Corona, Krieg - und dann? "Extrem unsicher": Warum die deutsche Wirtschaft eine Wende braucht

Die deutsche Wirtschaft, so sagt Marcel Fratzscher, habe die vergangenen 20 Jahre "verpennt". Es sei ein riesiger Fehler gewesen, sich "sehenden Auges in die Abhängigkeit von russischem Gas und Öl" zu begeben. Gleichzeitig habe Deutschland die Energiewende hin zu erneuerbaren Energieformen vernachlässigt.

Die deutsche Wirtschaft muss die Energiewende und die Unabhängigkeit von russischem Gas und Öl nach Ansicht des Wirtschaftsforschers Marcel Fratzscher in kürzester Zeit nachholen. Er hoffe, dass die Pandemie und der Ukraine-Krieg wie ein Weckruf wirken. Fratzscher ist Ökonom und Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) Berlin.

Als Beispiel nannte er die Stahlindustrie. Die Wirtschaft müsse sich auf so genannten grünen Stahl umstellen - also Stahl, der nicht mehr mit Hilfe fossiler Energieträger, sondern Wasserstoff hergestellt wird. Bislang seien in Deutschland derartige Technologien nicht ausgereift.

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Im Video-Interview erklärt Wirtschaftsforscher Marcel Fratzscher, dass es einen großen Unterschied für die Prognosen macht, ob es um einen Krieg oder eine Pandemie geht. Hier erklärt er, warum.

MDR THÜRINGEN - Das Radio Fr 27.05.2022 13:02Uhr 02:29 min

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Teure Umstellung nötig

Eine Umstellung erfordere nun enorme Investitionen. Doch, so sagt der Ökonom, "je schneller man eben diese Herausforderung angeht, desto schneller kann man auch wieder zu einer gesunden wirtschaftlichen Dynamik zurückkehren." Das gehöre zu einer notwendigen sozial-ökologischen Transformation.

Ein Schild Wasserstoff hängt zum Betanken eines Wasserstoffzug Coradia iLint des Zugherstellers Alstom auf dem Werksgelände.
Fratzscher sieht in Wasserstoff eine Chance für die Zukunft. Bildrechte: dpa

Lieferketten müssen widerstandsfähiger werden

Wenn Deutschland verschlafe, würden andere Länder davonziehen, und damit Arbeitsplätze und Wohlstand hierzulande verloren gehen. Wichtig ist laut Fratzscher außerdem, dass die deutsche Wirtschaft ihre Lieferketten widerstandsfähiger macht. Man dürfe sich nicht abhängig machen von einzelnen autokratisch geführten Ländern. Es gehe auch nicht darum, sämtliche Produktionslinien in Deutschland festzumachen, dazu fehlten allein die Fachkräfte. Vielmehr sollten die Unternehmen weltweit weitere Standortmöglichkeiten prüfen - etwa in Osteuropa oder Lateinamerika. So könnte die deutsche Wirtschaft widerstandsfähiger gegenüber regionalen Krisen oder besonderen politischen Ereignissen werden.

Große Abhängigkeit von China

Natürlich sollte der Handel etwa mit China weiter betrieben werden, aber eben nicht ausschließlich. Fratzscher nennt als Beispiel die deutsche Autoindustrie. Volkswagen mache 40 Prozent seiner Erträge in China, auch Mercedes oder BMW hätten dort enorme Anteile. Ein anderes Beispiel sei die Pharmaindustrie. Es gebe Medikamente, die Deutschland "nur aus ein oder zwei Fabriken in China" beziehe. Wenn Häfen in China geschlossen werden, kommen diese essenziellen Dinge nicht mehr bei uns an.

Tabletten
Manche Medikamente kommen ausschließlich aus China. Bildrechte: imago images/photosteinmaurer.co

Wachstum von zwei Prozent erwartet

Wichtig sei allerdings momentan, dass der Krieg in der Ukraine nicht weiter eskaliere und auch die Pandemie in den nächsten Monaten eingedämmt werden könne. Die Lage sei "extrem unsicher". Noch seien die deutschen Wirtschaftsexperten hoffnungsvoll. Er rechne mit einem Wachstum um die zwei Prozent. Anfang des Jahres seien es noch vier Prozent gewesen. Das sei im Grund noch verkraftbar. Was viele Menschen in diesem Jahr wirklich hart treffen werde, sei mit hohe Inflation. Betroffen seien davon vor allem Menschen mit geringem Einkommen. Denn die Inflation zeige sich besonders beim Anstieg der Lebensmittel- und Energiepreise - und die müssten auch ärmere Menschen zahlen:

Aufs Essen und auf Energie kann niemand verzichten und deshalb ist es eine höchst unsoziale Inflation, die wir gerade sehen.

Marcel Fratzscher

Eine Frau trägt bei ihrem Einkauf in einem Supermarkt eine FFP2-Schutzmaske
Weniger drin zum gleichen Preis - die Inflation steigt Bildrechte: dpa

Sieben Prozent Inflation?

Er rechnet mit rund sieben Prozent Inflation. Diese würden im Durchschnitt nicht von den angepeilten Lohn- oder Rentenerhöhungen ausgeglichen werden. Außerdem könnte die Inflation noch deutlich steigen - wenn sich der Krieg verschärfe, beispielsweise durch ein Embargo gegenüber russischem Gas oder Lieferstopp. Dann könnte sich in Deutschland innerhalb einer Rezession auch die Zahl der Arbeitslosen um eine halbe bis zu einer ganzen Million erhöhen.

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Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Der Morgen | 28. Mai 2022 | 06:10 Uhr

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