Interview Infektionsforscher zur Corona-Lage: "Intensivbetten werden sehr knapp"

In Sachsen-Anhalt hat die Corona-Inzidenz zum Beginn der neuen Woche einen neuen Rekordwert erreicht: Der Wert liegt jetzt bei 531,8. Für Mittwoch hat die Landesregierung verschärfte Regeln zur Eindämmung der vierten Welle angekündigt. Der Mikrobiologe und Infektionsforscher Achim Kaasch von der Universität Magdeburg sagt: Es muss jetzt schnell gehen. Ein Interview.

Symbolbild: Pandemie im Herbst
Die vierte Corona-Welle stellt Krankenhäuser vor eine neue Belastung. Die Zeit zum Handeln ist gekommen, sagt der Infektionsforscher Achim Kaasch. (Symbolbild) Bildrechte: dpa

Herr Prof. Kaasch, im Vorfeld der Abstimmung von Bund und Ländern vergangene Woche haben Sie klare Ansagen verlangt, um die ständig steigenden Corona-Infektionszahlen einzudämmen. Sind Ihnen die getroffenen Ansagen klar genug?

Prof. Achim Kaasch: Ich glaube schon, dass man einen ausreichenden Instrumentenkasten hat, um entsprechend agieren zu können. Das Entscheidende ist aber, dass man bereit ist, ihn auch einzusetzen. Das sehe ich aktuell noch nicht.

Was müsste Ihrer Einschätzung nach denn passieren?

Ich halte es für wichtig, dass man zum jetzigen Zeitpunkt auf die aktuelle Situation reagiert. Das hieße für mich: Einführung von 2G-Regeln, um Kontakte zu reduzieren und das Infektionsgeschehen in den Griff zu bekommen.

Es gibt Experten, die sagen, dass uns auch das nicht reicht.

Ich fürchte, das wird so sein. Aber: Von voller Öffnung in einen allgemeinen Lockdown zu gehen, halte ich für schwierig und nicht vermittelbar. Zugleich ist es so, dass die Bereitschaft, sich impfen oder boostern zu lassen, auch belohnt werden muss. Die Frage, die wir uns stellen müssen, ist ja: Was ist unser Ziel? Wenn es unser Ziel war, die Intensivstationen nicht zu überlasten, haben wir das schon überdreht. Es sind zu viele Infektionen, um die Krankenhäuser im normalen Betrieb weiterlaufen zu lassen. Ich gehe davon aus, dass viele Krankenhäuser auf einen eingeschränkten Betrieb im Intensivbereich umstellen werden. Es werden also zum Beispiel große Tumor-Operationen eingeschränkt werden müssen, um Patienten mit einer SARS-CoV2-Infektion intensivmedizinisch zu behandeln.

Das ist Prof. Achim Kaasch

Prof. Achim Kaasch leitet das Institut für Medizinische Mikrobiologie und Krankenhaushygiene der Universität Magdeburg. Aktuell führt Kaasch eine Antikörper-Studie durch. Dabei wird anhand von Blutspenden untersucht, wie lange durch eine Infektion oder eine Impfung erworbene Antikörper einen wirksamen Schutz bieten.

Porträtfoto eines Wissenschaftlers im Labor
Prof. Achim Kaasch Bildrechte: Universität Magdeburg/Jana Dünnhaupt

Sachsen-Anhalts Landesregierung will zeitnah eine neue Eindämmungsverordnung vorstellen, um der Pandemie Herr zu werden. Darin soll 2G in Innenräumen flächendeckend Pflicht werden. Was brauchen wir aus fachlicher Sicht außerdem?

Es ist entscheidend, dass man es jetzt schafft, die Impfung zu den Menschen zu bringen. Ich stelle mir das so vor: Man hat eine große Anzahl von mobilen Impfteams, die vor den Supermärkten stehen und dort die Menschen abholen, die es vielleicht als sinnvoll ansehen, aber noch nicht zum Impfen gekommen sind. Das gilt für Erst- und Zweit- wie für Booster-Impfungen. Wir müssen Anreize schaffen, auch für die Landkreise, damit sie hohe Impfquoten erreichen. Das wäre sehr entscheidend, um eine nächste Welle zu vermeiden, die sich womöglich an diese anschließend wird. Das hilft uns aktuell nicht, aber dann hinten raus.

Und was sollten wir unmittelbar machen?

Wenn wir feststellen, dass uns 2G nicht hilft, brauchen wir Ideen für eine mögliche Eskalation. Sie sehen das in Bayern: Dort wurden Ausgangssperren für Ungeimpfte verhängt. Das hätten wir uns vor einem Jahr nicht vorstellen können. Genau diese Dinge muss man jetzt aber natürlich mitdenken und sich verständigen, wann man diese Karte zieht.

In mehreren Städten Sachsen-Anhalts öffnen in diesen Tagen große Weihnachtsmärkte. Mancherorts gelten 2G-Regeln, andernorts nicht. Was halten Sie davon?

Eine Maskenpflicht auch im Freien mag zur Reduktion von Infektionen, die sonst auftreten, beitragen. Eine Absage wäre aber sicher die klarere Variante. Wer draußen eine Maskenpflicht verhängt und in Innenräumen auf 2G oder 3G setzt, versucht, den Spagat zu schaffen. Meistens geht das nicht gut. Insgesamt ist klar, dass wir Kontakte reduzieren müssen, um die Übertragung zu reduzieren. An welcher Stelle man das macht, ist eine politische Verhandlung.

