MDR INVESTIGATIV - HINTER DER RECHERCHE (FOLGE 43) Podcast-Transkript: Überlebende des Holocaust leben in Deutschland in Armut

Audiotranskript

Folge 43: Fast 90 % der Juden in Deutschland stammen aus der ehem. Sowjetunion. Viele sind Holocaust- Überlebende und hoch betagt. Bis zu 70.000 der eingewanderten jüdischen "Kontingentflüchtlinge“ müssen mit der Grundsicherung auskommen. Tom Fugmann hat Juden aus der ehem. Sowjetunion getroffen. Im Podcast spricht er über die Geschichte der Einwanderung, das Leben der Juden in der Sowjetunion und warum diese Menschen heute in oft sehr prekären Verhältnissen leben.

Podcast MDR Investigativ Cover
Bildrechte: dpa

Willkommen zu "MDR Investigativ - hinter der Recherche“. Ich bin Secilia Kloppmann und arbeite für die politischen Magazine des Mitteldeutschen Rundfunks. Ich freue mich, dass Sie wieder zu hören. In dieser Folge soll es darum gehen, dass viele der in Deutschland lebenden Holocaust-Überlebenden mit dem absoluten Existenzminimum auskommen müssen. Warum das so ist und warum diese Menschen hier in Deutschland sind und wie der deutsche Staat mit ihnen umgeht, das ist diesmal das Thema

Im Zweiten Weltkrieg wurden 6 Millionen Juden umgebracht. Jedes Jahr, Ende Januar, wird zum Holocaustgedenktag daran erinnert. Hier ein kleiner Ausschnitt aus der Rede des deutschen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier im vergangenen Jahr

Ein jeder von uns ist aufgerufen, jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger vor Bedrohungen, Beleidigungen und Gewalt zu schützen. Nicht in Zukunft, sondern hier und heute in dem Land, in dem wir gemeinsam leben. Das Gedenken an die Opfer der Shoah übersetzt sich für die Zukunft in ein niemals wieder. Darin liegt unsere Verantwortung, die bleibt.

Frank-Walter Steinmeier, Bundespräsident, 27.01.2021

SK:

Steinmeier spricht von Verantwortung. Stellt sich die Frage, ob das auch heißt, Sorge zu für ein menschenwürdiges Leben zu tragen. Viele der hier lebenden Holocaustüberlebenden sind aus der ehemaligen Sowjetunion eingewandert. Schätzungen gehen davon aus, dass 65 bis 70.000 hier in Armut leben. Auch der 80-jährige Alexej Heistver muss mit der Grundsicherung im Alter auskommen – obwohl er sein Leben lang gearbeitet hat. Er empfindet den Umgang mit ihm und den anderen Leidensgenossen als würdelos

Das Leben könnte ganz anders sein. Für die Würde wäre es ganz anders. Das Selbstbewusstsein könnte ganz anders sein. Aber was können wir machen? nicht viel ...

O-TON Alexej Heistver, Holocaustüberlebender

SK

Bei mir zu Gast im Podcast ist heute der Autor Tom Fugmann.

Hallo Tom!

SK

Angehöriger der Einsatzgruppe D erschießt Juden bei Winnyzja in der Ukraine
Sechs Millionen Juden wurden im Zweiten Weltkrieg umgebracht. Bildrechte: imago images / Photo12

In dieser Podcast-Folge soll es um etwas gehen, was ich persönlich als Deutsche extrem beschämend finde. Nämlich darum, dass diejenigen, die in der Nazizeit verfolgt wurden, deren Angehörige ermordet wurden, die misshandelt wurden, die schweres Leid erlitten haben und mit einer großzügigen Geste Anfang der 1990er-Jahre nach Deutschland eingeladen wurden jetzt nur allzuoft in extremen, prekären Verhältnissen leben. Wenn es um die Ermordung der 6, Millionen Juden, also um die Shoah geht, dann hört man da oft große Worte. Aber in der Realität, da kann man schon das Gefühl haben, dass es nur bei Worten bleibt ..

Tom Fugmann (TF)

Naja, zumindest, was diese spezielle Gruppe der circa 65.000 bis 70.000 Menschen am betrifft, die inzwischen Rentner sind, von diesen eingewanderten Juden aus der ehemaligen Sowjetunion, aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion. Bei denen ist es eben so, dass viele mit der Grundsicherung im Alter auskommen müssen, also mit dem Existenzminimum und natürlich wirklich Schwierigkeiten haben, im Alltag damit zurechtzukommen, um da ein ja angemessenes, würdiges Leben führen zu können.

