Drei Experten erzählen Eine Firma gründen: So sind die Bedingungen in Sachsen-Anhalt

MDR SACHSEN-ANHALT-Reporter Lucas Riemer
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Gerade in ländlichen Regionen können Unternehmensgründungen helfen, Arbeitsplätze zu schaffen und junge Menschen vor Ort zu halten. Das hat inzwischen auch die Politik erkannt. Doch wie gut sind die Bedingungen für Gründerinnen und Gründer auf dem Land in Sachsen-Anhalt? Einblicke aus der Sicht eines Handwerkers, eines Wissenschaftlers und einer Gründungsberaterin.

Geschäftsfrau erklärt männlichen und weiblichen Unternehmern im Büro die Geschäftsstrategie an einer Glasscheibe.
Erfolgreiche Gründerinnen und Gründer gibt es nicht nur in hippen Großstadtbüros, sondern immer öfter auch auf dem Land. (Symbolbild) Bildrechte: imago images/Westend61

Es entpuppt sich als nicht ganz einfach, einen Termin mit Christoph Baum zu finden, um sich seine Geschichte erzählen zu lassen. Der Kalender des vielbeschäftigten Malermeisters aus Wernigerode ist ohnehin voll, und dann kommen auch noch kurzfristige Kundentermine dazwischen, die sich nicht verschieben lassen. "Gründen", sagt Christoph Baum, als es schließlich mit ein paar Tagen Verspätung doch noch mit einem Gespräch klappt, "ist eine riesige Herausforderung – die aber mega Spaß machen kann".

Christoph Baum: Erst Maler, dann auch App-Entwickler

Baum muss es wissen: In Wernigerode, wo schon sein Vater eine eigene Maler- und Lackierfirma hatte, hat er sich nicht nur mit einem Maler- und Raumgestaltungsunternehmen selbstständig gemacht, das inzwischen sieben Angestellte hat. Zwischenzeitlich ist Baum außerdem unter die Digitalgründer gegangen. Gemeinsam mit einem Geschäftspartner tüftelte Baum an einer App zur Organisation, Planung und Dokumentation von Baustellen.

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Die App-Idee kam Baum durch seinen Handwerksbetrieb. Wann immer seine Mitarbeiter zu einer neuen Baustelle fuhren, musste der Chef ihnen morgens mündlich sagen, was es dort zu tun gab. Es fehlten standardisierte Abläufe, Listen und Pläne. Nicht selten mussten Baums Leute deshalb nochmal ins Unternehmen zurückkommen, weil sie etwa das passende Werkzeug nicht dabei hatten.

Eine App, in der Checklisten und Pläne für die Baustellen digital hinterlegt sind, sollte das Chaos beseitigen – und zwar nicht nur in Baums Firma, sondern auch in anderen Handwerksbetrieben.

Sachsen-Anhalt bundesweit im letzten Drittel

Glaubt man der Statistik, dann sind gründungsfreudige Menschen wie Christoph Baum in Sachsen-Anhalt eher selten. Im bundesweiten Vergleich der Gründungstätigkeit, den die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) in ihrem Gründungsmonitor 2021 veröffentlicht hat, liegt das Land nur auf dem 14. von 16 Plätzen. Im Zeitraum von 2018 bis 2020 gab es demnach in Sachsen-Anhalt jährlich 70 Gründungen pro 10.000 erwerbsfähigen Menschen.

Zum Vergleich: Auf Platz eins in der Statistik liegt Berlin mit 181 Gründungen jährlich pro 10.000 Erwerbsfähigen. Schleswig-Holstein kommt als bestplatziertes Flächenland auf 120 Gründungen jährlich pro 10.000 Erwerbsfähigen, das bedeutet bundesweit den dritten Rang.

Studenten als Vorreiter beim Gründen?

"Ich glaube nicht, dass Sachsen-Anhalterinnen und Sachsen-Anhalter per se weniger gründen. Sie tun es nur seltener in Sachsen-Anhalt", sagt Matthias Raith. Er ist Professor für Entrepreneurship an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg und beobachtet unter den Studierenden ein zunehmendes Interesse am Gründen. Zwei Drittel der Studierenden im ersten Semester finden laut Umfragen eine selbständige Tätigkeit interessanter als eine angestellte Arbeit, sagt Raith.

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Als Professor hat er mehr als 800 Gründungsprojekte begleitet, von denen etwa jedes dritte letztlich auch in den Markt gegangen ist. "Einige davon waren sehr erfolgreich, sind dann aber irgendwann aus Sachsen-Anhalt abgewandert", sagt Raith. "Als IT-Gründer oder -Gründerin ist es zum Beispiel ganz leicht, den Laptop zuzuklappen und nach Berlin zu gehen".

Metropolen seien gerade für Startups, also besonders innovative und technologiegetriebene Gründungen, als Standort interessant, weil sie ein gewachsenes Netzwerk aus anderen Unternehmen und Investoren böten. Das gebe es auf dem Land nicht und lasse sich mit Geld nicht kaufen lasse, so Raith.

Branchen mit Wachstumspotenzial

Der BWL-Professor sieht aber auch Branchen, in denen der Standort Sachsen-Anhalt für Gründerinnen und Gründer großes Wachstumspotenzial verspricht: "Wir haben eine alternde Bevölkerung, dementsprechend haben wir im Land einen großen Markt im Bereich Gesundheit und Pflege. Auch in der Agrarwirtschaft ist Sachsen-Anhalt stark vertreten, da bieten sich für Gründerinnen und Gründer Chancen mit Blick auf neue Trends wie Öko-Landwirtschaft oder vegane Produkte."

