Globalisierung Rolle rückwärts – Kehrt die Industrieproduktion zurück nach Sachsen-Anhalt?

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Als die ostdeutsche Wirtschaft zusammenbrach, entwickelte sich zugleich eine internationale Arbeitsteilung, welche für den Verbraucher günstige Preise zur Folge hatte. Dieser Trend könnte sich nun umkehren. Unternehmen prüfen, welche Produktionen sie zurückholen können, denn die Corona-Pandemie hat ja gezeigt, wie anfällig weltweite Lieferketten sind.

Alte Aufnahme vom SKET-Eingang in Magdeburg
Die Stadtgeschichte Magdeburgs ist durch den Maschinenbau geprägt. Auf dem SKET-Gelände arbeiteten bis zum Ende der DDR 13.000 Werktätige. Heute gibt es noch gut 400 Beschäftigte. (Archivbild) Bildrechte: MDR/Tom Kühne

Sachsen-Anhalt gehörte bislang nicht unbedingt zu den Gewinnern der Globalisierung. Denn als diese so richtig Fahrt aufnahm, nach dem Fall der Mauer, wurden weltweit Produktions- und Handelswege neu geknüpft. Die Folgen kann man zum Beispiel in Staßfurt sehen, wo einst die berühmten RFT-Fernsehgeräte montiert wurden. Heute ist dort nur noch ein industrieller Rest zu finden.

Doch nicht die Treuhand trägt die Schuld an der Misere. Die Schließung war vor allem die Folge einer neuen internationalen Arbeitsteilung. Inzwischen werden in Europa aus Kostengründen schon lange keine Fernseher mehr als Massenware hergestellt. Auch der verbliebene westdeutsche RFT-Konkurrent Grundig ging im Jahr 2003 in Konkurs, unter der Marke werden nun Produkte aus der Türkei und Asien vertrieben.

Ähnliches ließe sich auch für die Magdeburger Armaturenwerke feststellen. Erst übernahm der Konzern Babcock das Großunternehmen, stellte aber Mitte der 90er-Jahre die Produktion vor Ort ein und ging dann selbst, keine zehn Jahre später, in Insolvenz.

RFT Fernseher in der Wohnstube der MWG DDR Museumswohnung
Die berühmten RFT-Fernseher wurden einst in Staßfurt hergestellt. Bildrechte: imago images / Christian Schroedter

Produktion wandert weiter gen Osten

Was seinerzeit für Jobverlust und Abwanderung sorgte, ist inzwischen Teil der Industriegeschichte. Außer der Chemie verfügt in Sachsen-Anhalt kein anderer Wirtschaftszweig noch über Großindustrie. Dabei ist die Globalisierung keine neue Erfindung, sagt Horst Gischer, Professor an der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Magdeburger Otto-von-Guericke-Universität: "Die Grundlage geht zurück auf das Jahr 1815. Da hat David Ricardo in seinem berühmten Modell der kooperativen Kostenvorteile die ökonomische Begründung für die internationale Arbeitsteilung gezeigt. Und machen wir uns nichts vor. In den vergangenen 30, 40 Jahren hat die westliche Welt davon massiv profitiert."

Denn die Grundidee ist, arbeitsintensive Produktion dorthin zu verlagern, wo die Arbeitskräfte vergleichsweise billig sind – und stattdessen in den Hochlohnländern kapitalintensive Produktion anzusiedeln. Von diesem Unterschied lebte auch ein Teil des DDR-Exports, denn es war ja kein Zufall, dass ein Teil der westdeutschen Katalogware im Osten produziert wurde. Nach dem Mauerfall wanderte die Produktion dann weiter in den Osten.

Mangelwirtschaft 2.0

Doch spätestens seit Corona werden die Risiken dieser Form der Arbeitsteilung offensichtlich, denn eine Störung der Lieferketten hat nun zum Teil dramatische Auswirkungen. Denn was Gewerkschaften weltweit sich wünschen, gelang dem Corona-Virus, in Kooperation mit einem querstehenden Riesenschiff im Suezkanal: Alle Räder standen still, allerdings ohne einen starken Arm. Dennoch gerieten weltweit Produktionen ins Stocken.