SK

Vom Beginn der 90er-Jahre an bis 2005 kamen insgesamt und 220.000 Juden aus der ehemaligen Sowjetunion, aus Sowjetrepubliken, zum Beispiel aus der Ukraine, aus Russland, aus Weißrussland nach Deutschland. Das war so ein großer Einwanderungsschub. Danach hat sich das Gesetz ein bisschen geändert und die Juden aus den ehemaligen Sowjetrepubliken kommen jetzt nur noch vereinzelt. Aber dass das in den 90er-Jahren so richtig losging, das hatte auch was mit dem Zusammenbruch des Ostblocks zu tun Tom, richtig?

TF

Ganz konkret hat das damit zu tun, dass die letzte DDR-Regierung quasi eine Entschließung verabschiedete, noch in der Volkskammer. Und da entschloss man sich, den Juden aus der damals noch existierenden Sowjetunion die Möglichkeit zu geben, ohne große Probleme ohne bürokratische Hindernisse nach Deutschland kommen zu können. Aus historischer Verantwortung. Und diese historische Verantwortung ist deshalb so interessant, weil die DDR sich ja eigentlich nicht zu ihrer historischen Schuld als ein Teil Deutschlands gegenüber den Juden und aus seiner Verantwortung gegenüber dem Holocaust bekannt hat. Sondern das das ja auch in dieser Erinnerungspolitik der DDR immer so ein bisschen negiert wurde und kaum eine Rolle spielte. Dann verabschiedete man diese Resolution, die 1991 von der Ministerpräsidentenkonferenz in der Bundesrepublik auch quasi legitimiert. Die haben sich dem angeschlossen. Und da gab es quasi den rechtlichen Rahmen, das eben viele Juden relativ unproblematisch aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland kommen konnten.

SK

An das heißt du hast gerade gesagt, ohne große Probleme, also vereinfacht. Was siehst das eigentlich konkret?

TF

Ein alter Mann mit der jüdsichen Kippa, forografiert von hinten
Bildrechte: dpa

Naja, wer quasi nachweisen konnte, dass er Jude war, konnte nach Deutschland kommen. Aber es war auch ein Eiertanz, weil natürlich wollte man kein konkretes Asylverfahren als Rahmen dafür nehmen. Denn dann hätte jeder einzelne nachweisen müssen, in der Sowjetunion politisch verfolgt zu sein. Und das war im individuellen Fall natürlich kompliziert und schwierig. Also hat man einfach gesagt, man behandelt diese Menschen ähnlich wie Asylbewerber, und die können eben nach Deutschland kommen. Als Kontingent, deswegen auch dieser Name Kontingentflüchtlinge, und das war eigentlich relativ unkompliziert möglich, weil es war auch in der Sowjetunion so, dass in den Pässen dieser Leute oder den Ausweisen stand, Jude unter Nationalität. Interessanterweise galt das, wenn der Vater jüdisch war, was dann noch einmal später, wenn diese Leute in die Synagoge wollten, in Deutschland ein Problem darstellte.

SK

Genau, denn halachisch gesehen, um das nochmal kurz zu erklären, für Leute, die das nicht wissen, ist die Mutter diejenige, die den Ausschlag gibt für die Zugehörigkeit zur jüdischen Religion. Ja, kurzum also das war dann relativ unkompliziert eigentlich möglich. Und es kam dann eben ein großer Schwung von Menschen nach und nach nach Deutschland. Aber ganz so einfach war es dann doch nicht mit der Ausreise. Im konkreten Fall, wenn man zum Beispiel Alexej Heistver sieht, den wir am Anfang gehört haben und den du getroffen hast...

Wäre es früher, konnte unser jüngster Sohn noch leben. Aber es war Bürokratie. Es war sehr komplizierte Bürokratie mit jüdischer Integration, echt als Jude oder nicht echt. Und so weiter und weiter bis zum dritte und andere vierter Generation.

SK

Der erzählt auch die Geschichte, dass sein Sohn umgekommen ist. Was ist da passiert?

