Geburtshilfe Warum in Sachsen-Anhalt so viele Babys per Kaiserschnitt geholt werden

Eine junge Frau lächelt in die Kamera
Bildrechte: Sarah-Maria Köpf

Die Anzahl der Frauen, die ihr Kind in Sachsen-Anhalt mit einem Kaiserschnitt bekommen, liegt über dem Bundesdurchschnitt. Die Gründe dafür sind vielfältig und reichen von medizinischer Notwendigkeit bis hin zum persönlichen Wunsch der Frauen. Trotzdem liegt den Zahlen ein allgemeiner gesellschaftlicher Wandel zugrunde.

Arzt mit Kittel im leeren OP-Saal
Dr. Hermann Voß ist Chefarzt der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe am Städtischen Klinikum Dessau. Auch in seiner Abteilung ist etwa jede dritte Geburt ein Kaiserschnitt. Bildrechte: MDR/Sarah-Maria Köpf

Das OP-Licht ist das Erste, was jedes dritte Kind in Deutschland sieht, wenn es zur Welt kommt. Denn bei 29,7 Prozent aller Geburten werden die Babys per Kaiserschnitt geholt. Während der Anteil der Kaiserschnitte in Deutschland im Vergleich zu 2010 jedoch wieder leicht zurückgegangen ist, ist in Sachsen-Anhalt ein umgekehrter Trend zu beobachten.

Von den 15.169 Frauen, die 2020 in einem Krankenhaus im Bundesland entbanden, hatten 4.896 eine sogenannte Sectio. Das geht aus Zahlen des Statistischen Landesamts hervor. Der Anteil der Kaiserschnitte liegt mit 32,3 Prozent damit leicht über dem Bundesdurchschnitt. Nur in Schleswig-Holstein werden noch mehr Kinder im OP auf die Welt geholt.

Wann besteht medizinische Notwendigkeit für einen Kaiserschnitt?

Ein Kaiserschnitt sollte nur bei medizinischer Notwendigkeit der Mutter oder des Babys vorgenommen werden, empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Dies ist nach Schätzungen aber nur bei 15 Prozent der Geburten tatsächlich der Fall, also bei ungefähr der Hälfte der Kaiserschnitte. Neben zwingenden medizinischen Gründen, etwa einer falschen Kindslage, einer Sauerstoffunterversorgung des Babys oder einer vorzeitigen Lösung des Mutterkuchens, gibt es auch nicht zwingende Gründe, bei denen das Risiko einer spontanen Geburt allerdings erhöht ist.

Die Geburtshelferinnen und -helfer entscheiden dann gemeinsam mit der Schwangeren, welches Vorgehen die größte Sicherheit bietet. Dazu zählen beispielsweise eine Beckenendlage des Kindes, Mehrlingsgeburten, ein vorheriger Kaiserschnitt oder auffällige Herztöne des Babys während der Geburt.

Höherer Anteil von Kaiserschnitten durch gesellschaftliche Veränderungen

Die höhere Anzahl an Kaiserschnitten in Sachsen-Anhalt sieht Dr. Hermann Voß, Chefarzt der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe am Städtischen Klinikum Dessau, als nicht bedeutend an. Dass die Sectio-Rate in den vergangenen 30 Jahren aber stark gestiegen ist, habe mit allgemeinen gesellschaftlichen Veränderungen zu tun. "Frauen kriegen heutzutage nur ein bis zwei Kinder und da muss alles klappen. Da geht man lieber den sicheren Weg", sagt Voß.

Das Durchschnittsalter der Bevölkerung nehme zu und damit würden Frauen auch immer später schwanger, was das Risiko erhöht, wie der Mediziner erklärt. Auch das allgemeine Körpergewicht steige, sodass auch die Babys größer werden und im schlechtesten Fall nicht mehr gut durch den Geburtskanal passen. Schwangerschaftsdiabetes komme zudem immer häufiger vor. Viele Frauen wünschten sich aber auch direkt einen Kaiserschnitt. "Manche haben Angst vor der spontanen Geburt, haben schlimme Geschichten gehört oder spontane Geburten gehabt, die sehr anstrengend und schmerzhaft waren. Da sind vielleicht Rissverletzungen aufgetreten, die dann hinterher noch Beschwerden gemacht haben."

