dürfte wohl ziemlich kontraproduktiv sein.

Gerade bei lebensnotwendigen Ausgaben wie Lebensmittel, Energie oder Mieten stiegen in der Vergangenheit die Preise stärker als bei anderen Dingen. Und das trifft in der Regel Geringverdiener – und auch Rentner – härter.

Statistiktrick bei Neurentnern

Wie schön sich ein sinkendes Rentenniveau in der Statistik kaschieren lässt, zeigt sich am Beispiel der Neurentner. Die Rentenversicherung spricht von Zugangsrentnern, also Versicherten, die in einem bestimmten Jahr in Rente gehen.

Allein für den Bereich "Rentenzugang" gibt es viele Statistiken. Eine heißt: "durchschnittliche Zahlbeträge der Versichertenrenten nach Rentenarten." Dort steht z.B., wie hoch die Altersrenten sind, je nachdem, in welchem Jahr jemand in Rente ging. Bis auf ganz wenige Ausnahmen zeigt sich: Von Jahr zu Jahr steigen diese Werte.

Beispiel: Ostdeutsche Männer

Ein Ostmann, der 1993 in Rente ging, startete im Durchschnitt mit 794 Euro in die Rente. Wer 2005 in Rente ging, bekam schon 906 Euro, wer 2019 in Rente ging 1.100 Euro. Diese Beträge sind netto, also minus der Krankenkassenbeiträge.

Auf den ersten Blick sieht es so aus, als würden die Renten von Jahrgang zu Jahrgang steigen. Die Statistik zeigt aber nicht, dass z.B. die Rente im Jahr 1993 mit einem viel geringeren Rentenwert berechnet wurde als z.B. 2019. Denn von 1993 bis 2019 stieg ja der Rentenwert. 1993 betrug dieser Rentenwert 32,17 DM oder umgerechnet 16,44 Euro.

Der Rentner des Jahrganges 1993, der 794 netto bzw. 886 Euro brutto Rente bekam, erhielt im Durchschnitt 53 Entgeltpunkte. 2019 betrug der Rentenwert 31,89 Euro. Das macht bei 1.100 Euro netto bzw. 1.226 Euro brutto nur noch 38 Entgeltpunkte.  

15 Punkte Unterschied zu 1993 (Vergleichsjahr: 2019) Um die Renten der Jahrgänge 1993 und 2019 vergleichbar zu machen, müsste man eigentlich die Zahl der Entgeltpunkte beider Jahrgänge mit dem aktuellen Rentenwert berechnen. Danach kommt der 1993er Jahrgang auf 1.690 Euro, der 2019er-Jahrgang auf 1.226 Euro brutto, 464 Euro weniger.

Schlechterstellung Jüngerer durch Rentenreformen

Jüngere Rentner sind also wesentlich schlechter gestellt. Ursache sind mehrere Rentenreformen, die seit Mitte der 1990er-Jahre zu sinkenden Rentenansprüchen führten:

  • Rentenkürzungen bei vorzeitigem Rentenbeginn
  • Wegfall von Renten-Anrechnungszeiten, z.B. für Schule oder Studium
  • Neue Rentenformel

Frauen holen durch Mütterrente auf

Dass es auch anders geht, zeigen die Frauen. Hier haben die jüngeren Jahrgänge bessere Renten: Eine Frau aus den neuen Bundesländern, Rentenbeginn 1993, ging damals im Durchschnitt mit 471 Euro netto (ca. 525 Euro brutto) und 32 Entgeltpunkten in Rente.

Eine Frau mit Rentenbeginn 2019 kommt auf 1.034 Euro netto (1.153 Euro brutto) und damit auf 36 Entgeltpunkte, also 4 Punkte mehr, was einem Plus von etwa 130 Euro entspricht.

Natürlich sind auch Frauen von den Rentenreformen der vergangenen Jahre betroffen – bei ihnen wirkt sich aber eine wichtige sozialpolitische Maßnahme der Bundesregierung positiv aus: die Einführung der Mütterrente.

Hier gibt es Rentenansprüche – ohne eigene Beiträge eingezahlt zu haben

Die Mütterrente führt übrigens dazu, dass Frauen eine Rente beziehen können, ohne je in die gesetzliche Rentenversicherung eingezahlt zu haben. Die sogenannte Mütterrente honoriert die Erziehung von Kindern und damit den Beitrag von Eltern zur Funktionsfähigkeit des Rentensystems. Denn ohne nachrückende Generationen und damit neue Beitragszahler funktioniert Rentensystem nicht.