Bislang jedoch habe sich das System internationaler Arbeitsteilung bewährt, so Professor Gischer. Jetzt allerdings müsse wohl umgedacht werden: "Ich bin mir ziemlich sicher, dass viele Unternehmen nicht zuletzt durch die Corona-Krise überlegen, ob man nicht zumindest eine Art von Mindestlagerhaltung wiedereinführt. Das gilt insbesondere für lebenswichtige oder systemische Produkte. Es ist sicher überlegenswert, eine strategische Reserve vor zu halten. Ob das auf Bundesebene oder ob das auf Unternehmensebene geschieht, darüber kann man lange und trefflich streiten."

Wirtschaftsminister Sven Schulze auf einem Flur, darunter der Text: "Preiserhöhung kann bei heimischer Produktion nicht ausgeschlossen werden." 1 min
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Wirtschaftsminister Sven Schulze sieht in der Corona-Pandemie die Zeit für regionale Hersteller gekommen, um sich von globalen Abhängigkeiten zu befreien. Doch das könne Folgen haben und fordere weitere Schritte.

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Konsumentenverhalten ändert sich

Allerdings sind Lieferketten nicht der einzige Grund, dass Unternehmen darüber nachdenken, Teile der Produktion wieder nach Deutschland zurück zu holen. Denn es gibt auch einen Trend im Verbraucherverhalten. Die Kampfparole "Geiz ist geil" hat einen Teil ihrer Anziehungskraft verloren. Man spürt es am ehesten bei den Discountern, die nun zunehmend nicht nur auf Billigstangebote setzen.

Auch in der Textilindustrie gibt es ein Umdenken, so Professor Gischer: "Ware aus Asien ist qualitativ nicht so gut wie Produktionen, die aus Westeuropa stammen. Wenn sie also eine zahlungsfähige und anspruchsvolle Kundschaft erreichen wollen, dann brauchen Sie qualitätsmäßig ansprechende Produkte."

Roboterhände statt Arbeiterschweiß

Die Textilindustrie sucht also nach neuen Möglichkeiten, wieder im Inland zu produzieren. Derzeit testet die Handelskette C&A in Mönchengladbach die Produktion von Jeans made in Germany. Pro Jahr sollen etwa 800.000 Stück gefertigt werden, mit gerade einmal 100 Beschäftigten, den Rest der Näharbeiten erledigen Roboter. Im Laden sollen die Jeans für unter 100 Euro angeboten werden.

Das, so Professor Gischer, könnte die Zukunft der Industrieproduktion in Deutschland sein: "Die technologischen Bedingungen haben sich verändert vor allem auch durch die Digitalisierung. Denken wir an die 3D-Produktion aus dem Drucker. Die Produktion ist nicht mehr so arbeitsintensiv, wie es noch vor 20 oder 30 Jahren der Fall war." Zudem steigen auch in den asiatischen Ländern die Arbeitskosten, sodass der Standortfaktor Arbeitskraft an Bedeutung verliert.

Wirtschaftsminister Schulze verhalten optimistisch

Auch im Magdeburger Wirtschaftsministerium ist diese Entwicklung nicht verborgen geblieben. Denn das Lieferkettenproblem hat sich natürlich bis hierher herumgesprochen, auch wenn eine Landesregierung keine Möglichkeiten hat, weltweite Warenströme zu beeinflussen.

Dennoch sieht CDU-Wirtschaftsminister Sven Schulze auch für Sachsen-Anhalts Unternehmen die Notwendigkeit, sich auf die wachsende Unsicherheit einzustellen: "Wir sind ja bis Ende 2019 in einer Situation gewesen, dass alles immer irgendwie verfügbar war. Es gibt Unmengen an Produkten, die oft aus Asien kommen oder den USA, und ständig zur Verfügung standen. Und jetzt haben wir zum allerersten Mal erlebt, dass es hier Probleme gibt. Und wir haben noch ein zweites großes Problem. Das sind die Kosten des Transports, die sich teilweise verzehnfacht haben. Und das sorgt dafür, dass wir jetzt auch hier in Sachsen-Anhalt eine solche Debatte führen."

Wirtschaftsminister Sven Schulze auf einem Flur, darunter der Text: "Nicht verkehrt, darüber nachzudenken, mehr hier zu produzieren." 1 min
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Voraussetzungen ungünstig

Noch ist aber in Sachsen-Anhalt nichts von der Rückkehr der Industrieproduktion zu merken. Wohl auch, weil es hier kaum Firmen gibt, die über internationale Niederlassungen in größerem Umfang verfügen. Zudem beklagen viele Unternehmen bereits jetzt einen Fachkräftemangel, sodass sich die Frage stellt, wer letztendlich dann in der zurückgekehrten Produktion beschäftigt werden soll.