OP-Tisch im Kreißsaal
Der OP für Kaiserschnitte im Städtischen Klinikum Dessau grenzt direkt an den Kreißsaal. Bildrechte: MDR/Sarah-Maria Köpf

Und wer einmal einen Kaiserschnitt hatte, wird sich mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit auch bei der nächsten Geburt wieder einen wünschen, vermutet der Mediziner. Eine große Rolle spiele aber auch, wie in den Medien darüber berichtet werde. Promis, die auf Kaiserschnitte schwören, würden gern mal nachgeahmt werden. Und da das Selbstbestimmungsrecht der Frau an erste Stelle stehe, entscheide sie am Ende selbst, wie sie die Geburt erleben möchte, stellt Voß klar. Wer keine Motivation für eine natürliche Geburt habe, den könne man auch nur schwer dazu bringen, mitzumachen.

Letztendlich ist es immer entscheidend, dass das Geburtserlebnis für Mutter und Kind stimmig war. Da gestehen wir den Frauen das Recht zu, selbstbestimmt zu entscheiden. Wir sollten da als Berufsstand auch nicht zu viel Druck ausüben. Die Frau muss mit diesem Erlebnis im Reinen sein.

Anke Nerlich Leitende Hebamme im Carl-von-Basedow-Klinikum Merseburg
Hebamme sitzt am Schreibtisch
Anke Nerlich arbeitet seit 35 Jahren als Hebamme. Bildrechte: MDR

Manchmal sind es aber auch ganz praktische Gründe, die für einen Kaiserschnitt sprechen. Die Planbarkeit des Geburtstermins ermöglicht es Familien, die Entbindung gemeinsam zu erleben.

"Es kommt vor, dass der Mann zur Montage in den Altbundesländern ist und die Frau hier mit zwei bis drei Kindern allein ist. Da stecken Familien durchaus in Nöten, denn die Großeltern arbeiten heutzutage fast immer noch. Viele junge Familien sind da auf sich gestellt", erzählt Anke Nerlich, Leitende Hebamme im Carl-von-Basedow-Klinikum Merseburg. "Letztendlich ist es immer entscheidend, dass das Geburtserlebnis für Mutter und Kind stimmig war. Da gestehen wir den Frauen das Recht zu, selbstbestimmt zu entscheiden. Wir sollten da als Berufsstand auch nicht zu viel Druck ausüben. Die Frau muss mit diesem Erlebnis im Reinen sein."

Personalmangel bleibt ein Problem

Wichtig für eine reibungslose Geburt ist sowohl die gute Vorbereitung der Mutter als auch die Motivation des Personals. Im besten Fall gibt es eine Eins-zu-Eins-Betreuung. Das sei jedoch abhängig vom Tagesgeschäft, so Voß. Die Personallage ist in vielen Geburtsstation bereits angespannt.

Denn immer weniger Krankenhäuser in Deutschland bieten überhaupt Geburtshilfe an. Nach Zahlen des Statistischen Bundesamts führten im Jahr 2020 nur noch 32,7 Prozent der 1.903 Kliniken Entbindungen durch. 1991 waren es noch 49,2 Prozent. In Sachsen-Anhalt sind in 19 von 47 Krankenhäusern Entbindungen möglich. Der Landkreis Börde geht dabei als Einziger im Bundesland leer aus und hat aktuell keinen Standort für Geburten.

