Frauen gehen, Männer bleiben Warum ein Männerüberschuss den Gemeinden nicht gut tut

MDR-Recherchen zeigen, dass es vor allem in ländlichen Regionen von Sachsen-Anhalt mehr Männer gibt als Frauen. Das hat massive Folgen für die Gemeinden. Wodurch dieser Männerüberschuss entsteht und was Kommunen dagegen tun können – der Sozialgeograph Klaus Friedrich gibt im Interview zum MDR SACHSEN-ANHALT-Schwerpunkt Antworten.

Maskierte Studenten in Vorlesung
MDR-Recherchen haben ergeben, dass vorwiegend in den ländlichen Regionen mehr Männer zwischen 20 und 39 Jahren leben, als Frauen in der gleichen Altersspanne. (Symbolbild) Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

MDR SACHSEN-ANHALT: Unsere Recherchen haben ergeben, dass es im ländlichen Raum einen Männerüberschuss gibt. Bestätigen Sie das und wodurch entsteht dieser Überschuss?

Klaus Friedrich: Es ist tatsächlich so, dass wir im ländlichen Raum – vor allen Dingen in Ostdeutschland – große Geschlechterunterschiede haben. Sprich: Männer im Überschuss und weniger Frauen. Das ist keine außergewöhnliche Situation, aber besonders ausgeprägt in der Altersgruppe der 20- bis 24-Jährigen.

Kurz nach der Wiedervereinigung gab es deutlich mehr Abwanderungen von Frauen als Abwanderung von Männern aus ländlichen Räumen. Und aus dieser langfristigen Entwicklung hat sich eben das Frauendefizit herausgebildet.

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Welche Gründe hatte die Abwanderung der Frauen und wo gehen sie hin?

Ein älterere Mann
Klaus Friedrich leitete das Fachgebiet Sozialgeographie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Bildrechte: Klaus Friedrich

In den ersten zehn bis 15 Jahren nach der Wiedervereinigung sind die Frauen in den Westen gegangen – vor allen Dingen in die Ballungszentren. Aber nach diesen 15 Jahren sind die Frauen verstärkt in die ostdeutschen Städte gewandert – im Falle von Sachsen-Anhalt verstärkt nach Halle und Magdeburg.

Das liegt unter anderem daran, dass dort Universitäten sind und bessere berufliche Möglichkeiten bestehen. Frauen haben, so zeigen das zumindest Untersuchungen, besondere Ansprüche an ihren Arbeitsplatz. Junge Männer sind sehr häufig bereit, Arbeitsplätze in der Region anzunehmen. Deswegen bleiben sie oft auch in ländlichen Räumen.

Das macht ein Sozialgeograph

Die Sozialgeographie fällt laut Friedrich unter das Feld der Humangeografie. Dieses beschäftigt sich im Wesentlichen mit menschlichen Handlungen und Konsequenzen des menschlichen Handelns im ländlichen und urbanen Raum.

Trifft das Bild der Abwanderung, das Sie gerade beschrieben haben, heute immer noch so zu?

Es gibt eine ganz neue Analyse zu Wanderungsbilanzen aus dünnbesiedelten Landkreisen: Da sieht man, dass sich diese großen Abwanderungsunterschiede zwischen Männern und Frauen inzwischen halbiert haben. Das heißt, hier kommt es zu einer gewissen Angleichung.

Es ziehen dennoch mehr Frauen als Männer aus ländlichen Räumen weg. Allerdings ist der Unterschied nicht mehr so gravierend. Aber: Die demografische Problemlage hat einen Langfristeffekt. Denn wenn man sich die starke Abwanderung aus den ländlichen Regionen durch Frauen nach der Wende ansieht, dann wirkt sich das heute noch in mehrfacher Hinsicht aus.

Welche Auswirkungen hat die Abwanderung der Frauen in die großen Städte für die kleinen Orte in den ländlichen Räumen Sachsen-Anhalts?

