Seltenes Handwerk Geigen made in Sachsen-Anhalt

Halle und Händel denkt man zusammen, Halle und Geigenbau eher nicht. Die Saalestadt ist kein Traditionsstandort für Instrumentenbau wie Klingental oder Markneukirchen. Doch auch in der größten Stadt Sachsen-Anhalts gibt es Geigenbauer, sogar gleich zwei. Wolfram Ries ist einer von ihnen.

Wolfram Ries an seinem Arbeitsplatz
Wolfram Ries baut seit mehr als 20 Jahren Geigen in seiner Werkstatt in Halle. Bildrechte: MDR/Annekathrin Queck

Seit 1998 hat Wolfram Ries seine Werkstatt am Domplatz. Nach einem kurzen Aufstieg in die erste Etage des kleinen weißen Hauses, führt eine Holztür in die Arbeitswelt von Ries. Im kleinen Flur stehen Instrumentenkoffer. Auf der rechten Seite führt eine Tür in die Werkstatt. Dort sieht man vor allem eins: Holz.

Boden, Schränke, Instrumente, selbst die Fensterrahmen sind aus dem gleichen Material. Eine Komposition aller Brauntöne. Die alten Dielen knartzen, wenn man sich durch den Raum bewegt. Es riecht nach frisch aufgebrühtem Kaffee.

Das Holz macht den Klang

Ohne Holz kann man keine Geige bauen. Es entscheidet auch wesentlich über den Klang des Instruments: "Wenn das Holz nicht klingt, wird auch die Geige nicht klingen", erklärt Wolfram Ries. Zwar könne man den Klang mit gewissen Techniken noch etwas ausgleichen, das Holz aber ist und bleibt das Herzstück des Geigenbauhandwerks.

Eine Geige herzustellen dauert circa 150 Stunden, also etwa einen Monat. Eine Schülergeige bekommt man schon ab 700 Euro, eine Profigeige kann dagegen bereits bis zu 10.000 Euro kosten und Sammlerstücke werden teilweise sogar für mehrere Millionen gehandelt.

Der Preis setzt sich aus Arbeitsaufwand und Materialkosten zusammen. Für Schülerinstrumente wird beispielsweise nicht das hochwertigste und bestklingenste Holz verwendet, weshalb sie deutlich günstiger sind als die Instrumente der Profimusiker. Man kann sich natürlich auch billig eine Geige im Internet bestellen. Problem ist da aber häufig die Qualität. Es sei einfach unmöglich für 50 Euro ein gutes Instrument zu bauen, meint Ries.

Geigenbau damals und heute

Mit der Qualität grenzen sich die Geigenbauer von der Massenproduktion ab, aber untereinander sind die Unterschiede bei weitem nicht mehr so markant wie noch vor 200 oder 250 Jahren. In dieser Zeit gab es nämlich sogenannte Geigenbauschulen, die alle ihre eigene Bautradtion hatten.

Da hätte man keine Schwierigkeiten gehabt, eine Geige aus dem Vogtland von einer Geige aus Mittenwald, Wien oder Italien zu unterscheiden. Das lag daran, dass es kaum Wissensaustausch zwischen den Geigenzentren gab.

Geige 4 min
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"Heutzutage" sagt Ries, "sieht man einer Geige nicht mehr an, wo sie gebaut wurde." Alle Geigenbauer nutzen heute vergleichbare Techniken und Materialien und können sich weltweit an einer beliebigen Geigenbauschule ausbilden lassen. Hinzu kommt, dass sich fast alle auf die italienischen Vorbilder berufen.

Nur Geigen bauen reicht nicht

Gerade weil Geigen heute weltweit nach den gleichen Standards hergestellt werden, muss man als Geigenbauer pragmatisch und flexibel sein. Der Standort spielt keine Rolle mehr, das heißt, man muss dorthin gehen, wo es Bedarf gibt. Diesen Bedarf gab es Ende der 1990er-Jahre in Halle. Und so verschlug es den gebürtigen Bayer Wolfram Ries an die Saale.

Vom Geigenbau alleine kann man heute allerdings nicht mehr leben. Wolfram Ries hat sich deshalb mehrere Standbeine aufgebaut. Er stellt nicht nur Geigen, Bratschen und Celli her, sondern repariert und restauriert auch Streichinstrumente und Bögen. Musikschüler können sich bei ihm günstig Instrumente ausleihen. Sammler von historischen Instrumenten werden bei Ries ebenfalls fündig.

Bunte Kundschaft

Weil der Geigenbauer so breit aufgestellt ist, besuchen ihn sehr unterschiedliche Leute vom Berufsmusiker über den ambitionierten Laienmusiker, Musikschüler und deren Eltern bis hin zu Instrumentensammlern und Musikern aus der Barockszene.

In der Woche vor seiner Werkstatteröffnung im Frühjahr 1998 war Wolfram Ries viel unterwegs, verteilte Flyer und Infomaterial in verschiedenen Musikschulen und in den beiden Orchestern in Halle, der Staatskapelle und dem Akademischen Orchester der Martin-Luther-Universität. Er wollte seine Zielgruppe damals direkt ansprechen, eben weil sie von vornherein sehr begrenzt ist.

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In der Anfangszeit übernahm Ries auch Aufträge von Kollegen aus anderen regionalen Werkstätten. Das bereits etablierte Geigenbauer Aufträge auslagern, sei in seinem Handwerk durchaus üblich und für beide Seiten von Vorteil.

Man muss es wirklich wollen

Wolfram Ries wird häufig von Eltern nach seinem Beruf gefragt. Jungen Leuten, die darüber nachdenken, den gleichen Weg einzuschlagen, rät er, sich die Sache genau zu überlegen. So einen Beruf müsse man wirklich wollen. Man dürfe sich gar nichts anderes vorstellen können, dann sei man auch nicht enttäuscht, wenn es mal nicht so laufe und man nur kleine Brötchen backe.

Nicht jeder könne groß rauskommen. Außerdem reiche es nicht, das Geigenbauhandwerk als Job zu begreifen. Denn für Wolfram Ries ist sein Handwerk vor allem eins: Berufung.

MDR (Annekathrin Queck/Thomas Tasler)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 25. Januar 2022 | 09:30 Uhr

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