Markt leergefegt Chipmangel: Auto-Händler fürchtet schlechte Zukunft seiner Branche

MDR-Reporter Hagen Tober
Bildrechte: Hagen Tober

Kurzarbeit ausgeweitet, Produktionsstopp bis Jahresende: Viele Branchen haben derzeit mit Problemen zu kämpfen – darunter auch die Automobilbranche. Grund ist hier der Mangel von Mikro-Chips – der in absehbarer Zeit auch anderen Branchen Probleme bereiten dürfte. Bei Autohändlern macht sich der Mangel längst im Alltag bemerkbar. MDR SACHSEN-ANHALT hat einen Autohaus-Besitzer im Saalekreis getroffen.

Opel-Werk in Eisenach
Um die Zukunft der Automobilbranche ist es nicht gut bestellt. Das Symbolbild entstand im Opel-Werk in Eisenach. Bildrechte: imago/Bild13

Wenn jemand eine Reise macht, kann er was erleben. So erging es auch Lutz Fritz, als er vor kurzem nach Kanada reiste. Fritz, von Beruf Autohändler in Oppin im Saalekreis, besucht in Nordamerika alte Bekannte und schaut sich dabei ausgiebig bei seinen Berufskollegen um. Was gibt es Neues am Markt, was könnte er gewinnbringend, schneller als andere, für sein Autohaus ordern?

So ging das jahrelang. Doch dieses Mal erlebte Lutz Fritz eine Überraschung. Dort, wo sonst rund 400 Neuwagen auf Käuferinnen und Käufer warten, stehen gerade einmal ein Dutzend Gebrauchtwagen.

Neuwagen gibt es keine – auch nicht auf Sicht

Ein Mann sitzt an einem Schreibtisch und gibt ein Interview.
Ahnt nichts Gutes für seine Branche: Autohändler Lutz Fritz Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Seit Wochen schon macht sich auf dem nordamerikanischen Markt der sogenannte "Chipmangel" bemerkbar. Inzwischen hat er auch Europa und damit Deutschland erreicht. Seine kanadischen Kollegen haben bereits ihre Autoverkäufer entlassen und zeichnen ein düsteres Bild von einer Autokrise nie erlebten Ausmaßes.

Lutz Fritz ahnt schon seit August dieses Jahres, dass da was im Argen ist. Er bekam Post von einem Fahrzeughersteller, mit der Ankündigung, dass man ab sofort Fahrzeuge ohne Autoradio und Navigationssystem ausliefern wird. Der Chipmangel lässt grüßen.

Computerchips in der Auto-Herstellung

Weltweit sind Computer- bzw. Mikrochips zu einem knappen Gut geworden. In der Auto-Herstellung werden sie beispielsweise für Autoradios oder Navigationssysteme benötigt.

Der sogenannte Chipmangel hat unterschiedliche Gründe. Einer davon ist, dass in der Corona-Pandemie die Nachfrage nach Unterhaltungselektronik stark gestiegen ist. Die Hersteller dieser Elektronik haben daher viele Computerchips aufgekauft. Auch ein Handelskonflikt zwischen den USA und China, wo die meisten Chips produziert werden, hat viele Firmen veranlasst, Mikrochips auf Vorrat zu kaufen. Das hat den Markt durcheinandergebracht.

Die Situation spitzt sich inzwischen weiter zu. Neuwagen bestellen geht nicht mehr, die entsprechenden Webportale sind geschlossen. Einzig Lagerbestände werden noch abgebaut, dann ist Schluss, prophezeit der Autohändler und rechnet mit Wartezeiten von mindestens einem Jahr. Ursache auch hier: der Chipmangel. Doch der allein ist es nicht.

Selbst die Anhängerkupplung fehlt

Autohändler Fritz wartet auf ganz profane Zubehörteile – wie etwa eine Anhängerkupplung. Die braucht keinen Chip, zumindest in den unteren Preissegmenten ist das so. Doch die Hersteller können nicht liefern, vertrösten mit immer neuen Terminprognosen. Jetzt wird vielen klar, dass die Produktionsverlagerung nach Fernost, speziell nach China, ein Fehler war, sagt der Autohändler. Die Pandemie hat die Lieferketten ins Schlingern gebracht.

Auf dem Hof eines Autohauses in Oppin im Saalekreis stehen zwei Fahrzeuge.
Neuwagen? Ein paar gibt es im Autohaus von Lutz Fritz noch. Auf absehbare Zeit wird sich das aber wohl ändern. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Grundbaustein für die globale Wirtschaft sind, so banal das klingt, See-Container. Und die sind derzeit Mangelware. Normalerweise kostet so ein See-Container pro Tag rund 1.600 Dollar, zur Zeit liegen die Preise aber bei etwa 10.000 Dollar. Da überlegt sich so mancher Hersteller in Fernost, ob er die Ware lieber noch ein paar Tage lagern lässt, bis die Fracht günstiger wird.

Da staut sich eine Menge auf. Die Folgen sind nicht absehbar, weil gestörte Lieferketten nicht nur die Fahrzeugbranche betreffen. Autohändler Fritz unterhält sich viel mit Kollegen, nicht nur aus seiner Branche. Er sagt, dass inzwischen auch die Heizungsinstallateure klagten, dass es an Ersatzteilen fehle – etwa für Heizungen. Und der Winter hat noch nicht begonnen.

Fazit: Nicht abhängig machen von Billig-Produzenten

Lutz Fritz sagt auch, dass er jetzt schon versucht, Weihnachtsgeschenke zu kaufen. Warum? Weil es aktuell nicht gerade einfach ist, einen Laptop für seinen Sohn zu bekommen. Panikmache? Nein. Das ist das Fazit des Autohändlers: Der Realität ins Auge schauen und lernen, was passiert, wenn man sich abhängig macht von Billig-Produzenten auf der anderen Seite des Globus.

MDR/Hagen Tober, Luca Deutschländer

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 12. Oktober 2021 | 19:00 Uhr

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