TF

Alexej Heistver, Holocaustüberlebender
Der 80-jährige Alexej Heistver hat den Holocaust überlebt und wohnt heute in Wismar. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Na ja, eigentlich hat Aklexej Heistver eh ein ziemlich schlimmes Schicksal durchlitten. Also er ist im litauischen Kaunas geboren, das war ja noch ein Teil der Sowjetunion. Und als es den Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion gab, ist er mit seinen Eltern relativ früh in ein Ghetto gekommen. Er ist von seinen Eltern getrennt worden und wurde im Alter von zwei Jahren von einem SS-Arzt misshandelt. Weil dieser SS-Arzt dort im Ghetto sogenannte medizinische Experimente durchführte, an Kindern. Ihm wurde das Gaumenzäpfchen durchtrennt und er konnte nicht mehr sprechen. Er hat das überlebt, ist zu einer Pflegefamilie gekommen und hat dann im Alter von neun Jahren das erste Mal gesprochen. Er hat dann aber doch eine beachtliche Karriere gehabt. Also hat studiert, hat in der Sowjetunion als Wissenschaftler gearbeitet und erlebte dann sozusagen in Moldawien, damals ja auch noch Teil der Sowjetunion und dann aber eine eigene Republik. Und er musste eben auch erleben, wie der Nationalismus immer stärker wurde, wie der Antisemitismus größer wurde. Und bei einem antisemitischen Überfall ist sein jüngster Sohn zu Tode gekommen. In einer Phase, in der er eigentlich schon beabsichtigt hat, nach Deutschland zu kommen. Und dann war das eine langwierige Prozedur. Also er musste sehr detailliert nachweisen, dass er tatsächlich Jude ist, über mehrere Generationen hinweg und im dieser Phase dieser Nachweises und dass er da entsprechende Dokumente beibringen musste, kam es eben zu diesem Vorfall. Und wäre das alles ein bisschen unkomplizierter gelaufen, hätte seinen Sohn vielleicht noch leben können.

SK

Von wann bis wann konkret wann hat er den Antrag gestellt? Und wann ist er dann nach Deutschland gekommen?

TF

Die sind 1997 nach Deutschland gekommen. Da kann man also davon ausgehen, dass die vielleicht 1993 diesen Antrag gestellt haben. Und seine eigenen Eltern, die sind umgekommen im Konzentrationslager. Das hat er dann später recherchiert. Er ist auch der Vorsitzende einer Gruppe von jüdischen Holocaust-Überlebenden in Deutschland. "Phönix aus der Asche" nennt sich dieser Verein. Und wenn ich das jetzt richtig in Erinnerung habe, ist sein Vater im Konzentrationslager in Dachau umgekommen, und seine Mutter wurde im Konzentrationslager Stutthof bei Danzig gebracht.

SK

Viele der Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion haben ja auch wirklich große Schwierigkeiten, diese ganzen Unterlagen beizubringen, Die wurden teilweise auch vernichtet, beziehungsweise viele Juden in der Sowjetunion haben sehr, sehr angepasst gelebt und haben jetzt keinen ausdrücklich jüdisches Leben geführt. Wir hatten es gerade noch einmal angesprochen das Wiederaufflammen des Antisemitismus in der Sowjetunion. Das hat was zu tun mit dem mit dem Zerfall, mit dem Wiedererstarken des Nationalismus, Tom?

TF

Naja, es gibt, denke ich, zwei Gründe. Zum einen gab es immer schon seit dem Zarenreich antisemitische Vorfälle bis hin zu Pogromen gegen Juden. Da griff auch immer dieser Mechanismus, dass Juden oft als Schuldige herhalten mussten für verschiedene Dinge. Und dann standen sie immer auch unter einem gewissen Generalverdacht, weil immer behauptet wurde, unter den Bolschewisten und Kommunisten wären viele Juden gewesen. Also machte man die auch dafür verantwortlich. Dann kam dazu, dass in der Sowjetunion viele Juden nicht die Möglichkeit hatten, ihre Religion zu leben, ihre Kultur zu leben. Das wurde also nicht gefördert und im Staat immer misstrauisch betrachtet. Naja und als es dann zum Zusammenbruch der Sowjetunion kam, erstarkten natürlich auch in Russland und den ehemaligen Sowjetstaaten die sind nationalistischen Bewegungen. Es hieß dann schon wieder, die Juden wären unser Unglück, sie wären eben alle Bolschewisten gewesen. Und das hat auch viele dazu bewegt, diese Länder zu verlassen, weil sie einfach Angst hatten, was da kommen würde und eine bessere Zukunft für sich und ihre Kinder wollten.