Sie haben vor wenigen Tagen getwittert, Sachsen-Anhalt habe bei der Bekämpfung der Pandemie schlechtere Ausgangsbedingungen als andere Bundesländer. Warum?

Dafür gibt es mehrere Gründe. Die insgesamt ältere Bevölkerung ist einer. Dazu kommt: Wir haben eine der niedrigsten Impfquoten, was ein großer Nachteil ist. Wir sind ein Flächenland. Da ist es schwierig, über zentrale Impfangebote alle zu erreichen. Und insgesamt hat unser Gesundheitssystem deutlich weniger Ressourcen als zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen.

In einem weiteren Tweet schrieben Sie, wer darauf vertraue, in den nächsten Wochen ein Intensivbett in Sachsen-Anhalt zu bekommen, solle noch einmal nachdenken. Das klingt düster.

Aufgrund der Prognosen ist zu erwarten, dass die Intensivbetten in den nächsten Wochen sehr knapp werden. Die Schwierigkeit daran ist, dass wir die Kapazitäten nicht einfach erhöhen können. Das liegt unter anderem daran, dass aktuell ganz Deutschland von der Welle erfasst wird und man Intensiv-Patienten nicht so einfach verlegen kann. Ein weiteres Problem ist der Pflegekräftemangel, der nicht nur uns in Sachsen-Anhalt trifft, sondern alle. Dieser Mangel wird jetzt dadurch verstärkt, dass wegen der hohen Inzidenz Pflegekräfte trotz Impfung selbst erkrankt sind oder Kinder betreuen müssen, die erkrankt sind. Das kann man nicht einfach durch andere Pflegekräfte auffüllen. Intensivpflege ist eine spezialisierte Pflege. Da gibt es wenig Ressourcen, die wir nachschieben können.

So schnell kommen wir aus dieser Situation also nicht heraus?

Genau. Wir haben uns sehenden Auges in eine Sackgasse manövriert. Das sind ja alles Probleme, die vor Corona da waren und die man während Corona nicht ausreichend angegangen ist.

Sie haben gesagt, dass Sie die Politik mit diesem Gespräch zum Handeln motivieren möchten. Wie bitter ist es, dass man das nach fast zwei Jahren Pandemie noch immer tun muss?

Es geht am Ende um die Frage der Politikberatung. Im Sommer war der Eindruck, dass alles ruhig ist und Wissenschaft hatte im Grunde auch alles gesagt, was man tun muss. Da war die Annahme vieler Wissenschaftler, dass die Politik mit den ersten Anstiegen der Fallzahlen im September und Oktober reagiert. Es war schon eine Überraschung, dass das negiert wurde und weiter ein Weg der Öffnungen beschritten wurde.

Für viele in der Gesellschaft schien die Pandemie im Sommer vorbei.

Die meisten von uns sehen im unmittelbaren Umfeld ja auch wenig davon. Bei mir im Institut sehe ich die Infektionszahlen, klar. Ich höre von Bekannten, die krank geworden sind. Aber dass jemand ins Krankenhaus kommt oder verstirbt, ist für viele nicht greifbar. Die Dringlichkeit scheint deshalb nicht allen klar zu sein. Viele haben das Problem nicht real in ihren Familien, es ist abstrakt. Aber dann kommt das exponentielle Wachstum, das alle überrollt. Das ist aber nicht neu und nach den Wellen zuvor hätte ich mir mehr Weitsicht in den Entscheidungen gewünscht.

Die aktuelle Situation wäre also vermeidbar gewesen?

Ganz klar. Das RKI hat ausreichend früh Modellszenarien vorgelegt. Die wollte im Sommer aber niemand hören. Wir haben es auch nicht geschafft, die Strukturen ausreichend zu verbessern. Nehmen Sie als Beispiel die Kontaktverfolgung: Neulich stand in der Magdeburger Volksstimme, dass das Gesundheitsamt in Magdeburg aufgrund der Personalressourcen die Kontaktnachverfolgung einschränken muss. Dass irgendeine Corona-Welle kommt, in der man diese Werte erreicht, war schon im Frühjahr klar.

Es gibt Menschen wie den Chef der Kassenärzte, die davon sprechen, dass all das gerade Panikmache sei. Das verwirrt, da es sich für uns medizinische Laien um einen Experten handelt.

Die Frage ist, welche Perspektive die richtige ist. Wenn es darum geht, dass wir eine funktionierende Intensivmedizin haben, ist der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung eher nicht der geeignete Ansprechpartner. Sein Bereich ist die Organisation der ambulanten Gesundheitsversorgung. Es ist nicht hilfreich, wenn sich diese Menschen dann außerhalb ihrer Kompetenzfelder äußern. Deshalb wäre ein Pandemie-Krisenstab sehr wünschenswert mit Wissenschaftlern aus verschiedenen Bereichen.

Aktuell wird so intensiv wie nie über eine Impfpflicht gesprochen. Wie stehen Sie dazu?

Ich war immer dagegen. Mittlerweile sehe ich es anders. Man muss zumindest ernsthaft über eine Impfpflicht diskutieren. Die wenigsten Menschen haben Lust, noch eine fünfte Corona-Welle zu erleben. Das Risiko dafür werden wir nur mit flächendeckender Impfung minimieren können. Wenn das ohne Pflicht nicht funktioniert, werden wir dazu greifen müssen. Irgendwann geht es halt nicht mehr anders.

Die Fragen stellte Luca Deutschländer.

MDR/Luca Deutschländer

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 22. November 2021 | 14:30 Uhr

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