Doch damit mehr Menschen den Schritt in die Selbstständigkeit wagen, brauche es Mut und die richtige Geisteshaltung, findet Raith – und daran mangele es der Politik, nicht nur in Sachsen-Anhalt, sondern in ganz Deutschland.

Wir sehen keine Politik, die Visionäre belohnt. Visionäre werden oft als Spinner verschrien, aber dort, wo Spinner erfolgreich werden, passiert sehr viel.

Matthias Raith, Professor an der Otto-von-Guericke-Universität

Beratungsangebote sollen helfen

Schaffen Menschen durch Gründungen Arbeitsplätze für sich selbst und möglicherweise auch andere, müssen sie nicht des Jobs wegen in ein anderes Bundesland oder eine Großstadt ziehen. Ländliche Gegenden könnten dadurch mehr junge Menschen halten. Diese Erkenntnis mag nicht sonderlich visionär sein, hat sich aber in der Landes- und Kommunalpolitik durchgesetzt.

In vielen Landkreisen gibt es daher inzwischen Technologie- und Gründerzentren (TGZ), die Unternehmerinnen und Unternehmer bei Übernahmen und Neugründungen unterstützen – vom Ein-Personen-Friseursalon bis hin zu mittelständischen Betrieben mit mehreren hundert Angestellten.

Viel Platz auf dem Land für Ideen

Elisa Heinke leitet das TGZ im Jerichower Land. Sie ist eine ehemalige Studentin und Mitarbeiterin von BWL-Professor Matthias Raith. Gemeinsam mit ihren Mitarbeitenden bietet sie Vorgründungskurse an, bei denen sie das kleine Einmaleins des Unternehmertums lehrt. Außerdem hilft sie Unternehmerinnen und Unternehmern bei der Finanzierung ihrer Pläne. "Viele Menschen finden den ländlichen Raum attraktiv zum Leben und möchten hier ihre eigenen Ideen verwirklichen. Der Vorteil auf dem Land ist: Wir haben viel Platz für Ideen", sagt Heinke.

Nicht nur deshalb könnte die Standortwahl von Unternehmerinnen und Unternehmern künftig häufiger zugunsten ländlicher Regionen ausfallen, glaubt sie: "Die Digitalisierung ermöglicht uns, dass wir im Zweifel von überall arbeiten können und es in bestimmten Branchen nicht mehr notwendig ist, jeden Tag ins Büro zu fahren. Das kann ein Vorteil für den ländlichen Raum sein, wo Wohnen noch recht günstig ist und es guten Zugang zu Kitas, Schulen und der Natur gibt."

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Trotz der Corona-Pandemie habe sie das Gefühl, dass die Menschen optimistisch in die Zukunft blickten. Viele hätten die Phase der Lockdowns sogar genutzt, um mithilfe des TGZ Gründungen vorzubereiten. Insgesamt sei Sachsen-Anhalt beim Thema Gründen auf einem guten Weg, findet Heinke: "Was Gründungen und Unternehmensnachfolgen angeht, ist Sachsen-Anhalt wirklich hinterher. Wir haben zum Beispiel tolle Förder- und Beratungsangebote im Land."

Finanzielle Förderung vom Land

Eines dieser Förderangebote ist der Startup Gladiator. Wer in Sachsen-Anhalt ein junges Technologie-Unternehmen gegründet hat, kann sich im Rahmen dieses Programmes mit 350.000 Euro unterstützen lassen. Bereitgestellt wird das Geld durch die IBG Beteiligungsgesellschaft Sachsen-Anhalt, eine hundertprozentige Tochtergesellschaft des Landes Sachsen-Anhalt. Auch Malermeister Christoph Baum aus Wernigerode profitierte bei der Entwicklung der Baustellen-App von dieser Finanzierung. An den Start ging die App trotzdem nicht.

Baum und sein Geschäftspartner hatten sich bei der Entwicklungszeit verschätzt, das Geld wurde knapp und die Suche nach einem Investor für das Projekt endete letztlich erfolglos. Rund zweieinhalb Jahre ist das mittlerweile her. "Ich bin dankbar für die Förderung, die wir damals vom Land bekommen haben", sagt Christoph Baum rückblickend.

Bei manchen Problemen hätten er und sein Partner sich allerdings alleingelassen gefühlt. So habe es etwa wenig Unterstützung bei der Suche nach den dringend benötigten neuen Investoren gegeben.

Das Land Sachsen-Anhalt sollte Gründerinnen und Gründer, die vorher festgelegte Meilensteine erfüllt haben, weiter unterstützen, um ihnen mehr Sicherheit zu geben.

Christoph Baum, Malermeister

Obwohl der erste Anlauf gescheitert ist, hat Baum mit dem App-Projekt noch nicht abgeschlossen. Seinen Maler- und Raumgestaltungsbetrieb managt er weiterhin nach dem eigens entwickelten System. Und auch die Pläne für die App liegen noch in seiner Schublade. Wenn sich neue Investoren finden sollten, will Baum einen zweiten Versuch wagen. Die Geisteshaltung, die BWL-Professor Raith fordert – bei dem Malermeister aus Wernigerode ist sie längst vorhanden.

MDR SACHSEN-ANHALT-Reporter Lucas Riemer
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Über den Autor Lucas Riemer arbeitet seit Juni 2021 bei MDR SACHSEN-ANHALT. Der gebürtige Wittenberger hat Medien- und Kommunikationswissenschaft in Ilmenau sowie Journalismus in Mainz studiert und anschließend mehrere Jahre als Redakteur in Hamburg gearbeitet, unter anderem für das Magazin GEOlino.

Bei MDR SACHSEN-ANHALT berichtet er vor allem über kleine und große Geschichten aus den Regionen des Landes.

Quelle: MDR/Lucas Riemer

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