Betroffene aus Sachsen-Anhalt berichten Welche Folgen Long Covid für Job und Familie haben kann

Elisa Sowieja-Stoffregen
Bildrechte: MDR/Fabian Frenzel

Weniger Energie für die Kinder, das Aus für den Traumjob, Abschied vom Lieblingshobby: Fünf Menschen aus Sachsen-Anhalt erzählen, welche Folgen es für sie hat, dass sie sich bis heute nicht ganz von ihrer Corona-Erkrankung erholt haben.

Ein Mann mit einer Frau und zwei Mädchen an einer Rutsche
Michele Reinl hat seit ihrer Corona-Erkrankung weniger Energie für Ausflüge und Spieleabende mit ihrem Mann und ihren Töchtern Marna (l.) und Mina. Bildrechte: Michele Reinl

  • Seitdem sie Corona hatte, fehlt ihr oft die Energie, um mit ihren Kindern zu spielen oder für die Schule zu lernen, berichtet eine Mutter aus dem Harz.
  • Eine 20-jährige Hobby-Fußballerin hält wegen ihrer anhaltenden Luftnot kein Spiel mehr durch.
  • Eine OP-Schwester aus dem Salzlandkreis musste wegen Long Covid ihren Beruf aufgeben.

Kaum Energie zum Spielen mit den Kindern

Am Sonntag wollte Michele Reinl mit Tochter Mina Bio und Englisch lernen. Nach dem Mittagessen sollte es losgehen. Aber als sie den Tisch abgeräumt und die Küche auf Vordermann gebracht hatte, kam die Müdigkeit wie ein Hammer. Eine halbe Stunde wollte sie sich hinlegen, dann geht's sicher wieder, dachte die 37-Jährige. Doch Michele Reinl kam einfach nicht in Gang. Mit dem Lernen fingen Mina und sie dann abends um sieben an. Für Bio reichte die Zeit noch, für Englisch nicht mehr.

"In solchen Situationen werde ich wütend auf mich selbst", erzählt die junge Frau aus Meisdorf im Harz. Denn sie liebt es, für ihre beiden Töchter Lehrerin zu spielen. Und sie hatte dafür immer so viel Energie. "Eigentlich bin ich ein Mensch, der nie sitzenbleiben kann", sagt Michele Reinl. Geändert hat sich das im Dezember 2020. Da steckte sie sich mit Corona an. Kurz darauf landete sie mit einer Lungenentzündung samt Embolie im Krankenhaus. Seit Herbst geht die Zahnmedizinische Fachangestellte wieder arbeiten, aber richtig fit ist sie immer noch nicht. Neben Müdigkeit plagen sie vor allem Schwindel und Benommenheit.

Früher sind wir abends oft alle eine Runde Rad gefahren. Das machen wir jetzt kaum noch.

Michele Reinl, Mutter von zwei Kindern

Und so fehlt ihr oft die Kraft für Familienzeit. "Früher sind wir zum Beispiel abends oft alle eine Runde Rad gefahren. Das machen wird jetzt kaum noch", erzählt Michele Reinl. Selbst bei Spieleabenden muss sie oft passen. Außerdem wäre da noch das 180 Quadratmeter große Haus mit Garten; auch da schafft sie oft nicht, was sie sich vornimmt.

Ihr Mann fängt ab, was sie nicht schafft. Und ihre Beschwerden sind auch schon besser geworden. Aber darauf will sie sich nicht ausruhen. "Das darf einfach nicht so bleiben, so alt bin ich doch noch nicht", sagt die Harzerin. Jetzt hofft sie auf die Medikamenten-Forschung. Und sie bemüht sich um einen Termin in einer Long-Covid-Ambulanz.

Keine Puste mehr fürs Fußballspielen

Auch Michelle Kämpfe aus Halle sprühte früher vor Energie. Seit sie vier Jahre alt war, spielte sie leidenschaftlich gern Fußball. Erst in der Jungsmannschaft ihrer Kita, zuletzt beim Verbandsligisten SV 85 Glautzig, vier- bis fünfmal pro Woche. Dann kam die Corona-Infektion und ihre Probleme mit der Luft begannen. Auch nach Wochen gingen sie einfach nicht weg.

