Schulstart in Sachsen-Anhalt Wie eine ukrainische Mutter die Einschulung ihres Sohnes in Halle erlebt

Anna Taras ist gleich zu Beginn des Ukraine-Krieges mit ihren Kindern über Polen nach Halle geflüchtet. Ihr Sohn wird jetzt eingeschult. Nicht nur Erstklässler wie er, auch viele weitere ukrainische Kinder und Jugendliche kommen erst jetzt an die öffentlichen Schulen im Land. Genaue Daten hat das Landesschulamt nicht, es rechnet aber mit einem deutlichen Anstieg der Schülerzahlen. Wie das organisiert werden soll.

Eine ukrainische Mutter hält ihren Sohn im Arm. Dieser sitzt auf einem Geländer. Beide lächeln in die Kamera.
Anna Taras ist mit ihrem Sohn Matvii aus der West-Ukraine nach Deutschland geflohen. Der Junge kommt jetzt in Halle in die Grundschule. Bildrechte: MDR/Daniel Salpius

In wenigen Tagen kommt der sechsjährige Matvii in Halle-Neustadt in die Schule. Buchstaben kann er dank Vorschule schon längst lesen. Jedoch keine lateinischen, sondern kyrillische. Der blonde Junge gehört zu den vielen aus der Ukraine geflüchteten Kindern und Jugendlichen, die ab dem kommenden Schuljahr, das am 25. August beginnt, erstmals regulär in Sachsen-Anhalt zur Schule gehen. Ängstlich sei Matvii deshalb nicht, berichtet seine Mutter Anna Taras beim Treffen mit MDR SACHSEN-ANHALT im Slawia Kulturcentrum Halle. "Er fürchtet nur das frühe Aufstehen", so die 30-Jährige lächelnd.

Dass er direkt in eine normale Klasse kommt, obwohl er noch kein Deutsch spricht, weiß Matvii noch nicht. "Er soll deswegen keine Sorgen haben im Vorfeld, sondern das dann einfach erleben", erklärt Anna Taras, die ihren Sohn bewusst nicht in eine Ankunftsklasse schicken will und sich sicher ist, dass er so am schnellsten ankommen und die Herausforderung gut meistern wird. An seiner Grundschule hätte es aber auch gar keine Ankunftsklasse gegeben.

Mehr als 6.000 schulpflichtige Kinder aus der Ukraine

Mehr als 6.000 ukrainische Kinder und Jugendliche im schulpflichtigen Alter sind seit Ausbruch des Ukraine-Krieges bislang in Sachsen-Anhalt registriert worden. Rund 3.300 wurden laut Landesschulamt bereits im vergangenen Schuljahr an den öffentlichen Schulen aufgenommen. Wie viele im neuen Schuljahr noch hinzukommen, wissen die Behörden nicht so genau.

Denn ein Teil der erfassten Kinder sei inzwischen wieder mit ihren Familien in die Ukraine zurückgekehrt, manche in andere Bundesländer oder EU-Staaten weitergereist, erklärt Behörden-Sprecher Tobias Kühne. Umgekehrt würden aber auch weiterhin geflüchtete Familien mit Kindern aus der Ukraine in Sachsen-Anhalt ankommen. In diesen Fällen werde ein Schulplatz quasi von einem auf den anderen Tag nötig.

Vor allem kämen jetzt aber noch all jene zusätzlich ins Schulsystem, die bislang die Online-Beschulung der Ukraine genutzt hätten, um das vor der Flucht begonnene Schuljahr zu beenden, so Kühne. Daher rechnet das Landesschulamt trotz aller Unschärfen mit einem "deutlichen Anstieg" ukrainischer Kinder und Jugendlicher an den Schulen im Land.

Sie kommen entweder in Regelklassen und erhalten neben dem normalen Unterricht eine intensive Sprachförderung – oder sie besuchen Ankunftsklassen, in denen dann Kinder und Jugendliche unterschiedlichen Alters auf Ukrainisch nach deutschem Lehrplan unterrichtet werden. Durch das Angebot will Sachsen-Anhalt die Muttersprache bei den Kindern erhalten und stärken. Gleichzeitig sollen sie intensiv Deutsch lernen. Jeweils zwei ukrainische Lehrer und ein Lehrer für Deutsch als Zielsprache braucht es für diese Klassen.

Eltern entscheiden über Regel- oder Ankunftsklasse

Die Entscheidung zwischen Regel- und Ankunftsklasse treffen die ukrainischen Eltern selbst. Allerdings gibt es nach Angaben des Landesschulamtes Ankunftsklassen nur an 83 der rund 760 öffentlichen Schulen in Sachsen-Anhalt. Sie seien aber räumlich in allen Kreisen und kreisfreien Städten verteilt und könnten auch von Schülern außerhalb des Schuleinzugsbereichs besucht werden, betont Tobias Kühne. Auch solle sich das Angebot im kommenden Schuljahr noch erhöhen. Dafür werde weiter um ukrainische Lehrkräfte geworben. Bislang stünden voraussichtlich 167 zur Verfügung, 138 davon waren bereits im vergangenen Schuljahr eingestellt worden.