SK

Ich habe das auch von einer Zeitzeugin gehört, die in Leningrad gelebt hat oder dann später Sankt Petersburg und die direkt auch von Demonstrationen berichtet hat. Also, dass die Juden dafür verantwortlich gemacht worden sind für diesen wirtschaftlichen Zusammenbruch, also für die leeren Regale. Und wenn wir einmal dabei sind, sollte man vielleicht auch nicht vergessen. Unter Stalin gab es stalinistischen Säuberungen, dann gab es diese diese Unterstellung, der der Ärzteverschwörung 1953. Da sind viele Juden, die den Zweiten Weltkrieg überlebt haben, auch noch mal zum Opfer gefallen. Also sie sind hingerichtet worden, die sind in den Gulag geschickt worden und dort gestorben. Und ich habe auch gehört, dass es eine Art Prozent-Regel gab, auch für Leute beim Studium also. Es durften irgendwie nur ungefähr zwei Prozent durften jüdisch seien von den Studenten. Das hat jetzt auch nicht unbedingt dazu beigetragen, dass Leute sich ermutigt gefühlt haben, ihr ihre Religion dort auszuleben. Und das hatte natürlich dann auch Auswirkungen darauf, als die hierherkam. Denn die kamen mit relativ wenig Wissen über ihre Religion nach Deutschland. Und trotzdem war es ja schon auch so, dass die für die jüdischen Gemeinden, wir beide unterhalten uns ja gerade in Leipzig, die Gemeinden im Ostteil Deutschlands, die waren. Ich sage mal, wenn man Glück hatte, zweistellig in den Städten. Ich glaube, insgesamt waren es nur noch ein paar wenig hundert. Die, die haben dann schon sozusagen dazu beigetragen, dass da auch wieder jüdisches Leben möglich war. Was hat ja denn jemand, wie Alexej Heistver erzählt über seine Ankunft in Deutschland. Wie war denn das hier?

TF

Naja, für Alexej Heistver gab es wirklich einen konkreten Vorfall. Er wollte dann in die Synagoge, in Wismar und konnte aber eben nicht nachweisen, dass seine Mutter jüdisch war. Wie gesagt, das haben wir ja vorhin schon besprochen. Das spielte für diese Leute früher keine Rolle. Und dann durfte er nicht in die Synagoge. Und das beschreibt so ein bisschen diesen Prozess, die es denen sie auch vielfach in Deutschland gab. Wobei man natürlich auf der anderen Seite auch sagen muss, dass die Synagogen und jüdischen Gemeinden in Deutschland sich sehr um die Integration dieser Menschen bemüht haben. Es gab dann Sprachunterricht, es gab Integrationskurse, das heißt, man hat sich natürlich bemüht, denen zu helfen, die zu integrieren. Auf der anderen Seite gab es natürlich gewisse Vorbehalte gegenüber diesen Menschen, die dieser Religion eigentlich nicht so viel anfangen konnten.

SK

Wir wollen ja gerade auch über die sprechen, die den Holocaust erlebt und überlebt haben und die jetzt hier in Deutschland leben. Das sind Menschen, die haben also erlebt, wie ihre Eltern abtransportiert worden sind. Die waren selbst teilweise in Konzentrationslagern oder im Ghetto. Hast du bei den Recherchen Antwort darauf gefunden, warum diese Menschen ausgerechnet ins Land der Täter ausgewandert sind?

TF

Ich glaube einfach, dass das für diese Leute nicht so eine große Rolle gespielt hat. Also für sie gab es einfach die Möglichkeit, unkompliziert nach Deutschland zu kommen. Zum Beispiel in die USA., wenn ich mich da richtig erinnere, konnte nur gehen, wer dort Verwandte hatte. Und Israel, das erschien vielen auch einfach zu exotisch. Man darf aber auch nicht vergessen, wenn ich die Zahl richtig in Erinnerung habe, es sind, glaube ich, insgesamt 1,5 Millionen Juden bis jetzt aus der ehemaligen Sowjetunion und den Nachfolgestaaten ausgewandert. Davon ist natürlich der Großteil nach Israel gegangen, aber viele eben auch nach Deutschland. Zum einen erschienen ihnen das vermutlich von der Kultur auch näher, weil es europäisches Land war, und der Sprung nach Israel war den zu exotisch. Dann habe ich auch gelesen, dass viele von den Juden, die vor 89 aus der Sowjetunion nach Israel eingewandert sind, zum Beispiel, die haben nicht so schnell eine Wohnung bekommen, die hatten soziale Probleme. Das wurde dann auch natürlich zurückgespiegelt. Und deshalb sind viele nach Deutschland gekommen, aus diesen pragmatischen Gründen. Und dieser Ballast der Vergangenheit, das Land der Täter und so weiter, spielte dabei gar nicht so eine große Rolle. Zumal auch viele einfach anerkannt haben, wie sehr sich Deutschland um die Aufarbeitung der Vergangenheit bemüht hat.