Demografisch findet eine Alterung statt, weil nicht mehr genügend Kinder nachkommen. Mit den jungen Frauen ist eine potenzielle Müttergeneration abgewandert. So sagt man grob etwa, dass sich jede Generation etwa um ein Drittel verringert. Die Zahl der Neugeborenen in den ländlichen Regionen Sachsen-Anhalts ist in den letzten Jahren um mehr als 40 Prozent zurückgegangen.

Es gibt aber auch ökonomische Konsequenzen: Wenn wir uns vor Augen führen, dass die ostdeutschen Kreise auch im ländlichen Raum sehr stark der Alterung unterliegen und jetzt die geburtenstarken Jahrgänge langsam in den Ruhestand eintreten, dann fehlen künftig die Erwerbstätigen im Land Sachsen-Anhalt, die nachrücken können.

Zur Person: Klaus Friedrich

Professor Klaus Friedrich leitete das Fachgebiet Sozialgeographie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg seit seiner Berufung im Jahr 1996 bis zu seiner Emeritierung vor zehn Jahren. Im Rahmen seiner Lehr- und Forschungstätigkeit befasst sich Friedrich schwerpunktmäßig mit der geographischen Alternsforschung, der sozialräumlichen Regionalanalyse und dem demografischen Wandel. Bis 2016 war er Sprecher des Expertenkreises Demographischer Wandel am Wissenschaftszentrum Sachsen-Anhalt und gehörte dem Demografie-Beirat des Ministeriums für Landesentwicklung und Verkehr in Sachsen-Anhalt an.

Gibt es neben den demografischen und wirtschaftlichen Konsequenzen auch weitere?

Ich rede gern noch von sozialen Folgen in diesem Zusammenhang. Sprich: Dass ostdeutsche Männer häufiger partnerlos sind, als im Bundesdurchschnitt. Und es gibt auch immer weniger alte Menschen, die potenzielle familiäre Pflege erhalten können, wenn weniger junge Menschen vor Ort sind.

Was muss passieren, damit junge Menschen in den ländlichen Räumen bleiben?

Ich vertrete die Meinung, dass wir die Stärkung regionaler Identität vornehmen sollten. Sachsen-Anhalt hat bei den eigenen Bewohnern nicht immer einen guten Ruf. Die jungen Leute sehen in der Abwanderung fast die einzige Möglichkeit eines sozialen Aufstiegs.

Dieser Abwanderungskultur sollte man entgegenwirken, indem man eine Jugend- und familienorientierte Regionalpolitik implementiert, Bildung als Standortfaktor sieht, keine Schulschließeungen mehr vornimmt und eine nachhaltige Verbesserung der wirtschaftlichen Situation vornimmt. Dann kann man junge Menschen wieder nach Sachsen-Anhalt locken.

Sachsen-Anhalt hat bei den eigenen Bewohnern nicht immer einen guten Ruf. Die jungen Leute sehen in der Abwanderung fast die einzige Möglichkeit eines sozialen Aufstiegs.

Was konkret können die Gemeinden machen?

Eine Daseinsvorsorge muss gesichert sein. Man muss Einkaufsmöglichkeiten, Ärzte und ähnliche Dinge in vernünftiger Erreichbarkeit haben. Das heißt, wir müssen die kleinen zentralen Orte im Land stärken, damit auch junge Leute sagen: "Ich muss nicht ewig fahren, wenn ich irgendetwas brauche, um meine Familie zu versorgen".

Als Zweites sollten die Gemeinden mehr Selbstbestimmungsrecht haben, wo sie ihre Schwerpunkte setzen. Es sollte nicht zu viel von "Oben" bestimmt werden, was in den Dörfern passiert. Das müssen die Akteure vor Ort klären und eigene Prioritäten festsetzen können. Man muss versuchen, Dörfer wieder zu sozialen Orten zu machen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Maximilian Fürstenberg.

MDR (Maximilian Fürstenberg)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 16. Mai 2022 | 06:00 Uhr

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