Gemeinde entscheidet "Judensau"-Schmähplastik in Wittenberg bleibt an Kirche

Die Wittenberger Stadtkirchengemeinde will die höchstumstrittene antijüdische Darstellung der "Judensau" an ihrer Kirchen-Mauer hängen lassen. Das hat der Kirchenbeirat jetzt entschieden. Er will die Schmäh-Plastik museumspädagogisch begleiten und als mahnendes Beispiel erhalten. Der Beirat hatte der Gemeinde noch im Juli empfohlen, das Stein-Relief zu entfernen und in einen Raum der Gemeinde zu versetzen.

Schmähplastik Judensau auf der Südostseite der Stadtkirche St. Marien in Wittenberg
Zur antijüdischen Darstellung soll eine "bleibende Kontextualisierung" entstehen. Bildrechte: IMAGO / Rolf Walter

Die Stadtkirchengemeinde in Wittenberg hat entschieden, dass die antijüdische Schmäh-Plastik an der Kirche erhalten bleiben soll. Über die sogenannte "Judensau"-Darstellung wurde in den vergangenen Jahren mehrmals vor Gerichten verhandelt. Der Umgang mit der Schmäh-Plastik wurde zudem lange öffentlich diskutiert.

Der Beirat der Stadtkirchengemeinde hatte im Juli empfohlen, die Schmäh-Plastik nicht mehr im öffentlichen Raum zu zeigen, sondern sie in einem geschützten Raum der Gemeinde auszustellen. Der Oberbürgermeister Torsten Zugehör (parteilos) hatte sich gegen diese Empfehlung gestellt.

Gemeindekirchenrat entscheidet "einmütig"

Der Gemeindekirchenrat hat nach Informationen des Vorsitzenden, Jörg Bielig, "einmütig" entschieden, dass das Stein-Relief als Stätte der Mahnung erhalten bleibt. Es sollen eine "bleibende Kontextualisierung" und ein pädagogisches Konzept entstehen.

"Natürlich bleibt die Plastik mit ihrer Aussage eine furchtbare Sache" sagte Stadtkirchenpfarrer Matthias Keilholz am Mittwoch MDR SACHSEN-ANHALT. "Im Sinne der Gedenk-Kultur, aber auch des baulichen Aufwandes schien es uns am Ende praktikabler, das Ensemble aus Schmäh-Plastik, Bronze-Denkmal, Zeder und erklärender Text-Tafel zu erhalten. Als Stätte der Mahnung hätte das Ensemble ohne das eigentliche Objekt, die Plastik an Wirkung verloren."

Schmäh-Plastik soll neu begleitet werden

Der Gemeindekirchenrat teilte mit, man wolle intensiver mit den Menschen ins Gespräch kommen, Wissen vermitteln, die Historie erklären. Es existiert bereits ein Erklär-Text zum Relief. Dieser soll dem Rat zufolge neu verfasst werden mit der Bitte um Vergebung an das jüdische Volk.

Stadtkirche Wittenberg
Als Ergänzung zur mittelalterlichen Plastik wurde bereits ein Mahnmal geschaffen. Bildrechte: dpa

Zudem wollen die Gemeinderats-Mitglieder ein museums-pädagogisches Konzept erarbeiten. Dies war ebenfalls vom Experten-Gremium empfohlen worden. "Da helfen keine Flyer mit viel Text. Eine attraktive Aufbereitung dieses Gedenk-Ortes ist unsere Aufgabe für 2023. Das Gedenk-Ensemble soll ein Lern-Ort werden, an dem man schlecht vorbeigehen kann", sagte Keilholz.

BGH hatte über "Judensau" entschieden

Die Schmäh-Plastik an der Wittenberger Stadtkirche ist bereits im Mittelalter entstanden und zeigt eine Sau, an deren Zitzen zwei Menschen saugen. Die Menschen sind mit Spitz-Hüten als Juden dargestellt. Zudem wird eine Person gezeigt, die den Schwanz des Tieres anhebt und drunter schaut. Die Figur wird als Rabbiner-Darstellung gewertet.

Im Juni hatte der Bundesgerichtshof in Karlsruhe entschieden, dass die Darstellung nicht entfernt werden muss. Der Vorsitzende Richter des VI. Zivilsenats, Stephan Seiters, hatte jedoch gesagt, die Plastik sei für sich betrachtet "in Stein gemeißelter Antisemitismus". Geklagt hatte ein jüdischer Mann aus Bonn, weil er durch die Darstellung das Judentum und sich selbst diffamiert sieht.

Was zeigt die antisemitische Schmäh-Plastik?

Das Sandstein-Relief wurde um 1300 an der Süd-Fassade der Stadtkirche Wittenberg angebracht. Es zeigt eine Sau, an deren Zitzen Menschen saugen, die Juden darstellen sollen. Ein Rabbiner blickt dem Tier unter den Schwanz. Schweine gelten im Judentum als unrein.

Ähnliche Spott-Plastiken finden sich an rund 30 evangelischen und katholischen Kirchen und Kathedralen im deutsch geprägten Kulturraum. Zum Teil verzerren sie Zusammenhänge und bedienen Stereotype. "Hier spielen Elemente herein, die man später vom Antisemitismus kennt und woran man sieht, dass der Anti-Judaismus des Mittelalters und der Kirche auch eine ganz wichtige Quelle für den rassistischen Antisemitismus der Neuzeit gewesen ist", erklärte Kunsthistoriker Matthias Demel im Gespräch mit dem Deutschlandfunk.

Wieso wurden diese Bilder angefertigt?

Mit solchen Darstellungen sollten Juden im Mittelalter unter anderem davon abgeschreckt werden, sich in der jeweiligen Stadt niederzulassen. Hintergrund ist der Anti-Judaismus der christlichen Kirchen. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die Grenze zum Antisemitismus fließend ist. Ab dem 16. Jahrhundert waren die christlichen Theologien "durchgängig anti-judaistisch und auch judenfeindlich" erklärte Jürgen Wilhelm, der Vorsitzende der Kölnischen Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit e.V. im Interview mit dem Domradio des Erzbistums Köln. 

Welche Verbindung der "Judensau" wird zu Martin Luther gesehen?

Über der Wittenberger "Judensau" prangt wohl seit 1570 zusätzlich der Schriftzug "Rabini Schem HaMphoras". Schem HaMphoras steht für den im Judentum unaussprechlichen heiligen Namen Gottes.

Die Ergänzung wird mit einer Schrift von Reformator Martin Luther (1483-1546) in Verbindung gebracht, der in Wittenberg wirkte und vor allem in seinem Spätwerk gegen Juden hetzte. Der Schriftzug ist vermutlich von Luthers anti-jüdischer Schrift "Vom Schem HaMphoras und vom Geschlecht Christi" von 1543 inspiriert.

Wie wird das Relief in Wittenberg eingeordnet?

Die Stadtkirchengemeinde ließ 1988 eine Bodenplatte unterhalb des Reliefs anbringen. Ihre Inschrift nimmt Bezug auf den Völkermord an den Juden im Dritten Reich, die Plastik selbst findet jedoch keine Erwähnung.

Auf der Gedenktafel steht: "Gottes eigentlicher Name, der geschmähte Schem HaMphoras, den die Juden vor den Christen fast unsagbar heilig hielten, starb in sechs Millionen Juden unter einem Kreuzeszeichen."

Durch Gedenkveranstaltungen und Führungen hat sich laut der Gemeinde eine rege Erinnerungskultur entwickelt.

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dpa,MDR (Julia Heundorf, Leonard Schubert)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 26. Oktober 2022 | 13:00 Uhr

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