SK

220.000 kamen bis 2005, wir hatten es schon gesagt. Es gab diese Erleichterung unter anderem, dass die keine Sprachkenntnisse vorweisen mussten vor Einreise. Die haben dann hier natürlich Sprachkurse gemacht. Das ist mittlerweile anders. Also alle, die nach dem 01.01.45 geboren sind und jetzt einwandern wollen, die müssen eine Sprachprüfung ablegen. Aber die Frage ist schon auch, was deine Einschätzung ist, welche Chancen, den diese Menschen zum Beispiel Alexej Heistver hatten. Ich meine, der war ein Historiker aus der Sowjetunion, und dann kommen diese Leute mit wenig Sprachkenntnissen. Welche Chancen hatten die?

TF

Naja, die, die schon ein bisschen älter waren, über 50, hatten es nicht einfach. Weil die Abschlüsse eben nicht anerkannt worden sind, also das entsprechende Gesetz zur Anerkennung von Berufsabschlüssen im Ausland und so weiter. Das wurde dann auch irgendwann geändert, aber damals eben Anfang der Neunziger, weil es eben nicht so und viele von denen waren ja gebildete Menschen, die waren Historiker, die waren Wissenschaftler, also die beiden Herren, die in dem Beitrag vorkommen, der eine eben Historiker, der andere hochangesehene Wissenschaftler in der Sowjetunion auf dem Gebiet der Funk Wellentechnik. Und da sind auch viele Ärzte gekommen und Ingenieure, die mussten dann hier in einfachem Berufen arbeiten, also der Alexei Heistver, aus Wismar, der Historiker, musste dann auf einmal als Wächter arbeiten. Und das Problem war dann eben, dass sie dann in diesen einfachen Berufen, die sie dann vielleicht noch zehn 15 oder 20 Jahre ausgeübt haben. Bis sie dann Rentner waren, haben sie natürlich nicht genügend Rentenpunkte angesammelt, um da eine auskömmliche Rente erzielen zu können, sondern Leben eben jetzt deshalb von dieser Grundsicherung im Alter. Um das vielleicht, um kurz zu sagen es war natürlich irgendwann auch eine demütigende Erfahrung für die Menschen, die eben mehr was geleistet haben in ihren Berufen. Fachleute waren dort anerkannte Koryphäen, und auf einmal in Deutschland galt das alles nichts mehr, und sie mussten dann auch als Bittsteller auftreten.

SK

Das sieht man auch gut, in dem Beitrag. der bei exakt am 12. Januar lief. Den findet man in der ARD-Mediathek. Wie schwer diese Menschen daran tragen, dass ihre Lebensleistung nicht anerkannt wird. Man muss natürlich auch auf der anderen Seite auch sagen, dass Abschlüsse nicht anerkannt werden und das Berufsjahre nicht anerkannt werden, dieses Problem haben auch andere Einwanderer. Was für diese jüdischen Zuwander nachdem, was ich gelesen habe und erfahren habe, vor allen Dingen besonders schwierig zu verstehen ist, ist: Die kommen aus der Sowjetunion, genauso wie die Russlanddeutschen, die deutsche Minderheit. Und für die gilt gilt was andere. Da gibt es das sogenannte Fremdrentengesetz und deren gesamte Berufsjahre werden anerkannt für die Rente. Das ist schon eine Ungleichbehandlung. Denn ob die Berufsjahre anerkannt werden oder nicht, das hängt eben vom Herkunftsland ab. Und für die jüdischen Einwanderer in dem Falle gilt eben das, was für andere Einwanderer, aber auch für Deutsche, die nicht genug eingezahlt haben, genau das selbe - wer nicht lange genug ins System einzahlt, der bekommt halt nichts. Und der bekommt dann diese Grundsicherung. Und bei der Berechnung dieser Grundsicherung werden zum Beispiel auch kleinere Vermögen angerechnet, Einkommen des Ehepartners … das ist so ein bisschen wie bei Hartz IV. Da bleibt natürlich überhaupt nicht viel übrig. Und der deutsche Staat, das hat Dir Alexej Heistver auch erzählt, der prüft da schon auch sehr genau.