Für jedes vor 1992 geborene Kind erhält eine Frau 2,5 Entgeltpunkte, das sind aktuell etwa 83 Euro, die für die Rente monatlich gutgeschrieben werden. Für jedes nach 1992 geborene Kind gibt es sogar 3 Entgeltpunkte, was ca. 100 Euro ausmacht. Bei zwei Kindern würde eine Frau also 200 Euro Rente zusätzlich im Monat bekommen, bei drei Kindern 300 Euro, usw.

Eine Mutter mit ihren beiden Söhnen an einem Tisch im Wohnzimmer
Die Mütterrente gibt es auch für Mütter, die nie in die gesetzliche Rentenversicherung eingezahlt haben. Bildrechte: dpa

Diese Rentenbeiträge gibt es auch dann, wenn jemand nicht in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlt, z.B. Freiberufler wie Ärztinnen, Apothekerinnen, Architektinnen oder Rechtsanwältinnen. Sie zahlen meist in berufsständische Versorgungswerke ein, bei Rechtsanwälten ist dies vielfach sogar verpflichtend, so dass Frauen in diesen Berufsgruppen mit Erreichen des gesetzlichen Rentenalters für die Geburt ihrer Kinder eine Rente erhalten, ohne je Rentenbeiträge gezahlt zu haben.

Das erscheint nicht gerade solidarisch. Auf der anderen Seite werden die Mütterrenten aus Steuermitteln finanziert, die auch von diesen Berufsgruppen erwirtschaftet werden.

Statistiktrick bei der Versicherungsdauer

Wegen der längeren Lebensarbeitszeit bei einer Rente mit 68 empfiehlt der Expertenbeirat des Bundesministeriums das Sicherungsniveau der Rente nicht wie bisher auf Basis von 45 Jahren, sondern auf 47 Jahren eines Durchschnittsverdienstes zu berechnen. Das heißt, die sogenannte Standardrente würde dann – nach heutigem Rentenwert Ost – von 1.495,35 Euro im Monat auf 1.561,81 Euro steigen, auf Basis von 47 Jahren eines Durchschnittsverdienstes berechnet.

Klingt gut. Nur – 47 Versicherungsjahre schaffen die allerwenigsten Arbeitnehmer. Laut offizieller Statistik für den Rentenzugang, also für Neurentner, kommt ein 2019 in Rente gegangener Mann im Osten auf 43,4 Versicherungsjahre. Im Westen sind es sogar nur 41,4 Jahre.  Frauen im Osten kommen auf 43,6 Jahre, im Westen nur auf 34,7 Jahre. In jedem Fall liegen die Werte unter 45 Jahre und können nicht mal nach der alten Formel als "Standard" bezeichnet werden.

Vergleich Altersrente Ost/West: Was die Zahlen nicht (aus-)sagen

Seit vielen Jahren wird in den Medien die Rentenstatistik bemüht, wonach Ostdeutsche eine höhere gesetzliche Rente beziehen als Westdeutsche. Bei Frauen ist dies der Fall, weil Ostfrauen in der DDR fast immer berufstätig waren, anders als im Westen. Aber auch die Männerrenten sind im Osten höher.

Das sind die Zahlen, Stand 31.12.2019 (Angabe in netto) - Männer:
West 1.169 Euro, Ost 1.264 Euro
- Frauen
West 700 Euro, Ost 1.033 Euro

Der Haken an dieser Statistik ist bekannt, beim Vergleich der Renten in Ost und West werden Äpfel mit Birnen verglichen.

Viele Unterschiede im Erwerbsleben

Anders als in der "alten" Bundesrepublik und heute im vereinten Deutschland waren in der DDR alle Erwerbstätigen gesetzlich rentenversichert. Jeder zahlte in die Rentenversicherung ein. Es gab keine Beamten, die im Alter Pensionen bezogen und deren Altersversorgung aus einem völlig anderen Topf stammt.

Auch Selbständige, Unternehmer oder Freiberufler, wie Ärzte, Apotheker, Rechtsanwälte oder Architekten konnten in der DDR nicht in andere Versorgungssysteme "flüchten", so wie das heute für diese meist gutverdienenden Berufsgruppen möglich ist, die in berufsständischen Versorgungswerken für ihr Alter ansparen können. All diese Berufsgruppen – die auch in der DDR nicht zu den Geringverdienern gehörten – waren in der DDR rentenpflichtversichert und beziehen heute relativ gute Renten. Sie heben also den Ost-Durchschnitt an. Im Westen dagegen sind diese Berufsgruppen gar nicht in der Rentenstatistik enthalten, weil sie ja eben nicht zum gesetzlichen Rentensystem gehören.