Ärzte fordern schon seit einiger Zeit eine Zentralisierung der Geburtshilfe, um besser auf medizinische Komplikationen reagieren zu können. Kleinere Geburtszentren hätten oft nicht die Expertise, um Risikopatientinnen vollumfänglich zu behandeln. Gleichzeitig rechnen sich Geburten für eine Klinik auch erst aber einer bestimmten Geburtenanzahl im Jahr. Der Deutsche Hebammenverband setzt sich dagegen für die Aufrechterhaltung einer wohnortnahen Versorgung und eine freie Wahl des Geburtsortes ein. Eine Zentralisierung würde nur zu volleren Kreißsälen führen, da trotz allem Personalmangel herrsche.

In Sachsen-Anhalt waren 2020 insgesamt 282 festangestellte Hebammen und zwei Entbindungshelfer tätig. Dass Hebammen fehlen, liege aber nicht nur am Fachkräftemangel, sondern auch an den Arbeitsbedingungen, heißt es vom Deutscher Hebammenverband. In Deutschlands Kreißsälen betreuen 95 Prozent der Hebammen häufig zwei und oft sogar noch mehr Frauen gleichzeitig während der Geburt. Fast zwei Drittel der Hebammen müssen aufgrund von Personalengpässen regelmäßig Vertretungen übernehmen. Sie können Pausen nicht einhalten und leisten immer mehr Überstunden.

Mehr Geld für Kaiserschnitte als für spontane Geburten

Auch Diskussionen um mögliche finanzielle Entscheidungen für einen Kaiserschnitt sind nicht neu. Bei der Techniker Krankenkasse (TK) beträgt die Fallpauschale für einen Kaiserschnitt etwa 4.385 Euro, für eine spontane Geburt sind es nur rund 2.512 Euro. Krankenkassen und Ärzte verweisen jedoch auf zusätzliche Behandlungen, die bei einer spontanen Geburt dazukämen.

Ein Wickeltisch mit Mutterpass, Mützen und Handtüchern
Neugeborene werden im Klinikum in Merseburg direkt nach der Geburt mit allem versorgt. Bildrechte: MDR

Bei einem Kaiserschnitt sei der Sach- und Personalaufwand zudem viel höher als bei einer spontanen Geburt, erklärt Steffi Suchant, Leiterin der TK Sachsen-Anhalt. "Diese Aufwände, zum Beispiel für den Personaleinsatz, den OP-Betrieb als auch für die sich anschließende Verweildauer, müssen adäquat abgebildet werden. Daraus ergeben sich auch die höheren Kosten."

Eine geplante Schnittentbindung für Geburtshelfer und Entbindungsklinik hat durchaus weitere Vorteile: Die Geburt kann zu einem festgelegten Termin stattfinden und niemand muss mitten in der Nacht oder am Wochenende extra in den Kreißsaal gerufen werden. Trotzdem dürfen finanzielle Anreize nie das Entscheidungskriterium sein, betont Chefarzt Voß.

Trend zurück zur natürlichen Geburt

Der Leiter der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe in Dessau erkennt stattdessen einen Trend, der wieder hin zur natürlichen Geburt geht. Denn die hat vor allem für Mutter und Kind einige Vorteile. Neben der Bindung von Mutter und Kind wird bei einer natürlichen Geburt die Bakterienflora im Geburtskanal auf das Baby übertragen, wodurch Darm und Haut des Kindes schneller mit wichtigen Bakterien besiedelt werden können. Bei einem Kaiserschnitt ist das nicht der Fall, was nachweislich das Risiko für Allergien, Asthma, Diabetes und Übergewicht bei Kindern erhöht.

Trotzdem liegt die Entscheidungen am Ende bei den Frauen selbst, betont Hebamme Anke Nerlich: "Wir würden nie jemanden verurteilen. Wenn eine Frau sich einen Kaiserschnitt wünscht, dann hat sie dafür ihre Gründe. Und die können manchmal sehr vielfältig sein." Am Ende müsse die Frau selbst mit ihrem Geburtserlebnis im Reinen sein.

Mehr zum Thema: Geburten und Kaiserschnitte

MDR (Sarah-Maria Köpf)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 06. August 2022 | 19:00 Uhr

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