Für Wirtschaftsminister Sven Schulze ist klar, dass die Digitalisierung eine wesentliche Rolle spielen wird: "Es wird definitiv einen Anstieg an Automation in der Produktion geben müssen. Zum einen, um fehlendes Personal auszugleichen. Zum anderen, weil wir in Deutschland weit höhere Unkosten haben. Wenn man die Produkte zum halbwegs gleichen Preis produzieren will, dann spielt dabei die Digitalisierung eine große Rolle."

Allerdings sind dafür nicht nur Sachsen-Anhalts Firmen bislang unzureichend vorbereitet, vielerorts fehlt es an den einfachsten Voraussetzungen, zum Beispiel einem leistungsfähigen Internetanschluss. Sven Schulze spricht dann auch etwas allgemein davon, "die Rahmenbedingungen für Unternehmen günstig zu gestalten".

Problem der "deutschen" Dachlatte

Doch eine weitere Entwicklung wird zunehmend an Einfluss gewinnen, nämlich die Klimapolitik. Der Green Deal der EU-Kommission sieht vor, dass bis zum Jahr 2030 die Emissionen von Treibhausgasen um 55 Prozent gesenkt werden sollen. Die Bereiche Verkehr und Transport spielen dabei eine große Rolle, so dass zusätzlicher Druck entsteht, die Produktion möglichst nah am Verbraucher zu ermöglichen. Doch mittelfristig wird das zu höheren Verbraucherpreisen führen, da ist sich Wirtschaftsprofessor Horst Gischer sicher, denn wenn sich Rohstoffe und Vorprodukte verteuern, hat das natürlich Folgen für den Endpreis.

Aber auch die "Heimholung" bestimmter Produktionen wird wohl nicht ohne höhere Preise darzustellen sein. Eine "deutsche" Dachlatte muss eben auch die deutschen Produktionskosten widerspiegeln. Neben dem Lohn sind das natürlich auch Energiekosten, Kosten für Umweltmaßnahmen etc. Letztendlich entscheidet aber der Verbraucher, so Prof Gischer: "Wenn der Kunde bereit ist, soviel für eine deutsche Dachlatte zu zahlen, dann funktioniert es. Aber ich verweise da gerne auf die Landwirtschaft: In Deutschland muss Fleisch billig sein, egal wo es herkommt."

Deutschland und das Verteilungsproblem

Doch Professor Gischer ist Volkswirt, blickt also weniger auf die einzelne Dachlatte, sondern stärker auf den wirtschaftlichen Gesamtzusammenhang. Und da sieht er ein Problem, das aus seiner Sicht an Schärfe gewinnen wird, wenn sich die Preisstruktur in den nächsten Jahren ändern sollte: "Ich habe ja gut reden, denn als Professor habe ich ein durchaus angemessenes Gehalt. Also zwei oder drei Euro mehr für ein Produkt des täglichen Bedarfs machen mich nicht arm. Aber was ist mit all jenen, die am Ende des Geldes noch so viel Monat übrig haben? Das ist unser Problem. Wir müssen über Ungleichheit und Verteilung reden." 

Das freilich ist eine Debatte, die vielfach angemahnt wurde. Pläne für eine mögliche Erbschaftssteuerreform gibt es zahlreich, allerdings wagte sich auch die neue Ampel-Koalition in Berlin nicht an dieses umstrittene Thema.

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Über den Autor Geboren ist Uli Wittstock 1962 in Lutherstadt Wittenberg, aufgewachsen in Magdeburg. Nach dem Abitur hat er einen dreijährigen Ausflug ins Herz des Proletariats unternommen: Arbeit als Stahlschmelzer im VEB Schwermaschinenbaukombinat Ernst Thälmann. Anschließend studierte er evangelische Theologie. Nach der Wende hat er sich dem Journalismus zugewendet und ist seit 1992 beim MDR. Er schreibt regelmäßig Kolumnen und kommentiert die politische Entwicklung in Sachsen-Anhalt.

MDR (Uli Wittstock, Kalina Bunk, Oliver Leiste)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 02. Dezember 2021 | 17:00 Uhr

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