Kinderschutz in Corona-Zeiten Wie Kinder die Folgen der Pandemie meistern können

Eine junge Frau lächelt in die Kamera
Bildrechte: Sarah-Maria Köpf

Kinder gelten schon jetzt als Verlierer der Pandemie. Sie haben nicht nur etliche Schulstunden verpasst und Lernstoff versäumt, sondern auch im Alltag lange auf Kontakte mit Gleichaltrigen, Sport, Spiel und Kultur verzichten müssen. Psychische Belastungen, häusliche Gewalt und Medienkonsum nahmen in der Folge zu. Eine Aufarbeitung der Gesamtsituation beginnt erst jetzt. Wie kann Kinderschutz in Pandemie-Zeiten besser gelingen?

Kinder Handy
Mehr als 64 Unterrichtstage sind während der Pandemie im Schnitt in deutschen Grundschulen ausgefallen. Das hat Spuren hinterlassen. (Symbolbild) Bildrechte: dpa

"Schule in Zeiten von Corona ist wie ein Schlachthof, nur dass Träume statt Tiere geschlachtet werden", schreibt eine 15-jährige Schülerin im Buch "Schule im Corona-Modus". Das ist eine düstere Sicht auf die vergangenen Monate, doch bei Weitem kein Einzelfall. Seit mehr als zwei Jahren beeinflusst die Pandemie den Alltag von Kindern und Jugendlichen. Seit zwei Jahren müssen Kinder zurückstecken, Rücksicht auf die Älteren nehmen. Die Folgen einer Zeit voller Unsicherheiten, fehlender sozialer Kontakte und Homeschooling werden erst nach für nach sichtbar.

Kinder sind dicker und trinken mehr Alkohol

Der DAK-Kinder- und Jugendreport, der im März dieses Jahres veröffentlicht wurde, untersuchte die Häufigkeit verschiedener Erkrankungen während der Pandemie in Sachsen-Anhalt. Die Ergebnisse zeigen: Jugendliche waren 2020 wegen Alkoholmissbrauchs häufiger in ärztlicher Behandlung als im Bundesdurchschnitt. Gegenüber dem Vorjahr stieg der Anteil um mehr als 50 Prozent. Auch Adipositas-Erkrankungen nahmen um 39 Prozent zu. Ein Alarmsignal – für Eltern, Lehrer und die Politik.

Experten beraten über Kinderschutz

Kinderrechte müssen wieder stärker in den Fokus rücken, sagte Jörg Fischer, Leiter des Instituts für kommunale Planung und Entwicklung, am Mittwoch auf einer Konferenz in Staßfurt. Fachkräfte, die im Salzlandkreis in der Jugendhilfe, in Kitas und Schulen sowie sozialen Beratungsstellen arbeiten, waren hier zusammengekommen, um das Thema Kinderschutz während der Corona-Pandemie gemeinsam anzugehen.

Verpasste Entwicklungsschritte lassen sich nicht aufholen

"Für die junge Generation waren es zwei Jahre, die sich nicht aufholen lassen", so Fischer. Während Erwachsene fest im Alltag stünden und dieser einfach anders verlief, als sie es gewohnt waren, hätten Kinder und Jugendliche wichtige Entwicklungsschritte verpasst. Von Schulanfang und Jugendweihe hin zu Klassenfahrten oder Abschlussfeiern: Erlebnisse im Leben, die einen Menschen prägen – und die nur einmal stattfinden können. Trotzdem müsse man nun nach vorn schauen. Lösungsansätze müssten her, damit die Folgen für Kinder und Jugendliche so gering wie möglich ausfallen. Damit man später eben nicht von einer "verlorenen Generation" sprechen müsse.

Prävention in Bezug auf Pandemieauswirkungen

Wichtig sei hier das Thema Prävention. Kinder aus sozial schwachen Familien und solche, die sich in besonderen Lebenslagen befinden, seien stärker von den Auswirkungen der Pandemie betroffen. Auf diese Rahmenbedingungen müsse man verstärkt eingehen. Die Angebote der Frühen Hilfen hätten sich hier in den vergangenen Monaten bewährt. Der administrative Kinderschutz, zu dem auch die Jugendämter gehören, habe dagegen in der Pandemie nicht aufrechterhalten werden können. Und das hat Folgen.

Die Lockdowns haben die Zahl der Gewalttaten gegen Kinder in die Höhe getrieben. Durch geschlossene Schulen, Kitas, Jugendzentren und Sportvereine fehlte das Hilfsnetz. Kinder und Jugendliche gerieten aus dem Blickfeld. So wurden für das Jahr 2020 bundesweit mehr als 15.500 sexuelle Gewalttaten gegen Kinder registriert – 1.000 mehr als noch 2019.

Psychische Probleme bei Kindern haben zugenommen

Kinderschutz in der Pandemie hieß vor allem, darüber zu debattieren, wie viele Maßnahmen man den Kindern zumuten kann: Wie viel Maskentragen, wie viele Tests pro Woche, wie häufige Quarantäne noch im Rahmen sind. Neben dem Gesundheitsschutz wiegen die psychischen Folgen, mit denen die junge Generation vermehrt konfrontiert ist, schwer.