Nach 20 Minuten Spiel war ich tot. Ich konnte einfach nicht mehr.

Michelle Kämpfe, Hobby-Fußballerin

Nach anderthalb Monaten versuchte sie es trotzdem wieder mit dem Training. Michelle Kämpfe erinnert sich: "Bei der ersten Sprintübung habe ich das so richtig gemerkt. Ich konnte nur kurze Atemzüge machen." Beim ersten Spiel wurde es dann noch schlimmer. "Nach 20 Minuten war ich tot", erzählt sie. "Ich konnte einfach nicht mehr." Dazu sei gesagt: Michelle Kämpfe ist gerade mal 20 Jahre alt. Und ihre Ausdauer sei mal die beste der ganzen Manschaft gewesen, erzählt sie. "Ich konnte in der 93. Minute noch genau so rennen wie in der ersten."

Dieses Spiel ist jetzt ein halbes Jahr her. Ihre Mannschaft hat sich inzwischen aufgelöst. Michelle Kämpfe geht seitdem nur noch ins Fitnessstudio. Die Atemnot überkommt sie auch heute noch – manchmal beim Treppensteigen, manchmal aber auch auf der Couch, wenn sie nichts macht.

Die Hallenserin spielt mit dem Gedanken, sich keinen neuen Verein mehr zu suchen. Immer mit angezogener Handbremse zu spielen, das kann sie sich einfach nicht vorstellen. Außerdem weiß sie noch nicht, was ihr Lungenarzt zum Thema Fußball sagt, bei dem hat sie im Juni ihren ersten Termin. Aber schon der Gedanke ans Aufhören tut weh, sagt die Verwaltungsfachangestellte. "Für mich war das immer der Ausgleich zu allem anderen. Ich konnte dabei komplett abschalten."

Abschied vom Traumjob

Anke Schumann leidet unter Long Covid.
Anke Schumann musste wegen Long Covid ihren Beruf aufgeben. Bildrechte: Anke Schumann

Bei Michelle Kämpfe hat Long Covid das Lieblingshobby ruiniert, bei Anke Schumann ist es sogar der Beruf. In ihrer Küche hat sie überall gelbe Zettel kleben. "Brot aus der Kühltruhe nehmen" steht auf einem, "Sarahs Schuhe waschen" auf einem anderen. Seit ihrer Corona-Infektion vor knapp anderthalb Jahren ist sie wegen vieler Beschwerden krankgeschrieben: Muskelschmerzen, Kurzatmigkeit, Erschöpfung. Ihre Vergesslichkeit aber hält sie am meisten davon ab, wieder arbeiten zu gehen. Denn die kann für andere gefährlich werden. Die 55-Jährige ist von Beruf OP-Schwester. "Wenn ich zum Beispiel vergesse, Nahtmaterial nachzulegen und danach eine eilige OP reinkommt, muss dann jemand schnell loslaufen", erklärt die Frau aus Schadeleben im Salzlandkreis.

Ich saß in der Umkleidekabine eine halbe Stunde auf meinem Stühlchen und dachte: Den Weg zum Parkplatz schaffst du jetzt nicht."

Anke Schumann, OP-Schwester mit Long Covid

Gerade hat Anke Schumann ihren Antrag auf Erwerbsminderungsrente gestellt - und sich so quasi von ihrem Beruf verabschiedet. Ein Schritt, der ihr schwer fiel. Sehr schwer. "Ich hab' das seit 1986 gemacht", sagt sie. "Das war mein Traumjob." Warum? "Na, weil man Patienten helfen kann. Außerdem ist das mit den Instrumenten einfach meins. Ich sag' ja immer, ich arbeite in der Schlosserei des Menschen."