TF

Ja, klar wird genau geprüft. Letztendlich kriegen die Menschen analog zu Hartz-IV-Empfängern diesen Satz. Und klar wird geprüft, haben die Vermögen oder anderweitigen Zuverdienst? Da habe ich ja vor einigen Jahren schon einmal eine Geschichte dazu gemacht, unter diesen Menschen, den eingewanderten Juden mit einem russischen oder sowjetischen Migrationshintergrund, sind eben auch welche, die die Leningrader Blockade überlebt haben. Und das war ja eins der schlimmste Ereignisse im Zweiten Weltkrieg, die lange Blockade von Leningrad. Viele Menschen sind an Hunger gestorben. Und der russische Staat gewährt den wenigen Überlebenden, die es da noch gibt, die als Kinder das erlebt haben, eine sogenannte Ehren-Rente von ungefähr acht bis zehn Euro umgerechnet, im Monat. Und diese Ehrenrente hat der deutsche Staat dann als einen unzulässigen Zuverdienst betrachtet, beziehungsweise einige Sozialämter muss man sagen. Also das wurde unterschiedlich gehandhabt. Manche Sozialämter haben das großzügig gewährt. Aber es gab eben auch einige Sozialämter, die gesagt haben, Nein, das ist ein unzulässiger Zuverdienst und haben das von diesem Hartz IV-Satz abgezogen, was natürlich einigermaßen zynisch und unangemessen erschien. Die Praxis wurde inzwischen auch geändert. Also wer diese Ehrenrente bekommt, dem wird sie inzwischen auch gewährt.

SK

Es gibt noch andere Zuwendungen, die diese Menschen teilweise bekommen können. Alexej Heistver zum Beispiel bekommt noch eine kleine Rente von der Jewish Claims Conference, weil er ein anerkanntes Holocaust Opfer ist. Der muss natürlich immer alles, weil er diese Grundsicherung bekommt, gemeinsam mit seiner Frau, alle möglichen Kontoauszüge vorweisen und muss auch das vorweisen. Und teilweise stellen ihm die Leute auf dem Amt schier unglaubliche Fragen, wie er Dir erzählt hat,

Diesen Leuten, die keine Ahnung hatten. Weil als ich hier in unserem Wismar, als sich erklärte, das bekomme ich als Entschädigung für Holocaust... Was ist das? , sagte diese Frau, die im Sozialamt arbeitet. Was ist das?

Alexej Heistver

TF

Ja, wie man da ja hört, war er eiemn Verständnisproblem ausgesetzt, dass die zuständige Bearbeiterin eine Sozialbehörde in Wismar nicht wusste, was der Holocaust ist. Und er hätte dann ein Buch mitgebracht. Und dann war sie bas erstaunt, dass überhaupt noch Menschen gibt, die das überleben oder überlebt haben und existieren. Und da werden zwei Sachen deutlich. Zum einen, ein Verständnisproblem sozusagen der deutschen Vergangenheit und was der Holocaust ist. Woran das liegt, ob das an der mangelnden schulischen Bildung liegt oder ob das nicht ausreichend vermittelt wird - da kann man natürlich nur spekulieren. Naja, und ganz generell ist es eben so, das es eine gewisse Diskrepanz gibt, wie wir auch am Anfang angesprochen haben, zwischen den Lippenbekenntnissen etwa wenn der Bundespräsident darüber spricht, ist das blühende jüdische Leben in Deutschland sehr zu begrüßen, wäre und wenn es aber darum geht, den Betroffenen konkret zu helfen, eben beispielsweise bei der geringen Rente, die sie bekommen. Da wiederum ist die Bereitschaft da nicht so sehr ausgeprägt, und das finden wir aber eben auch in anderen Bereichen, beispielsweise bei anerkannten Opfern des SED-Regimes. Da habe ich schon mehrfach Beiträge dazu angefertigt und darüber berichtet recherchiert. Dass den Menschen, die in der DDR Misshandlungen, körperlichen Züchtigungen, Zwangsarbeit ausgesetzt waren, im Spezialkinderheim, in Jugendwerkhöfen oder auch als politisch Gefangene in der DDR Haftanstalten waren. Das sind oft Menschen, die sind anerkannt als politische Opfer per Gerichtsbeschluss, dass sie verfolgt waren. Aber wenn es dann darum geht, dass sie sagen, durch meine jahrelange Zwangsarbeit ist mein Rücken kaputt, oder ich habe psychische Probleme, posttraumatische Belastungsstörung, dann tut sich der Staat, tun sich die Behörden extrem schwer, diese gesundheitlichen Spätfolgen anzuerkennen. Und auch hier sehen wir eben eine Diskrepanz zwischen den Worten, dass man die DDR ja als Unrechtsstaat charakterisiert. Aber eben wenn es darum geht, den Betroffenen zu helfen, würde es extrem schwierig. Und diese Diskrepanz zwischen Bekenntnissen und konkreter Hilfe finden wir eben leider auf verschiedener Ebene.