Dr. Wolfgang Pilz ist Kinder- und Jugendpsychologe in Magdeburg. Er weiß um die natürliche Resilienz von Kindern. Die, die in stabilen Verhältnissen leben, würden auch psychisch gut durch die Pandemie kommen. Doch nicht alle Kinder konnten sich in den vergangenen Monaten auf das neue Leben mit Corona umstellen. Für seinen Vortag auf der Konferenz in Staßfurt hatte Pilz Zitate junger Patienten mitgebracht. Sie stammen von Jugendlichen im Alter von zwölf bis 13 Jahren:

Ich kam mit dem Lockdown nicht zurecht. Ich zog mich immer mehr zurück, aß weniger, mein Tag-Nacht-Rhythmus verschob sich, ich bekam Angst vor Prüfungen.

Ich kam mit den Lernaufgaben nicht klar. Ich wurde schon vorher gemobbt, dann bin ich nach dem Lockdown immer seltener zur Schule gegangen.

Seitdem habe ich immer mehr Angst vor Krankheiten entwickelt. Ich war panisch, dass sich meine Mutter impfen lässt.

Große Probleme mit dem Homeschooling

Es sind viele individuelle Schicksale, auf die Wolfgang Pilz jede Woche trifft. Und doch haben sie vieles gemeinsam. "Ich bemerke oft, dass ich mehrmals die Woche das Gleiche erzähle", berichtete er. Besonders das Homeschooling wurde als Belastung erlebt. Für viele Kinder und Jugendliche war es schwer, Aufgaben zu priorisieren und eine eigene Tagesstruktur zu finden.

Dazu kämen Leistungsdruck und fehlende Unterstützung durch Erwachsene oder Lehrpersonal. Mädchen fühlten sich zudem stärker belastet als Jungen. Die Folgen seien Rückzug sowie Isolation bis hin zu Depressionen. Letztere treten in Sachsen-Anhalt vor allem bei den 15- bis 17-Jährigen auf, wenn auch in deutlich geringer Zahl als im Bundesdurchschnitt, wie der DAK-Kinder- und Jugendreport zeigt.

Kinder psychisch entlasten

Ein Mann schaut in die Kamera
Wolfgang Pilz behandelt in seiner Praxis in Magdeburg wöchentlich um die 30 Kinder und Jugendliche. Bildrechte: MDR/Sarah-Maria Köpf

Den einen Weg, die Folgen der Pandemie abzufedern, gibt es nicht. Lösungen funktionieren nur individuell. Wer in der Nacht nicht schlafen kann, sollte auf den Mittagsschlaf am Tag verzichten – selbst wenn nach der Schule die Erschöpfung groß ist, empfiehlt Pilz. Erwachsene müssten zudem Anteil am Leben ihrer Kinder nehmen – auch in der virtuellen Welt. Selbst wenn es schwer zu verstehen sei, was der Nachwuchs da am PC oder in den Sozialen Medien treibt.

Gleichzeitig müssten Eltern raus aus dem Besorgnismodus. Stimmungsschwankungen seien bis zu einem gewissen Grad normal. Wer allerdings professionelle Hilfe suche, könne sich an Beratungsstellen oder Psychotherapeuten wenden. Die Schwelle dafür sei in den vergangenen Monaten gesunken, erzählt Pilz zufrieden. Auf einen Termin muss man im Moment trotzdem einige Monate warten – es sei denn, es handele sich um ein akutes Problem, das nicht warten kann.

Um psychischen Erkrankungen vorzubeugen, müssten Schülerinnen und Schüler schon in der Schule lernen, ihre Emotionen selbst zu regulieren, schlägt Pilz vor. Ideen wie diese scheitern jedoch meist an der Umsetzung im Lehrplan oder fehlendem Personal. Erste Ansätze gibt es in einigen Schulen aber trotzdem. Eine Schulpädagogin aus dem Salzlandkreis berichtet, mit ihren Schülerinnen und Schülern eine Tagesstruktur entwerfen zu wollen. Auch ein Sozial-Kompetenzprojekt sei in Planung. Man versucht im Kleinen aufzuholen, was die Kinder und Jugendliche fast zwei Jahre lang verpasst haben.

Aufholen nach Corona

Mehr als 64 Unterrichtstage sind zwischen Januar 2020 bis Mai 2021 nach Angaben der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) im Schnitt in deutschen Grundschulen ausgefallen. Im Sekundarbereich waren es sogar 84. Bisher weiß man jedoch kaum etwas über das Ausmaß der Lernlücken und Kompetenzrückstände – besonders im Hinblick auf die Unterschiede bei sozialer Herkunft, Familiensprache, der Region, den Schulfächern und -klassen. Die Gefahr, dass sich bereits bestehende Ungleichheiten verfestigen, ist vermutlich hoch.

