Jugendbüro eröffnet Halle: Neue Anlaufstelle für junge Menschen aus schwierigen Verhältnissen

Verfolgt, geschlagen, ausgeraubt – so geht es seit Monaten immer wieder Jugendlichen in Halle. Doch wie erreichen die Stadt und Behörden die jungen Erwachsenen aus schwierigen Verhältnissen? In einer alten Polizeistation hat das Projekt go!Halle nun einen neuen Zufluchtsort eingerichtet.

Die junge Frau ohne festen Wohnsitz.
Bildrechte: dpa

Statt Akten, Handschellen und Verwahrungszelle bieten die sechs Räume einen Tischkicker, zwei Waschmaschinen und viele gemütliche Rückzugsmöglichkeiten. Das neue Jugendbüro in Heide-Nord ist eines von vier solcher Büros in Halle. Verteilt über die Stadt, in der Silberhöhe, in Neustadt und in der Innenstadt sind sie für alle zwischen 15 und 25 Jahren zu erreichen. "Wir wollen mit diesem Projekt Anlaufstelle für Jugendliche sein, die sonst niemanden haben, den sie fragen können, wenn es um Hilfe geht", sagt Jan Kaltofen, Geschäftsführer des Jobcenters Halle.

Kaltofen entdeckte das Konzept vor fünf Jahren in Esslingen bei Stuttgart. Dort hat das fast gleichnamige Projekt "go!ES" bereits Erfolg. Die Idee: aufsuchend und niederschwellig. Das heißt: Junge Erwachsene können nicht einfach nur zu ihnen kommen, sondern werden aktiv von Sozialarbeitern und -pädagogen dort aufgesucht, wohin sie sich, teilweise aus Not und Verzweiflung, zurückgezogen haben. "In Halle haben wir ein ähnliches Problem mit den Jugendlichen, wie in Esslingen", so Kaltofen.

Zu viele Angebote überfordern Jugendliche

Nicht jeder könne sich auf seine Familie oder sein soziales Umfeld verlassen, oft liege sogar genau dort die Ursache dafür, dass junge Erwachsene sich von gesellschaftlichen Strukturen entfernen. Auch die Ämter helfen vielen nicht weiter. Kaltofen kritisiert bisherige Verwaltungsstrukturen, es sind einfach zu viele. "Da ist das Jugendamt mit im Boot, die Agentur für Arbeit, das Jobcenter. Es gibt unendlich viele Anlaufstellen, aber genau die verhindern, dass der Jugendliche sich darin orientieren kann." Das Ziel, eigenständig und selbstbestimmt zu leben, ist daher für viele nur schwer zu erreichen.

Jugendamt
Nach Einschätzung des Jobcenters sind aktuell zu viele Stellen beteiligt, um Jugendlichen wirklich zu helfen. (Symbolbild) Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Daher setzt Kaltofen, stellvertretend für das Jobcenter, zusammen mit der Stadt Halle und den freien Trägern, dem Jugend- und Familienzentrum Sankt Georgen e.V. und dem Internationalen Bund die Idee in Halle um. Seit dem 1. Juli ist das Projekt go!Halle aktiv. Egal ob bei Probleme mit der Schule, mit Freunden und Familie, der finanziellen oder gesundheitlichen Situation, es soll jungen Erwachsenen helfen, wieder ins "System" zurück zu finden.

Neues Jugendbüro im Norden von Halle eröffnet

Auch Katharina Brederlow, Beigeordnete für Bildung und Soziales der Stadt Halle, verspricht sich viel von dem Projekt. Ein Vorläufer des Internationalen Bundes, das Projekt "LösBar", habe mit ähnlichen niederschwelligen Methoden bereits einige Jugendlichen in Halle helfen können, einen Schulabschluss zu machen, eine sichere Unterkunft zu finden oder sich eine finanzielle Grundsicherung aufzubauen. "Diese Projekte erreichen eben auch die Jugendlichen, die eigentlich keinen Bock draufhaben, sich von Sozialarbeitern oder sonst wem sagen zu lassen, was sie machen sollen. Sie holen sie dort ab, wo sie sind", sagte Brederlow MDR SACHSEN-ANHALT.

Diese Projekte erreichen eben auch die Jugendlichen, die eigentlich keinen Bock draufhaben, sich von Sozialarbeitern oder sonst wem sagen zu lassen, was sie machen sollen.

Katharina Brederlow Beigeordnete für Bildung und Soziales der Stadt Halle
Verkehrsschild "Sackgasse" darunter Schild "Jobcenter"
An dem Projekt beteiligt ist auch das Jobcenter. Bildrechte: dpa

Als erste Aktion hat go!Halle ein neues Jugendbüro im Norden von Halle eröffnet. Dort betreuen zwei Sozialarbeiter und ein Psychologe die Hilfesuchenden bei Bedarf. Jugendliche waren zum Start, trotz Einladung, allerdings nicht dabei. Matthias Fischbach, Pressesprecher des Jobcenters Halle, weiß warum: "Es ist einfach schwer, sich zu zeigen und zu sagen: Ja ich habe kein Zuhause, ja ich muss meine Wäsche hier waschen." Auch Kaltofen zeigt sich verständnisvoll. Er würde an Stelle der Jugendlichen mit Erschrecken wegrennen, wenn bei so einem Angebot eine große Zahl von Pressevertretern und Anzugmenschen dabei wären.

Jetzt ist das Jugendbüro aber wieder behördenfrei und kann ab sofort von allen Jugendlichen und jungen Erwachsenen zwischen 15 und 25 Jahren aufgesucht werden.

MDR (Cynthia Seidel, Luca Deutschländer)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 05. Juli 2022 | 18:40 Uhr

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