Interview Kinderarzt über RS-Virus: "200 Kinder mit Erkältungssymptomen an einem Tag"

Momentan sind viele Kinder in Sachsen-Anhalt am RS-Virus erkrankt. Vor allem Kleinkinder können schwere Verläufe mit Bronchitis und starker Atemnot bekommen. Im schlimmsten Fall muss künstlich beatmet werden. Ein Kinderarzt aus dem Landkreis Börde berichtet von der aktuellen Situation in den Arztpraxen.

Ein Baby hat einen Beatmungsschlauch in der Nase.
Vor allem Kleinkinder und Babys können von schweren Krankheitsverläufen betroffen sein. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In Sachsen-Anhalt erkranken derzeit viele Kindern am Respiratorisches Synzytial Virus (RSV). Die Uniklinik Halle hat bereits von einer alarmierenden Situation gesprochen. Das Virus, das zu schwerer Atemnot führen kann, ist vor allem für Babys und Kleinkinder gefährlich.

Doktor Roland Achtzehn ist Kinderarzt in der Börde und Vorsitzender des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte in Sachsen-Anhalt. Er hat mit MDR SACHSEN-ANHALT über die aktuelle Situation in den Arztpraxen gesprochen. Außerdem erklärt er Vorsichtsmaßnahmen, den Zusammenhang mit dem Coronavirus und spricht über seine Sorge vor einem möglichen harten Erkältungswinter.

MDR SACHSEN-ANHALT: Wie hoch ist momentan das Auftreten des RS-Virus in den Arztpraxen?

Roland Achtzehn: Das ist derzeit deutlich erhöht im Vergleich zu den Vorjahren. Die RSV-Welle kommt sonst erst in den Wintermonaten, also November, Dezember. Dieses Jahr hat sie schon im September begonnen. Das ist in Sachsen-Anhalt so, aber auch bundesweit. Wir hatten schon vor gut einem Monat Informationen aus Mecklenburg-Vorpommern, dass dort vermehrt Fälle aufgetreten sind. Ich habe außerdem gehört, dass es Kindergärten im Großraum Magdeburg gibt, die wegen der RSV-Problematik geschlossen sind.

Und warum ist die RSV-Welle jetzt so hoch? Warum geht das dieses Jahr schon so früh los?

Kinderarzt Roland Achtzehn
Kinderarzt Roland Achtzehn Bildrechte: Roland Achtzehn

Die Ursache dafür kann man nicht finden. Das ist eine Viruserkrankung. Der Virus kommt nur beim Menschen vor. Ich habe persönlich so ein bisschen den Eindruck, dass wir die schwache Grippe- und Infektwelle aus dem Vorjahr jetzt nachholen.

In Sachen Corona haben wir zunehmend wieder Öffnungsmaßnahmen. Die Kindergärten werden wieder gut besucht. Und deshalb ist wahrscheinlich die Welle jetzt recht hoch.

Was ist an dieser Krankheit so gefährlich für die Kinder?

Die RSV-Infektion kann von einem banalen Infekt bis zu einer schweren obstruktiven Bronchitis verlaufen. Man geht davon aus, dass bis zu 70 Prozent aller Kinder bis zum ersten Lebensjahr eine Infektion haben und bis zu 100 Prozent bis zum zweiten Lebensjahr. Also sind alle Kinder irgendwann mal dran.

Wenn man diese Infektion hat, kann man sie aber immer wieder bekommen. Und das Gefährliche ist eben, dass es für die ganz kleinen Frühgeborenen oder Kinder mit Herzfehlern doch zu einer sehr, sehr schweren Bronchitis kommen kann – unter Umständen sogar beatmungspflichtig.

Was sind die Symptome?

Das ist richtige Atemnot. Das ist ein keuchender und quälender Husten.

Wie ist die aktuelle Lage bei Ihnen in der Praxis?

Wir merken es sehr deutlich. Sie müssen sich vorstellen, wir hatten Montag über 200 Kinder mit Erkältungssymptomen in der Praxis. Natürlich mache ich da nicht 200 Abstriche, um zu wissen, ob es das RS-Virus ist. Ob ich den Virus jetzt nachweise oder nicht, es ändert sich therapeutisch nichts. Wir haben kein spezifisches Medikament gegen diese RSV-Infektionen. Man kann nur symptomatisch behandeln.

Ich denke, es ist derzeit in allen Kinderarztpraxen so, dass das Aufkommen sehr, sehr hoch ist. Das muss man auch erst mal bewältigen.

Ist der Virus für Erwachsene gefährlich?

Eigentlich nicht so. Erwachsene können durchaus erkranken, werden aber nie so schwer erkranken wie kleine Kinder. Aber Erwachsene können diesen Virus in sich tragen, nicht krank sein, aber andere anstecken. Und dadurch werden sie quasi dann zum Übermittler für die Kinder.

Was können Eltern tun, damit ihr Kind nicht erkrankt?

Eine Husten- und Nießhygiene wird empfohlen. Das Besondere am Virus ist, dass es außerhalb des Menschen eine gewisse Zeit überleben kann. Wenn ich das Virus auf eine Oberfläche schmiere, kann es noch nach bis zu einer halben Stunde sein, dass man sich infiziert. Auch an einem Taschentuch kann man sich anstecken. Außer vermehrten Hygienemaßnahmen oder häufigerer Hände-Desinfektion kann man im Prinzip nichts machen.

Kann man denn schon absehen, ob es durch die frühe RSV-Welle ein schwieriges Erkältungsjahr wird?

Man hat schon ein bisschen Sorge, weil wir momentan in der Praxis keinen Nachweis von Grippe haben. In den Vorjahren hieß es immer: Wenn der RV-Virus da ist, dauert es nicht mehr lange, bis die Grippewelle kommt. Aber wir haben die momentan noch überhaupt nicht.

Und man denkt ja auch daran, dass jetzt Corona eventuell die Kinder trifft. Die sind ja noch am wenigsten geimpft. Da könnte uns also noch zusätzlich eine Corona-Welle Probleme machen. Deswegen denkt man als Arzt: Wir haben ein Corona-Problem, wir haben ein RSV-Problem und das Grippe-Problem kommt vielleicht auch noch.

Die Fragen stellte Fabian Frenzel.

MDR/Fabian Frenzel

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 15. Oktober 2021 | 16:30 Uhr

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