Lücken im Versicherungsverlauf

In den o.g. Zahlen stecken indes alle aktuell gezahlten Renten, also auch jene, die schon seit vielen Jahren gezahlt werden. Viele ältere Ostrentner können noch einen lückenlosen Versicherungsverlauf vorweisen. Arbeitslosigkeit gab es in der DDR nicht. Und so kommen sie auf viele Versicherungsjahre und damit hohe Renten.

Anders wird es – zumindest bei den Männern – wenn man sich die Renten der Zugangsrentner anschaut. Ein Ostdeutscher, der 2019 in Rente ging, hat den Großteil seines Arbeitslebens im vereinten Deutschland verbracht. Und hier sieht es jetzt anders aus.

Neurentner (nur Männer) 2019 (Angabe in netto) Ost: 1.100 Euro
West: 1.140 Euro

Wie der Ost-West-Rentenunterschied tatsächlich aussieht, zeigt sich auch am Beispiel der Renten für sogenannte "besonders langjährig Versicherte". Das sind Renten von Menschen, die über 45 Jahre gearbeitet haben. Wegen der ähnlichen langen Versicherungszeit lassen sich hier gut Rückschlüsse auf bestehende Unterschiede ziehen.

Rentner (nur Männer) mit 45 Beitragsjahren (Stand 2019, Durchschschnitt, Angabe in netto) - West: 1.578 Euro
- Osten: 1.277 Euro

Arme Rentner, die tatsächlich reich sind

Warum aber ist die Durchschnittsrente aller Männer im Westen so niedrig? Kaum zu glauben, ausgerechnet die Renten gutsituierter Westsenioren lassen die Durchschnittswerte im Westen sinken. Um das zu verstehen, müssen wir uns weiter in die Tiefen der Rentenstatistik begeben. Danach haben zum Stichtag 31.12.2019 in den alten Bundesländern 1.650.996 Männer eine gesetzliche Rente von unter 600 Euro im Monat bezogen. Das sind sage und schreibe 22,8% aller Männer. In den neuen Bundesländern sind es nur 6%.

Sind also Westmänner massiv von Altersarmut betroffen?

Bei einer Rente von unter 600 Euro im Monat müsste Vater Staat mit der Grundsicherung zur Hilfe eilen. Aber das ist nicht nötig. Die hohe Zahl von Männern mit Minirenten ist ganz einfach zu erklären: Viele Berufstätige, die sich später als Beamte, Selbständige oder Freiberufler aus der Solidargemeinschaft der gesetzlichen Rentenversicherung verabschieden, sind am Anfang ihres Berufslebens noch gesetzlich rentenversichert.

Mitunter sind es nur wenige Jahre. Die Rentenansprüche dafür verfallen aber nicht. Sobald das gesetzliche Rentenalter erreicht ist, haben diese Senioren Anspruch auf diese nur geringen Rentenansprüche. Die Folge sind dann Minirenten von wenigen Hundert Euro. Und diese Renten fließen in die offizielle Statistik.

Tatsächlich aber haben diese meist gutverdienenden Berufsgruppen sehr hohe Alterseinkünfte – aber eben nicht aus der gesetzlichen Rente. Und diese hohen Alterseinkünfte gehen nicht die Statistik ein.

Eben doch reicher, als es aussieht

Bei Beamten werden die Mini-Renten mit der Pension verrechnet, bei Selbständigen und Freiberuflern gibt es die Beträge extra zu ihrer privat angesparten Rente. Diese Minirenten drücken damit den Durchschnittswert im Westen.

Fazit Insgesamt ist die gesetzliche Rente allein weder im Osten noch im Westen auskömmlich, um im Alter den erworbenen Lebensstandard sichern zu können. Weder Rechen- noch Statistiktricks machen das bestehende System besser.  

 Quelle: MDR Umschau

Mehr zum Thema Rente

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Umschau | 08. Juni 2021 | 20:15 Uhr

Mehr aus Politik

Der Thüringer Ministerpräsident Bodo Ramelow 4 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Mehr aus Deutschland

Ein Mann spricht in seinem Computer für ein Interview 1 min
Michael Bauer, Thüringer Intensivkoordinator, spricht von "milder Triage" Bildrechte: MDR
01.12.2021 | 16:17 Uhr

Aufgrund der angespannten Coronlage müssen in Thüringen planbare Operationen von Krebs- oder Herz-Patienten aufgeschoben werden. Der Intensiv-Koordinator Michael Bauers sprach von einer "milden Form der Triage".

Mi 01.12.2021 15:50Uhr 00:20 min

https://www.mdr.de/nachrichten/deutschland/panorama/video-triage-patienten-warteliste-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video