Aufarbeitung der Diktatur Kaum Entschädigungen: SED-Opferhilfe zieht negative Bilanz

Anne-Marie Kriegel, Landeskorrespondentin Sachsen-Anhalt für das MDR AKTUELL Nachrichtenradio
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Die SED-Opferhilfe in Sachsen-Anhalt weist eine magere Bilanz auf: Genau ein Antrag wurde in fünf Jahren bewilligt. Die Zahlen sind in der ganzen Bundesrepublik niedrig, beklagt die SED-Opferbeauftragte beim Deutschen Bundestag. Aber woran liegt das? Experten und Politiker fordern vor allem geringere Hürden bei der Antragstellung.

ARCHIV - Der Zellentrakt im früheren Untersuchungsgefängnis der DDR-Staatssicherheit, aufgenommen am 19.03.2014 in Magdeburg (Sachsen-Anhalt).
Das ehemalige Stasi-Gefängnis am Magdeburger Moritzplatz – heute eine Gedänkstätte. Opfer der SED-Diktatur werden bislang nur selten für erlittenes Unrecht entschädigt. Bildrechte: dpa

In fünf Jahren lediglich 90 Anträge und nur einer bewilligt: Mit Blick auf dermaßen geringe Zahlen drängen sich zwei Fragen auf, ist die Beauftragte des Landes Sachsen-Anhalt zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Birgit Neumann-Becker, überzeugt. Entweder stellen die falschen Leute Anträge, oder die Hürden sind zu hoch. Bei letzterem ist Neumann-Becker sich sicher – das ist der Fall: "Die Betroffenen überlegen sich, ob sie sich diesem Stress aussetzen möchten und entscheiden sich dagegen. Damit können sie auch Rechte nicht wahrnehmen. Das finde ich schlecht."

Langwieriges Verfahren bis zur Auszahlung von SED-Opferhilfen

Gutachtergespräche müssen geführt und Akten zur Prüfung gegeben werden. Durchlittenes tritt so nochmal zu Tage. Ein schwieriger Prozess, sagt Neumann-Becker. Die Aufgabe bestehe darin, zwischen der Erkrankung, unter der ein Mensch leide, und dem auslösenden Moment in der Haft eine Verbindung herzustellen: "Es muss sozusagen mit überwiegender Wahrscheinlichkeit deutlich sein, dass eine Traumafolgestörung, ein Rückenleiden, ein Gesundheitsschaden, der eben besteht, auf die Haft zurückzuführen ist", erklärt Neumann Becker.

Birgit Neumann-Becker, 2019
Sachsen-Anhalts Beauftragte zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Birgit Neumann Becker. Bildrechte: dpa

Sachsen-Anhalts Landesbeauftragte teilt die Einschätzung ihrer Kollegin, der Bundesbeauftragten Evelyn Zupke: Die Hürden müssen runter. Neumann-Becker erklärt den Vorschlag aus Berlin: "Dass man sagt, wenn jemand eine bestimmte Zeit in Haft gewesen ist und bestimmte Gesundheitsschäden beklagt: Es ist mit hoher Wahrscheinlichkeit anzunehmen, dass diese Gesundheitsschäden aus der Haft kommen und dann ein Grad der Schädigung von 20 oder 30 direkt anerkannt wird." Damit spare man sich ein oft jahrelanges Verfahren.

Linken-Chefin von Angern fordert "Hilfe vor Aussortieren"

Unterstützung kommt auch von Eva von Angern. Die Chefin der Linken in Sachsen-Anhalt sagt, die Bewilligungszahl sei erschreckend gering: "Wir müssen gucken: Wie kann es uns gelingen, Opfer nicht zum zweiten Mal zum Opfer zu machen? Es ist ja jetzt auch nicht so, dass da Schlangen stehen, die meinen, die paar Hundert Euro unbedingt abgreifen zu müssen, wenn ich das mal sehr populistisch zusammenfassen kann."

Es gehe um Menschen, die meinten, dass sie unter der SED-Diktatur gelitten hätten, dass sie Opfer dieser Diktatur geworden seien: "Insofern sollte da Hilfe vor Aussortieren stehen", fordert von Angern. 2019 waren die Fristen zur Antragsstellung abgeschafft worden: Ein erster wichtiger Schritt, sagt Sachsen-Anhalts Landesbeauftragte Neumann-Becker und unterstreicht ihre Forderung nach einer Vereinfachung der Regeln.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | Das Nachrichtenradio | 03. Dezember 2022 | 08:05 Uhr

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