Nur selten würden sich die Geflüchteten gegen Ankunftsklassen entscheiden, so Kühne. Ausschlaggebend ist nach seiner Erfahrung der Bleibewunsch der Menschen. Wer in die Ukraine zurückkehren wolle, schicke seine Kinder eher in Ankunftsklassen. In Regelklassen kämen sie meist nur dann, wenn die Eltern vorhätten, in Deutschland zu bleiben, berichtet er.

Familie erlebt Kriegsbeginn in Iwano-Frankiwsk

Bei Anna Taras ist das anders. Obwohl sie ihren Sohn Matvii in eine reguläre erste Klasse schickt, will auch sie zurück zu ihrem Mann nach Iwano-Frankiwsk in der West-Ukraine. Der Film- und Theater-Schauspieler konnte als wehrfähiger Mann das Land nicht mit seiner Familie verlassen. Bislang musste er noch nicht gegen die russischen Invasoren kämpfen, er stehe aber auf einer Liste und könne jederzeit eingezogen werden, erzählt die 30-Jährige, die in ihrer Heimat als studierte Balletttänzerin ebenfalls auf der Bühne stand.

So lange der Krieg jedoch andauert, bleibt Anna Taras voraussichtlich in Deutschland, weil ihre Kinder hier in Sicherheit seien, wie sie sagt. Ihr Sohn und ihre zweijährige Tochter Eva hätten die ständigen Alarm-Sirenen und die Angst in der Ukraine nicht gut verkraftet. "Die beiden haben das alles sehr genau mitbekommen und in der Nacht nicht mehr geschlafen."

Bereits am ersten Kriegstag, dem 24. Februar, seien sie von lautem Brummen wach geworden. Der nahegelegene Flughafen sei von Russland mit Raketen beschossen worden. Danach sei in Iwano-Frankiwsk Chaos ausgebrochen. "Wir haben zehn Stunden gebraucht, um die Stadt zu verlassen. Alle wollten fliehen", berichtet Anna Taras. Nach einer Woche in einem Dorf brach die junge Frau mit den Kindern, ihrer Mutter und ihrer Großmutter Richtung polnische Grenze auf. Von dort holten sie Helfer aus Halle mit einem Bus ab. Am 6. März trafen sie ein.

Ich hatte in meinem ganzen Leben noch nicht so viel Post.

Anna Taras Balletttänzerin aus der Ukraine

Die junge Frau ist dankbar für die große Hilfsbereitschaft, die ihr in Halle begegnet ist. "Wir sind sehr gut aufgenommen worden." Die Familie lebt inzwischen auch in einer eigenen Wohnung in Halle-Neustadt. Das einzige, was der Ukrainerin in Deutschland zu schaffen macht, ist der viele Papierkram. "Ich hatte in meinem ganzen Leben noch nicht so viel Post", sagt sie. "In der Ukraine bekommt man vielleicht einmal in drei Monaten einen Brief."

Einschulung in Halle-Neustadt völlig reibungslos gelaufen

Die Einschulung ihres Sohnes habe aber ausgesprochen reibungslos funktioniert, berichtet Anna Taras. Sie habe einen Bescheid bekommen, sei in die Grundschule eingeladen und dort herzlich willkommen geheißen worden.

Wenn Matvii in der Schule ist und die zweijährige Eva einen Kita-Platz hat, will die 30-Jährige ihre eigene Sprachbarriere angehen. Bislang bestreitet sie den Alltag mit einer Übersetzungs-App auf dem Smartphone. Doch um einen Job zu finden, müsse sie Deutsch sprechen. Vielleicht, so hofft sie, könne sie dann in Halle als Tanztrainerin arbeiten.

Landesschulamt: Ukrainische Kinder sehr lernwillig

Die vielen ukrainischen Kinder und Jugendlichen zu integrieren, stellt das Schulsystem unbestreitbar vor eine Herausforderung, die laut dem Sprecher des Landesschulamts, Tobias Kühne, ohne die ukrainischen Lehrer schwer zu bewältigen wäre. Alle geflüchteten Kinder gleich in Regelklassen unterzubringen, hätte die Schulen angesichts des Lehrermangels wohl vor enorme Probleme gestellt, gibt er zu. Bei der Verteilung geht es übrigens nicht nach Schulform, sondern nach Nähe zum Wohnort und den Aufnahmekapazitäten vor Ort.

Verteilung ukrainischer Schüler nach Schulformen im Schuljahr 2021/22 (Quelle: Landesschulamt)
Schulform Zahl ukrainischer Schüler
Grundschulen 1.412
Sekundarschulen 611
Gemeinschaftsschulen 341
Gymnasien 781
Förderschulen 21
Schulen des Zweiten Bildungsweges 15
Gesamtschulen 108
Berufsbildende Schulen 45

Den enormen Anstrengungen der Schulen entgegen komme aber, so Kühne, dass alle Beteiligten die ukrainischen Kinder als sehr lernwillig erlebten. Natürlich gebe es Unterschiede zwischen dem deutschen und dem ukrainischen Schulsystem. "Wir beobachten aber eine starke Bildungsorientierung der Kinder und Jugendlichen sowie deren Eltern. Sie wollen zur Schule gehen. Das erleichtert die Integration erheblich."

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MDR (Daniel Salpius)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 18. August 2022 | 14:00 Uhr

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