Ukrainischer Botschafter Andrij Melnyk Diplomatische Mission auf schmalem Grat

Seit sieben Jahren ist Andrij Melnyk ukrainischer Botschafter in Deutschland. Mit seinem unkonventionellen und undiplomatischen Verständnis seiner Tätigkeit stößt er die deutsche Politik nicht selten vor den Kopf, aber findet breite mediale Unterstützung. Trotzdem ist es ein Balanceakt, dabei nicht zu überziehen und Sympathie und Solidarität mit seinem Land aufs Spiel zu setzen.

Melnyk, Botschafter der Ukraine in Deutschland, auf der Besuchertribuene.
Andrij Melnyk ist seit sieben Jahren Botschafter der Ukraine in Deutschland. Bildrechte: imago images/photothek

In Berlin wird Andrij Melnyk geliebt und gefürchtet. Geliebt von den Medien für seine klaren Worte. Gefürchtet von der Politik, ebenfalls für seine klaren Worte. Meist geht es dem Botschafter der Ukraine in Deutschland dabei um die zögerliche Haltung deutscher Politiker gegenüber Russland und Präsident Wladimir Putin. Jetzt, zu Zeiten des Krieges, lässt er dabei jede diplomatische Etikette fallen.

Botschafter brüskiert den Bundespräsidenten

Die Berliner Philharmoniker spielt im Schloss Bellevue vor Zuschauern, während Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, wegen Krankheit per Video zugeschaltet ist
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hatte zu einem Solidaritätskonzert eingeladen. Botschafter Melnyk kam nicht, weil russische Solisten auftraten. Bildrechte: dpa

Melnyks letztes Opfer war Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Das Staatsoberhaupt hatte am vergangenen Sonntag ins Schloss Bellevue zu einem Solidaritätskonzert der Berliner Philharmoniker für die Ukraine geladen. Melnyk sagte seine Teilnahme öffentlichkeitswirksam über Twitter ab.

Obwohl im Mittelpunkt Werke des geflüchteten ukrainischen Komponisten Valentin Silvstrov standen, störte er sich am Auftritt von zwei russischen Solisten: "Nur russische Solisten, keine UkrainerInnen. Ein Affront. Sorry, ich bleibe fern." Ob nun bewusst oder unbewusst, jedenfalls wies das brüskierte Staatsoberhaupt derartiges Ansinnen zurück. "Hüten wir uns vor pauschalen Feindseligkeiten, und lassen wir uns nicht ein auf Putins pseudo-historischen, nationalistischen Wahn", erklärte Steinmeier in seiner aus gesundheitlichen Gründen aufgezeichneten Ansprache. "Lassen wir nicht zu, dass aus Putins Hass ein Hass zwischen Völkern und zwischen Menschen wird, auch nicht in unserer eigenen Gesellschaft."

Auch wenn man die emotionale Anspannung Melnyks durch die täglichen Meldungen und Bilder aus dem heimatlichen Kriegsgebiet verstehen kann, so überschreitet eine Ausgrenzung von Menschen wegen ihrer Herkunft den gesellschaftlichen Konsens Deutschlands, schon aus der historischen Erfahrung heraus. Damit überschreitet Andrij Melnyk auch die Grenze seiner Rolle als Botschafter in diesem Land, so wie es das Wiener Übereinkommen über diplomatische Beziehungen vorsieht. Dort heißt es in Artikel 41, dass Botschafter "ferner verpflichtet sind, sich nicht in die inneren Angelegenheiten des Empfangsstaates einzumischen."

Sein Wirken zielt auf die deutsche Innenpolitik

Andrij Melnyk tut es trotzdem. Vor allem über die Medien. "Diplomaten sollen in ihren Amtszimmern sitzen und schweigen – aber das läuft nicht", diktierte er der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" in den Block.

Von Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig fordert er die Aufarbeitung ihres Engagements für Nord Stream 2. CDU-Außenexperte Norbert Röttgen wird abgekanzelt als "einer von denen, die immer das Richtige sagen, aber nie was tun." Finanzminister Christian Lindner wird angezählt, weil er angeblich zu wenig Empathie bei einem Gespräch mit dem Botschafter kurz nach Kriegsbeginn zeigte und Melnyk danach die "Tränen übers Gesicht gelaufen" wären.

Werden Waffen nicht schnell genug geliefert, boykottiert Deutschland nicht russische Gas- und Öllieferungen, lehnt Kanzler Olaf Scholz eine Flugverbotszone und damit Kriegsteilnahme ab, dann bleibt Melnyks Kritik nicht, wie sonst üblich bei Botschaftern, hinter den verschlossenen Türen des Auswärtigen Amtes oder seiner Gesprächspartner, sondern er macht sie öffentlich.

2016 wurde er schon einmal dafür gerügt. Aber jetzt würde eine Einbestellung zu einem medialen Shitstorm gegen die Außenministerin führen. Deutschlands Einsatz bei der Aufnahme der Flüchtlinge, der Tabubruch bei Waffenlieferungen in Kriegsgebiete, die finanzielle Unterstützung für sein Land, zählen für ihn offenbar nur wenig.

Politische Entscheider gehen auf Distanz zu Andrij Melnyk

Andrij Melnyk seitlich mit Mund- Nasenschutz
Andrij Melnyk ist in Deutschland nicht unumstritten. Bildrechte: dpa

Bei allem Respekt vor dem Widerstand seines Volkes gegenüber den russischen Invasoren, erweist er sich und seinem Land nicht unbedingt immer einen guten Dienst mit seinen undiplomatischen Auftritten. Sich allein auf die mediale Solidarität mit der Ukraine zu verlassen und permanent die politischen Entscheider mit neuen Forderungen zu brüskieren, führen zu zunehmender Distanz. Ihn lieber nicht treffen, um nicht danach von seinem Bannstrahl getroffen zu werden, scheint die zunehmende Zurückhaltung gegenüber Andrij Melnyk zu erklären.

Der Parlamentarische Staatssekretär Sören Bartol ließ bei Twitter seinen Gefühlen freien Lauf und twitterte, er finde "diesen Botschafter mittlerweile unerträglich", sah sich dann aber gezwungen, den Tweet zu löschen. Die Vorsitzende des Verteidigungsausschusses, Marie-Agnes Strack-Zimmermann nannte Melnyks Auftritte "befremdlich".

Manchmal wünschte man sich mehr Verständnis von ihm für die innenpolitische Situation in Deutschland und die Gefahren für den sozialen Frieden durch die wirtschaftlichen Belastungen der Bürger. Noch versucht der Staat, die Auswirkungen mit Geldleistungen, gerade bei den Energiepreisen abzufedern. Aber irgendwann kann er das nicht mehr bezahlen und dann könnte die Solidarität schnell auf der Kippe stehen. Somit ist es für den Botschafter Andrij Melnyk ein Balanceakt, möglichst viel Hilfe von Deutschland für sein Land im Krieg zu erstreiten und dabei nicht die Gastfreundschaft zu überfordern. Dass ihm diese Mission gelingt, erfordert die hohe Kunst der Diplomatie.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 27. März 2022 | 14:30 Uhr

404 Not Found

Not Found

The requested URL /api/v1/talk/includes/html/be1cb56d-7ba5-4898-8d5a-c5044ca74b0a was not found on this server.

Mehr aus Politik

Mehr aus Deutschland