SK

Im Prinzip ist geht es ja darum, dass es ein deutscher Staat war, der Unrecht verübt hat. Ob das jetzt in der Nazizeit war oder ob es die DDR-Zeit war. Ich würde das eigentlich schon gerne noch mehr ausführen. Aber da fehlt uns jetzt gerade so ein bisschen die Zeit dazu. Aber sollte jemand von den Hörerinnen und Hörern der Meinung sein, dass dieses Thema Entschädigung von Opfern des DDR-Regimes auch mal ein Thema hier im Podcast sein sollte, dann schreiben Sie uns doch gerne unter investigativ@mdr.de oder Sie finden uns auch auf Facebook unter MDR investigativ. Und dann könnten wir da auch noch einmal drüber sprechen. Tom, wir gehen jetzt mal wieder zurück zu unserem eigentlichen Thema. Denn das ist ja schon auch eine Frage, die sich aufdrängt. Wir reden über Menschen, die aus der ehemaligen Sowjetunion eingewandert sind, die teilweise schon in ihren Fünfzigern und Sechzigern waren, als sie nach Deutschland gekommen sind. Sie haben in der Sowjetunion ein Leben lang gearbeitet. Die haben doch da eigentlich auch Rentenansprüche. Warum bekommen die denn von da nichts?

TF

Ja richtig. Also es gibt da zwei Probleme, meines Wissens. Zum einen zahlen wohl russische Banken keine Gelder ins Ausland aus. Jedenfalls haben mir das die Betroffenen hier erzählt. Und dann tritt natürlich wieder das Problem des Zuverdienstes auf. Selbst sie das geld geholt haben. Das haben die Menschen früher auch gemacht, dass sie dann nach Russland gefahren sind, und haben sich dort bei den Banken ihre Rente auszahlen lassen. Aber dann müssten sie die ja dann wieder in Deutschland als Zuverdienst angeben, und sie würde berechnet und am Ende sozusagen über dieselbe Summe stehen. Insofern sparen sich das viele Menschen einfach..

SK

Zumal man vermutlich mit der Rente, die man da in Rubel bekommt, hier in Deutschland gar nicht so viel anfangen kann. … Ganz konkret, damit man auch eine Vorstellung hat an den beiden Beispielen. Du hast also den Alexej Heistver getroffen und der zweite aus dem Beitrag, der heißt Leonid Berezin. Über den haben wir jetzt noch gar nicht so viel gesprochen. Der war Professor für Funkwellen-Technik, hat in Leningrad gelehrt, ist 92 Jahre alt. Alexej Heistver ist 80 .. ganz konkret: Wie viel Geld steht denen denn zur Verfügung?

TF

Alexei Heistver bekommt meines Wissens ungefähr 600 Euro (Anm. d. Red. zusammen mit seiner Frau) und Leonid Berezin bekommt genau diesen Satz der Grundsicherung im Alter. Das müsste bei ihm im konkreten Fall betragen 426 Euro im Monat, plus Miete und so weiter. Naja, klar, die Miete und die Krankenversicherung wird vom Amt bezahlt. So wie das bei Hartz-IV-Empfängern auch wäre.

SK

Der erzählt Dir ja auch, große Sprünge sind da jetzt nicht drin.

Reisen unternehme ich keine mehr. Als meine Frau noch lebte, konnten wir noch ein wenig Geld sparen, für Reisen ins Ausland. Das ist jetzt nicht mehr möglich. 

Leonid Berezin, Überöebender der Shoah und der Leningrader Blockade

SK

Also Reisen sind unmöglich, sagt Leonid Berezin. Und auch Theater oder Kinobesuche hatte er erzählt, sind nicht drin. Man muss vielleicht auch noch mal sagen, gerade für Menschen, die in der Sowjetunion gelebt haben, ist so ein Theaterbesuch … ich sage mal, das gehört so ein bisschen wie zur Grundversorgung.