Und so hat es auch gedauert, bis sich Anke Schumann damit abfand, dass sie ihren Job wohl aufgeben muss. Einmal versuchte sie es trotz aller Beschwerden mit dem Arbeiten. Fünf Wochen, dann zwang die Erschöpfung sie zum Abbrechen. "Nach drei Stunden ging gar nichts mehr. Ich saß in der Umkleidekabine eine halbe Stunde auf meinem Stühlchen und dachte: Den Weg zum Parkplatz schaffst du jetzt nicht."

Nur zu Hause rumsitzen will Anke Schumann aber nicht. "Ich möchte etwas im sozialen Bereich machen, und wenn es nur ein paar Stunden in der Woche sind." Am allerliebsten würde sie für Long-Covid-Patienten da sein, die über ihre Probleme reden wollen. Sie selbst hätte sich so jemanden gewünscht.

Was ist Long Covid?

Unter Long COVID versteht man Beschwerden, die auch längere Zeit nach einer Ansteckung mit dem Coronavirus vorhanden sein können. Diese Langzeitfolgen können sehr unterschiedlich sein und Beeinträchtigungen der körperlichen und psychischen Gesundheit umfassen.

Sie treten entweder schon während der akuten Erkrankungsphase auf und bleiben längerfristig bestehen oder sie treten Wochen und Monate nach der Infektion (wieder) auf. Dabei wird über sehr unterschiedliche Symptome berichtet, die allein oder auch zusammen auftreten und von sehr unterschiedlicher Dauer sein können.

Das Robert Koch-Institut (RKI) hat die bestehenden Definitionen zusammengetragen und verglichen. Demnach besteht Long Covid, wenn die Beschwerden länger als 4 Wochen nach Beginn der Corona-Erkrankung fortbestehen, sich verschlechtern oder (wieder) neu auftreten und es keine andere erkennbare Ursache gibt.

Zu Long Covid gehört auch das Post-CovidD-Syndrom. Dazu zählen gesundheitliche Beschwerden, die in längerem Abstand, in der Regel drei Monate, zu einer durchgemachten Corona-Infektion fortbestehen und sich nicht anders erklären lassen. Die Symptome halten mindestens zwei Monate an oder treten auch wiederkehrend und in wechselnder Stärke auf.

Quelle: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung

Unverständnis beim Chef

Auch Ralf Schütze* hat Angst, mit seinen Long-Covid-Symptomen andere zu gefährden. Bei ihm sind es die Kopfschmerzen. Sie kommen alle zwei bis drei Tage, erzählt der 38-Jährige aus dem Altmarkkreis Salzwedel. Immer stechend im Hinterkopf und pulsierend im Vorderkopf. Einmal ist er damit Auto gefahren, er wollte seinen Sohn aus der Schule abholen. "Plötzlich hatte ich eine Art Sekundenschlaf", erinnert er sich, "ich wäre fast im Straßengraben gelandet." In seinem Job wäre das besonders heikel. Denn der 38-Jährige verdient sein Geld als Taxifahrer.

Mein Chef unterstellt mir, ich würde blau machen.

Ralf Schütze*, Taxifahrer mit Long Covid

Seit zwei Monaten ist er krankgeschrieben, erzählt Ralf Schütze im Gespräch Anfang Mai. Wegen der Kopfschmerzen, aber auch wegen seines Hustens. Bei seinem Arbeitgeber stieße er damit auf kein Verständnis, sagt der Altmärker: "Er unterstellt mir, ich würde blau machen." Neulich brachte er seinen aktuellen Krankenschein persönlich ins Büro. "Da kamen nur Sprüche wie: Ich hatte auch Corona und war nach einer Woche wieder arbeiten", erzählt er. Auch seine Kollegen hätten nicht den Eindruck gemacht, als würden sie ihm seine Beschwerden abkaufen.

"Das Problem ist wahrscheinlich: Man sieht mir nicht an, wie es mir geht", sagt Ralf Schütze. "Ich verbringe gerade viel Zeit im Garten, deshalb bin ich braungebrannt." Und seinen Husten bemerke man tagsüber kaum, weil er morgens mit Cortison inhaliere.

