Nach 75 Jahren Betrieb Steigende Energiekosten: Bäcker in Dessau-Roßlau gibt auf

Die Inflation hat ihren höchsten Stand seit 70 Jahren erreicht und ist in allen Lebensbereichen spürbar: ob beim wöchentlichen Einkauf, den Spritpreisen oder der Heizkostenabrechnung. Auch in Sachsen-Anhalt kommen viele Menschen an ihre Grenzen. Bäcker Oliver Schieke aus Dessau-Roßlau muss den Familienbetrieb jetzt nach 75 Jahren schließen. Die Belastung wirkt sich auch auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt aus, glaubt er.

Bäcker Oliver Schieke mit einem Krob Brot in der Hand.
Bäcker Oliver Schieke musste seine Bäckerei auf Grund der Preissteigerungen schließen. Bildrechte: MDR/Exactly

Zeitungen auf der Theke, verschiedenste Sorten Brötchen im Schaukasten und das spezielle Treberbrot "Alter Dessauer" nach eigenem Rezept daneben. So sah es damals aus in der Bäckerei Schieke. Doch seit Ende September herrscht Leere in der Backstube. Nach 75 Jahren war Schluss. "Ich habe den Entschluss gefasst, dass der Betrieb zum 30. September schließen wird, weil Kosten für Energie und Rohstoffe das übersteigen, was ich an den Kunden weitergeben kann", verkündete Oliver Schieke Ende August.

Kosten für Energie und Rohstoffe übersteigen, was ich den Kunden weitergeben kann.

Oliver Schieke, Bäcker

Mann in Bäckerei
Besitzer Oliver Schieke hatte die Bäckerei vor 13 jahren von seinem Vater übernommen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Krise zwingt Traditionsbäckerei in die Knie

Bis Jahresende beliefert Oliver Schieke noch Pflegeheime, Hotels und Restaurants. Das macht er allein. Seine Mitarbeitenden musste er bereits entlassen – ein besonders schwerer Moment für beide Seiten. Doch die Energie- und Rohstoffpreise sprengten seinen Angaben nach die Kapazitäten des Betriebs. Dazu kamen demnach notwendige Investitionen, die jegliche Mittel überstiegen. Der Laden hätte einen neuen Backofen benötigt: Dieser lag vor etwas mehr als einem halben Jahr bei einem Preis von 50.000 Euro – der aktuelle Preis liegt bei etwa 100.000 Euro, erklärt Schieke.

Nicht nur bei Geräten ist die Preissteigerung spürbar, sondern auch bei Lebensmitteln. Besonders tierische Produkte stehen ganz oben auf der Liste: Als Beispiel kostet Vollmilch mittlerweile 30 Prozent mehr als noch vor einem Jahr.

Wodurch kommt es zu den extremen Preisen? Die Preisexplosionen haben mehrere Gründe. Zum einen sind sie Auswirkungen des Krieges in der Ukraine und der Sanktionspakete der EU. Die reduzierten Gaslieferungen aus Russland treiben die Preise weiter nach oben. Außerdem war die Ausgangslage durch den wirtschaftlichen Einbruch in Zeiten von Corona ebenfalls ausschlaggebend.

Gemeinsam auf den Straßen, jedoch ohne gemeinsames Ziel

Während Bäcker Oliver Schieke aufgrund der fehlenden Wirtschaftlichkeit freiwillig das Geschäft aufgegeben hat, sind andere Unternehmen bereits in die Insolvenz gerutscht. Laut Institut für Wirtschaftsforschung Halle haben die Firmenpleiten in Deutschland im September deutlich zugenommen. Allein im September 2022 gab es rund ein Drittel mehr als im September 2021.

Der Druck der Menschen macht sich auch auf den Straßen bemerkbar. Noch vor einem Monat meldeten Behörden in Sachsen-Anhalt etwa 12.000 Demonstrierende bei 42 Versammlungen. Die Demonstrationen sind über das gesamte politische Spektrum verteilt. In Halle hat sich erst neu die Kampagne "Halle zusammen" gegründet, die einen Gaspreisdeckel und den Erhalt des 9-Euro-Tickets fordert. Wichtig ist den Mistreitern, sich von rechten Demos abzugrenzen. In anderen Städten in Sachsen-Anhalt gibt es Versammlungen, auf denen rechtsextreme Symbole zu sehen sind.

Teilnehmer beteiligen sich mit Fahnen an einer Protestaktion.
Viele Menschen gehen auf die Straßen um zu demonstrieren. Bildrechte: dpa

So unterschiedlich die politischen Richtungen sind, so unterschiedlich sind auch ihre Forderungen. Was vereint, ist die Unzufriedenheit über die aktuelle Lage und den Umgang damit. Laut einer Umfrage von MDRfragt sind 85 Prozent der etwa 30.000 befragten Teilnehmenden mit dem Krisenmanagement der Bundesregierung nicht zufrieden. 81 Prozent haben in letzter Zeit jedoch nicht an einer Demo teilgenommen. Die Studie ist nicht repräsentativ, wird aber wissenschaftlich begleitet.

Demonstration ist ein gutes Mittel, aber zurzeit ist es so, dass man in eine rechte Ecke gestellt wird [...].

Oliver Schieke

Bäcker Oliver Schieke geht selbst nicht auf Demonstrationen. Dafür hat er seine Gründe: "Es gibt viele Sachen, wo ich nicht dafür bin. Ich denke, Demonstrationen sind ein gutes Mittel, aber zurzeit ist es so, dass man in eine rechte Ecke gestellt wird, weil sich Gruppierungen zu den eigentlich richtigen Themen dazugesellen und das für sich vereinnahmen. Das gefällt mir nicht."

Die einen rücken näher, die anderen auseinander

Trotz der Schließung seines Betriebes, die mit viel Frust verbunden ist, versucht Oliver Schieke positiv zu bleiben. Die Verkaufsräume befinden sich gerade im Umbau. Brötchen werden hier in Zukunft zwar nicht mehr verkauft, leer bleiben sollen die Räume aber auch nicht – seine Mama wird dort einziehen.

Mein Gefühl ist, dass der gesellschaftliche Zusammenhalt bröckelt.

Oliver Schieke

Bei Schiekes rückt die Familie in diesen schweren Zeiten zusammen. Doch gesellschaftlich merkt auch er die Anspannung: "In der Familie wird der Zusammenhalt größer - meiner Meinung nach auch wegen der Umstände. Gesellschaftlich wird er weniger – mein Gefühl ist, dass der gesellschaftliche Zusammenhalt bröckelt."

Das spiegelt sich auch in der MDRfragt-Umfrage: 83 Prozent der Befragten sind der Meinung, dass der gesellschaftliche Zusammenhalt seit Corona abgenommen habe.

Filmempfehlung Wer sich dafür interessiert, was die Menschen in Sachsen-Anhalt auf die Straßen treibt und wie es um den gesellschaftlichen Zusammenhalt steht, findet Infos dazu in der exactly-Reportage "Krisen, Ängste, Inflation – Was bringen Demos?". Reporterin Pauline war in Dessau, Zeitz, Weißenfels und Halle unterwegs. Der Film wird im Laufe des 07.11. auf dem YouTube-Kanal von MDR investigativ veröffentlicht. Ein Klick auf das folgende Bild führt zum YouTube-Kanal von exactly.

MDR (Christin Rüdebusch)

Dieses Thema im Programm: MDR um 4 | 25. August 2022 | 16:00 Uhr

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