Um die Lernlücken so schnell wie möglich zu schließen, wurden in der Vergangenheit viele Möglichkeiten diskutiert: von kollektiven Klassenwiederholungen bis zu verkürzten Sommerferien. Kurz vor der Bundestagswahl 2021 wurde das Programm "Aufholen nach Corona" auf den Weg gebracht, das mit zwei Milliarden Euro gefördert wird. Damit sollen beispielsweise zusätzliche Lehrangebote, Online-Werkstätten, Lerncamps und Ferienangebote realisiert werden. Detlef Fickermann, Redaktionsvorsitzender der Zeitschrift "Die Deutsche Schule", hat diese Summe heruntergerechnet. Für Sachsen-Anhalt kommt er auf 133,86 Euro pro Schüler. Zu wenig, um damit wirklich etwas zu bewirken.

Ich hätte meinen Schwerpunkt in der Förderung immer auf die Grundschulen gelegt. Worauf sollen Erst- und Zweitklässler in Zukunft aufbauen, wenn ihr Lese- und Schreiblernprozess nicht abgeschlossen ist?

Detlef Fickermann Herausgeber der Zeitschrift "Schule während der Corona-Pandemie"

Experte kritisiert Gießkannen-Prinzip

Für 2021 hat jede Schule pro Schülerin und Schüler zunächst 23,33 Euro zur Verfügung gestellt bekommen. 2022 soll dieser Betrag verdoppelt werden. Zusätzlich erhalten alle Schulen einen Pauschalbetrag von 8.000 Euro. Verteilt wird das Geld nach dem sogenannten Gießkannen-Prinzip. Alle erhalten gleich viel. Eine falsche Herangehensweise, wie Fickermann kritisiert.

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Was Detlef Fickermann an dem Finanzierungsmodell von "Aufholen nach Corona" kritisiert

MDR FERNSEHEN Fr 29.04.2022 12:09Uhr 00:32 min

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Was die Maßnahmen wirklich bewirken, kann nicht analysiert werden, da es in Sachsen-Anhalt keine zentrale Lernstandserhebung gibt. Das Land wisse noch nicht einmal genau, wo gefördert werden muss, kritisiert Fickermann. Hier sollen die Lehrkräfte selbst einschätzen, wo Lernlücken sind.

Lehrkräfte fehlen, Bürokratie behindert

Fehlende Lehrkräfte bleiben dabei eine Herausforderung, genauso wie der bürokratische Aufwand, der für die Schulleitungen entsteht. "Die Pandemie hat die Lage in Deutschlands Schulen wie in einem Brennglas vergrößert und die Probleme sichtbar gemacht, die auch schon vorher bestanden", erklärt Fickermann. Er schlägt vor, dass Schulen enger mit der Jugendhilfe zusammenarbeiten. Koordinationsstellen könnten zudem bei der Bürokratie entlasten.

Schüler eines Abiturjahrgangs sitzen in einem Klassenraum der IGS Bothfeld beim Unterricht des Deutsch-Leistungskurses. Niedersachsens Kultusminister Tonne hat sich am Montag mit Schülern über die Pandemie-Situation ausgetauscht. 1 min
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Lehrkonzepte neu denken

Auch Lehrkonzepte müssten von Grund auf neu gedacht werden. "Wir müssen viel stärker darauf setzen, dass die Lehrkraft ein Lernbegleiter ist und dass Schülerinnen und Schüler mit höherem Alter mehr Verantwortung bekommen, den Lernprozess selbst zu gestalten. Notwendige Voraussetzung dafür ist, dass es digitale Zugangsmöglichkeiten für alle Schülerinnen und Schüler gibt und nicht nur für diejenigen, die von zu Hause aus mit Endgeräten und Internetzugang besser ausgestattet sind", so Fickermann.

Jörg Fischer vom Institut für kommunale Planung und Entwicklung (IKPE) in Erfurt befürchtet zudem, dass die Ausrede "Das war wegen Corona" in drei Jahren niemanden mehr interessiert. Deshalb sei es umso wichtiger, dass der verpasste Unterrichtsstoff, aber auch soziale Kompetenzen, aufgearbeitet werden. "Wir reden nicht von Aufholen, sondern von einer langfristigen Unterstützung", erklärt er. Das sei die Aufgabe einer ganzen Generation.

Netzwerke sollen Kinderschutz stärken

Für die kommenden Monate der Pandemie wünscht er sich, dass Kinder nicht erneut vergessen werden und sich nicht wieder zuerst darum gekümmert wird, dass die Fußballstadien öffnen können. Man müsse weg von einem "Aufholen nach Corona" hin zu einem "Kinder im Blick nach Corona". Und das funktioniere am besten zusammen, mit einem Netzwerk aus Lehrpersonal, Sozialpädagogen und den Eltern.

Und so können Kinderträume in Zukunft vielleicht doch weiterleben.

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MDR (Sarah-Maria Köpf)

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