Inflationsrate von 5,2 Prozent Was ist für wen besonders teuer?

Die Inflationsrate ist im November auf den Spitzenwert von 5,2 Prozent gestiegen. So hoch war der Wert letztmals 1992. Was sind die Preistreiber? Und wer zahlt am Ende am meisten drauf?

Verschiedene Euro-Banknoten liegen auf einem Tisch
Besonders tief in die Tasche greifen müssen Verbraucher für Öl, Gas, Strom, Benzin und Diesel. Bildrechte: dpa

Die Inflation in Deutschland ist im November im Vergleich zum Vorjahresmonat Oktober auf 5,2 Prozent geklettert. Den Wert hat das Statistische Bundesamt anhand vorläufiger Berechnungen ermittelt. Im Oktober hatte die Inflationsrate bereits 4,5 Prozent betragen und lag damit so hoch wie seit fast 30 Jahren nicht mehr.

Auch wenn ein Teil der Inflation durch die Rückkehr zum alten Mehrwertsteuersatz von 19 Prozent zu Beginn des Jahres erklärbar ist, so ist es doch unstrittig, dass in den letzten Monaten in einigen Bereichen die Preise geradezu explodierten.

Was wurde besonders teuer?

Die höchsten Preissteigerungen gab es bei Energie, also Öl, Gas, Strom, Benzin und Diesel. Lieferengpässe infolge der Corona-Pandemie machten Importe nach Deutschland um 21 Prozent teurer – der höchste Anstieg seit 1980. Auch Baumaterial und damit Handwerkerleistungen wurden spürbar teuer, ebenso viele Lebensmittel und Restaurantbesuche. Auch die Immobilienpreise steigen nach wie vor.

Wer muss nun viel mehr zahlen?

Wie jeder Einzelne von den Preissteigerungen betroffen ist, hängt natürlich vom individuellen Konsumverhalten ab. Wer gerade ein Haus saniert oder baut, dazu noch täglich mit dem privaten PKW viele Kilometer zur Arbeitsstelle pendelt und auch auf Restaurantbesuche nicht verzichten will, der dürfte aktuell die steigende Preise besonders stark spüren. Für viele ist die Inflation ohnehin gefühlt viel höher.

Genau lässt sich das mit dem Inflationsrechner des Statistischen Bundesamtes berechnen. Wer seine eigenen monatlichen Ausgaben kennt, kann diese im Rechner eingeben und sehen, ob ihn die Teuerung vielleicht sogar stärker trifft.

Verlierer der Inflation

Verlierer der Inflation sind alle Konsumenten, weil sie sich für ihr Geld weniger leisten können. Das hängt natürlich vom persönlichen Warenkorb ab, sowie von der Höhe des Einkommens. Deshalb sind alle Menschen, die ein festes Einkommen beziehen, egal ob Lohn, Gehalt, Rente oder andere regelmäßige gleichbleibende Einkommen besonders betroffen. Denn sie können steigende Preise oft nur schwer kompensieren. Zwar steigen auch regelmäßig Löhne, Gehälter und Renten – aber oft nicht so stark wie die Inflation. Dann spricht man von Reallohnverlust.

Verlierer der Inflation sind natürlich auch Sparer, denn Inflation heißt immer auch Geldentwertung. Man kann sich für den Euro weniger leisten. Eine hohe Inflation gefährdet also auch stark die private Altersvorsorge und trifft damit auch Selbständige und Freiberufler, wie Ärzte, und ihre berufsständischen Versorgungswerke.

Gewinner der Inflation

Ja, es gibt tatsächlich auch Gewinner der Inflation: Wer Schulden hat, z.B. einen Immobilienkredit, der kann von einer hohen Inflation profitieren. Denn Schulden unterliegen dem Nominalwertprinzip. Das bedeutet, dass der zurückzuzahlende Geldbetrag immer derselbe bleibt. Egal wie hoch die Inflation ist.

D.h., auch bei hoher Inflation ändert sich der Betrag nicht. Hauseigentümer, die einen Kredit abbezahlen, haben also stets die gleiche Kreditrate, während bei Mietern die Miete steigen kann. Steigen infolge der Inflation die Löhne muss der Schuldner im Verhältnis zum Kreditbetrag einen relativ gesehen immer kleineren Betrag zahlen. 

Auch Vater Staat kann profitieren

Ähnlich kann auch der Staat als großer Schuldner von einer hohen Inflation profitieren. Denn liegt die Inflationsrate über dem Zins, zu dem sich der Staat Geld bei seinen Gläubigern geliehen hat, nehmen die Schulden des Staates real ab. Der nominale Wert der Staatsschulden bleibt dabei zwar unverändert, der reale Wert der Schulden sinkt jedoch durch die Geldentwertung.

Wer ist am stärksten von Preissteigerungen betroffen?

In der Regel sind Bezieher kleiner und mittlerer Einkommen am stärksten von Preissteigerungen betroffen, da diese Haushalte nur wenig sparen und oft sogar das gesamte Einkommen für den Konsum ausgegeben wird.

Aktuell Reiche stärker belastet?

Für Diskussionen sorgt eine aktuelle Studie des ifo-Institutes München, wonach reichere Haushalte im Oktober 2021 unter einer höheren Teuerung zu leiden hatten als ärmere Haushalte. Die ifo-Wissenschaftler Sascha Möhrle und Timo Wollmershäuser haben sich hierfür die statistischen Warenkörbe verschiedener Einkommensgruppen angeschaut. Danach liegt die Inflationsrate bei Haushalten mit einem Nettoeinkommen unter 1.300 Euro bei 4,0 Prozent, während sie bei Haushalten mit 5.000 Euro und mehr netto im Monat bei 4,8 Prozent liegt.