"In solchen Situationen wie im Büro komme ich mir natürlich doof vor", erzählt er. "Innerlich bin ich auch total wütend. Man hat ja ein Verantwortungsgefühl für die Fahrgäste und geht deshalb nicht arbeiten." Gesagt habe er bisher nichts – auch aus Angst, dass sein Chef ihm künftig schlechtere Schichten zuteilen könnte. "Ich schaue mich aber nach einem neuen Job um."

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MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Dienstags direkt | 18.01.2022 | Podcast Gibt es eine Therapie bei Long-Covid?

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"Long-Covid" ist inzwischen eine Sammelbezeichnung für vielerlei Beschwerden, die mit einer Corona-Infektion einhergehen. Über die Folgen einer Corona-Infektion haben wir am Dienstagabend besprochen.

MDR SACHSEN Di 18.01.2022 10:00Uhr 115:36 min

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Mit der Bürokratie alleingelassen

Die ständige Angst, sich im Job zu verletzen: Auch das kann Long Covid mit sich bringen. Altenpflegerin Anja Pitz spürt diese Angst zum Beispiel dann, wenn sie einen Heimbewohner vom Rollstuhl ins Bett oder zurück setzt. Und das macht sie oft. "Da denke ich dann immer: Hoffentlich buffst du dich jetzt nicht", erzählt die Wernigeröderin.

Anja Pitz aus Wernigerode leidet an Long Covid.
Anja Pitz aus Wernigerode muss auf der Arbeit aufpassen, dass sie sich nicht an den Beinen stößt. Bildrechte: Anja Pitz

Denn sie muss gut auf ihre Beine aufpassen. Am Zuge ihrer Covid-Erkrankung zog sie sich damals eine Vaskulitis zu: Ihre Beine waren übersät mit offenen Wunden. Bis sie sich wieder schlossen, vergingen Monate. Insgesamt ein halbes Jahr war die heute 41-Jährige krankgeschrieben, neben der Haut auch wegen Luftnot und ständiger Müdigkeit. Auch diese Symptome sind noch nicht ganz verschwunden.

Ihre Haut, erzählt Anja Pitz, sei bis heute sehr dünn, sie könnte schnell wieder aufplatzen. Was aus ihrer Sicht helfen würde, wäre eine zweite Reha, die erste zielte nur auf ihre Luftnot ab. Das Problem: "Meine Hautärztin sagt, solche Maßnahmen werden eher genehmigt, wenn man eine anerkannte Berufskrankheit hat. Aber mein Antrag ist immer noch nicht bearbeitet."

Ich musste bei den Anträgen immer fünfmal überlegen, wie ich so antworte, dass mir das keiner falsch auslegt.

Anja Pitz, Altenpflegerin

Seit fast anderthalb Jahren warte Anja Pitz jetzt schon auf Nachricht, erzählt sie Anfang Mai. "Ich habe schon ein paarmal bei der Unfallkasse angerufen und nachgefragt, wo der Antrag jetzt liegt. Aber bei mir gemeldet hat sich noch niemand." Für sie liegt der Fall klar auf der Hand: "Ich habe mir Corona bei der Arbeit geholt."

Mit der Bürokratie rund um ihre Covid-Erkrankung fühlt sich die Harzerin insgesamt alleingelassen. Damit meint sie nicht nur das Thema Berufskrankheit, sondern auch andere Anträge, in die sie viele Stunden Zeit stecken musste, zum Beispiel für die Reha. "In solchen Anträgen hat man seitenlang Fragen, die komisch formuliert sind", sagt sie. "Ich musste immer fünfmal überlegen, wie ich so antworte, dass mir das keiner falsch auslegt." Dabei hätte ihr etwas ganz Simples geholfen: Ein Zettel mit Erklärungen.

*Name geändert, der richtige Name ist der Redaktion bekannt.

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MDR (Elisa Sowieja-Stoffregen)

Dieses Thema im Programm: MDR um 11 | 24. Mai 2022 | 11:00 Uhr

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