TF

Das ist für diese Leute natürlich eine Beschäftigung mit Kultur. Ja, das bedeutet denen natürlich viel. Leonid Berezin ist jemand, der trotz seiner 92 Jahre noch sehr rüstig ist und der das ausgleicht. Also er ist zum Beispiel auch Vorsitzender eines Vereins der Überlebenden der Leningrader Blockade. Und diese Leute treffen sich eigentlich, wenn es eben nicht gerade die Einschränkungen wie Corona gibt, mehrmals im Jahr. Ich glaube ein, zweimal im Monat im russischen Haus in Berlin. Und da gibt es Veranstaltungen, oder man unternimmt Exkursion. Kürzlich waren sie beispielsweise in der Ausstellung Topographie des Terrors. Also er findet sozusagen da für sich eine Bestimmung und einen Ausgleich dafür, dass ihm das Geld dafür fehlt, ins Theater und in die Oper zu gehen. Das gleicht er aus durch sein Engagement. Und das bedeutet ihm auch viel.

SK

Man darf ja auch nicht vergessen: Wir reden hier über betagte Menschen, über alte Menschen. Man weiß auch, was Medikamente kosten. Da gibt es immer noch eine Zuzahlung und so weiter. Also auch da reichen natürlich 420 Euro im Monat überhaupt nicht aus. Den Menschen läuft die Zeit davon, die werden älter und älter und sterben natürlich auch. Man könnte jetzt auch im unterstellen, dass seitens der politisch Verantwortlichen hier auf auch auf Zeit gespielt wird. Das wäre jetzt ein bitteres Fazit. Also ich finde das beschämend. Aber es ist natürlich vor allen Dingen für Menschen, wie Alexej Heistver oder Leonid Berezin, die durch einen deutschen Staat, das muss man ja immer noch einmal sagen, schwerstes Leid erlitten haben. absolut bitter, dass sie jetzt wieder in einem deutschen Staat leben und als Bittsteller auch dastehen.

Wir sterben, sterben von Jahr zu Jahr ... Die Hoffnung stirbt als letzte.

Alexej Heistver

SK

Alexej Heistver spricht hier von Hoffnung, meinst Du, die ist berechtigt, Tom?

TF

Es gab ja bei der letzten Bundesregierung im Koalitionsvertrag schon die Absichtserklärung, dass man dieses Problem für die Betroffenen lösen möchte. Da ist allerdings nichts passiert. Jetzt hat sich das die neue Regierung wieder vorgenommen. Ich hatte auch beim zuständigen Sozialministerium angefragt, wie es denn damit aussieht. Und da gab es kein Interview. Man hat da nur geschrieben, dass die Abstimmung zwischen Bund und Ländern nicht abgeschlossen sind. Und insbesondere die Frage der Finanzierung des geplanten Fonds ist nicht geklärt. Die Länder sollen mit einbezogen werden, und da ist es ja erfahrungsgemäß immer so, dass es dann immer Probleme gibt. Wer bezahlt was? Und warum? Also mit anderen Worten ich hoffe, dass man die Dringlichkeit dieses Problems erkennt und es ist auch löst. Aber ob, wann das passieren wird, steht in den Sternen.

SK

Dann wollen wir einfach mal hoffen, dass diese, wie ich finde, beschämende Situation endlich mal geklärt wird. Tom, ich danke dir, dass du dir Zeit genommen hast.

Das war MDR INVESTIGATIV - hinter der Recherche. Wir sind zu finden auf allen gängigen Podcast-Portalen und auch auf Youtube.

Wir freuen uns, wenn Sie uns eine Bewertung geben – und wir sind auch gespannt auf Anmerkungen und Kritik . Entweder unter dem Podcast oder per E-mail. Die Adresse wäre investigativ@mdr.de

Der Beitrag von Tom Fugmann ist für diejenigen, die sich das nochmal anschauen wollen, in der Ard Mediathek zu finden, in der Sendung exakt vom 12. Januar

Der Nächste Podcast kommt am 11. Februar. Dann wieder mit meiner Kollegin Esther Stephan. Da geht es um das Thema – nur Armut und Drogen? - Ist die Platte so mies wie ihr Ruf? Unser Kollege Fabian Held war unterwegs im Plattenbaugebiet Leipzig Grünau und hat viele interessante Leute da getroffen.

Wir hören uns – so Sie mögen - in vier Wochen, am 25. Februar wieder.

Podcast

Weitere Podcasts von MDR AKTUELL