Unterschiedliche Warenkörbe

"Das liegt daran", so Prof. Dr. Timo Wollmershäuser (Stellvertretender Leiter des ifo Zentrums für Makroökonomik und Befragungen und Leiter Konjunkturprognosen), "dass ärmere Haushalte einen anderen Warenkorb haben als reichere Haushalte."

Statistiker legen für die Berechnung der Inflation einen bestimmten Warenkorb zugrunde, der zwölf verschiedene Gruppen von Waren und Dienstleistungen umfasst, z.B. Ausgaben für Nahrungsmittel, für Bekleidung, Wohnen, Gesundheit, Verkehr, usw. Diese Warengruppen werden unterschiedlich gewichtet. Prozentual am höchsten liegen für alle Einkommensschichten z.B. die Kosten für Wohnen, Wasser, Strom, Gas und andere Brennstoffe mit 34,6 Prozent. 13,6 Prozent geben deutsche Haushalte im Durchschnitt für Verkehr aus.

Je nach Einkommensgruppe weichen diese Zahlen aber vom Durchschnitt ab. Bei den Wohnkosten (Durchschnitt 34,6 Prozent) geben die ärmsten Haushalte 48,2 Prozent ihres Einkommens aus, während die reicheren Haushalte mit einem Nettoeinkommen über 5.000 Euro nur 29,3 Prozent ausgeben. Die ärmeren Haushalte benötigen ihr Geld also vor allem für die täglichen Dinge des Lebens, während die reicheren eben noch "Luft" im Geldbeutel haben – z.B. für teure Autos, Reisen oder Restaurantbesuche. So geben die reicheren Haushalte z.B. 16,2 Prozent ihres Einkommens für "Verkehr" aus, sprich für Autos und Kraftstoffe, während dieser Anteil am Warenkorb bei den ärmsten Haushalten nur bei 6,3 Prozent liegt.

Teure Autos, teures Benzin

Dass die Inflation für reichere Haushalte im Oktober höher lag, ist insbesondere den steigenden Preisen für Verkehr geschuldet. Die Preise für Kraftstoffe für Benzin und Diesel (+ 34,8 Prozent), Fahrzeuge (+ 7,2 Prozent) und Verkehrsdienstleistungen stiegen überdurchschnittlich stark und weil die reicheren Haushalte im Durchschnitt hierfür mehr ausgeben, liegt die Inflation für diese Gruppe höher.

Im Warenkorb-Teilbereich Wohnen, wo Steigerungen ärmere Haushalte überproportional treffen, sind zwar die Haushaltsenergiekosten (+10,8 Prozent) überproportional gestiegen, dieser Anstieg wird jedoch durch die vergleichsweise niedrige Steigerung bei den Nettokaltmieten (+ 1,4 Prozent) ausgeglichen.

DIW widerspricht

Markus Grabka vom Deutschen Institut der Wirtschaft in Berlin widerspricht dieser Darstellung. Die Berechnungen der ifo-Wissenschaftler hält er zwar für korrekt, nur müsse man bei der Betrachtung, wen die Inflation am stärksten trifft, nicht die Sparquoten und die Vermögen außer Acht lassen. So würden Haushalte aus dem unteren Einkommensdrittel de facto nichts sparen und hätten demzufolge auch kaum Möglichkeiten, steigende Preise zu kompensieren, z.B. in dem sie weniger sparen oder auf Erspartes zurückgreifen. Das reichere Einkommensdrittel aber könne genau das tun. Außerdem hat dieses Einkommensdrittel statistisch gesehen höhere Einkommenszuwächse, z.B. durch bessere, sprich gewinnbringendere Sparmöglichkeiten, z.B. durch Aktien oder Immobilien. "Klarer Verlierer der Inflation sind das untere Einkommensdrittel und die Mittelschicht", so Markus Grabka.

Klarer Verlierer der Inflation sind das untere Einkommensdrittel und die Mittelschicht.

Markus Grabka Deutsches Institut der Wirtschaft in Berlin

Ifo-Prognose: Inflation bleibt bis Mitte 2022 hoch

Es sei ganz klar, dass ärmere Haushalte stärke von steigenden Preisen betroffen sind. Etwas anderes, so ifo-Wissenschaftler Wollmershäuser, habe man auch gar nicht behauptet.

Außerdem würden die reicheren Haushalte nur etwa 60 Prozent ihres Haushaltsnettoeinkommens für den Konsum verwenden und könnten den verbleibenden Teil sparen. "Unterm Strich bleibt, dass die reicheren Haushalte diese hohe Inflation relativ gut kompensieren können. Sie sparen weniger oder nehmen etwas aus ihrem Ersparten heraus und können so denselben Warenkorb zu einem teureren Preis kaufen", sagt Ifo-Experte Wollmershäuser. Die ärmeren Haushalte, deren Warenkorb sich "nur" um 4 Prozent erhöht hat, könnten das nicht, ihnen bliebe nur Konsumverzicht. Er rechnet noch bis Mitte 2022 mit hohen Inflationsraten von über 3 Prozent. Das ergäben Umfragen bei Unternehmen. Viele beabsichtigen in den kommenden Monaten Preiserhöhungen.

Timo Wollmershäuser - ifo-Institut für Wirtschaftsforschung 31 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
31 min

Redakteur Thomas Becker im Gespräch mit Prof. Timo Wollmershäuser vom IFO-Institut zum Thema Inflation.

MDR THÜRINGEN - Das Radio Mi 20.10.2021 15:40Uhr 31:06 min

https://www.mdr.de/mdr-thueringen/audio-redakteur-interview-wollmershaeuser-100.html

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Quelle: MDR Wirtschaftsredaktion

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Umschau | 30. November 2021 | 20:15 Uhr

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