Mutige Frauen, mutige Wendegeschichten Emmy Schwartzkopff: Die Frau, die einfach die DDR-Grenze verschob

Fabian Frenzel
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Sie haben dem System getrotzt, haben sich aufgelehnt und für ihre Sache gekämpft. MDR SACHSEN-ANHALT erzählt zum Tag der Deutschen Einheit die Geschichten von vier mutigen Frauen. Emmy Schwartzkopff ist eine von ihnen. Die Landwirtin sorgte dafür, dass ihr Gutshof nicht mitten auf der Grenze lag. Ihretwegen wurde die Grenzlinie verschoben. Eine Leistung, die den Hof und Leben rettete.

Collage aus Porträt von Emmy Schwartzkopff und Kampfgruppen der DDR 2 min
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MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir Di 28.09.2021 11:10Uhr 02:01 min

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Als Emmy Schwartzkopff im Juli 1945 auf ihrem Grundstück in der Nähe von Oebisfelde steht, beobachtet sie etwas, das ihr Sorge macht. Wobei Grundstück fast untertrieben ist. Sie steht vor ihrem Gutshaus. Einem großen Gebäude, das schon damals über 200 Jahre alt und seit gut 50 Jahren im Besitz der Familie Schwartzkopff ist. Dazu gehören viele Hektar Land, auf denen die Familie Landwirtschaft betreibt. In diesem Moment, als sie 1945 dort steht, errichten Soldaten gerade einen Grenzposten. Denn der Gutshof liegt genau auf der neu gezogenen Sektorengrenze zwischen den alliierten und den sowjetischen Streitkräften nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges.

Gutshof Büstedt
Mitten durch das Gutshaus sollte die Grenze verlaufen. Bildrechte: MDR/Fabian Frenzel

"Die Grenzlinie sollte genau durch unser Haus gehen", erinnert sich Enkel Tilmann Schwartzkopff an die Erzählungen seiner Großmutter Emmy. "Der Haupteingang des Hauses lag in der russischen Zone, der Hintereingang in der englischen. Meiner Großmutter war sofort bewusst, dass der Hof deswegen wahrscheinlich gesprengt werden würde."

"Yes mam, you‘re right. But we need maps."

Emmy Schwartzkopff kann ein paar Brocken Englisch und ist selbstbewusst. Sie geht zum britischen Kommandanten und versucht ihm klar zu machen, dass sich die neuen Grenzen doch an den ehemaligen Grenzen zwischen den Herzogtümern und Fürstentümern orientieren sollten. Zwischen Oebisfelde und dem Gutshof fließt nämlich der Fluss Aller. "Dieser war schon seit jeher ein Grenzfluss. Das war unser Glück", erklärt Tilmann Schwartzkopff. Früher hatte dort das Herzogtum Braunschweig an das Königreich Preußen gegrenzt.

Der Kommandant war laut Enkel Tilmann überraschend aufgeschlossen. Er sagt zu seiner Großmutter: "Yes mam, you‘re right. But we need maps." Also besorgt Emmy Schwartzkopff die geforderten Karten. Und was dann passiert, klingt zu kitschig, um wahr zu sein. In den Erzählungen von Emmy Schwartzkopff soll der Kommandant daraufhin zu einer großen Karte in seinem Büro gegangen sein und mit einem Radiergummi die falsche Grenze wegradiert haben. Mit einem roten Stift soll er anschließend die Grenze in der Mitte der Aller gezogen haben. Dort blieb sie dann bis zum Mauerfall 1989. "So hat meine Großmutter den Hof gerettet. Wir lebten fortan in der englischen Zone und ich bin in Westdeutschland aufgewachsen", erzählt Tilmann Schwartzkopff.

Ein kleiner Fluss fließt durch ein grünes Feld.
Die Aller am Rande von Oebisfelde ist schon seit Jahrhunderten ein Grenzfluss. Bildrechte: MDR/Fabian Frenzel

Zwischen Flucht der Tante und Camping am Grenzstreifen

Eine Geschichte, die sich gut erzählt. Doch Tilmann Schwartzkopff weiß, dass die Geschichte womöglich auch Leben gerettet hat: "Es hatte sich damals rumgesprochen, wie die Russen mit Großgrundbesitzern umgegangen sind. Es bestand die große Sorge bei meiner Großmutter, dass die Familie verschleppt werden könnte." Bei der Verwandtschaft in Kunrau im heutigen Altmarkkreis Salzwedel ist genau das passiert. Kunrau lag in der sowjetischen Zone. Tilmann Schwartzkopfs Großtante musste erst ihr Gehöft verlassen und später sogar fliehen, um nicht gefangen genommen zu werden.

Tilmann Schwartzkopff hat selbst gute Erinnerungen an seine Kindheit direkt an der Grenze. Auf westdeutscher Seite, auf der er lebte, sei nicht viel los gewesen. Der Bundesgrenzschutz und der Zoll hätten auf dieser Seite der Mauer "eine ruhige Kugel geschoben", wie Schwartzkopff beschreibt. "Wir konnten von morgens bis abends auf der Straße zelten. Hier kam kaum ein Auto vorbei."

Grenzlinie von Großmutter Emmy gilt bis heute

An einer Straße steht ein Grenzstein und ein braunes Schild, dass auf die Deutsche Einheit hinweist.
An dieser Stelle war die Grenze zwischen BRD und DDR. Hundert Meter weiter liegt der Gutshof der Familie Schwartzkopf. Bildrechte: MDR/Fabian Frenzel

"Mit dem Mauerfall hat sich das um 180 Grad geändert", sagt Tilmann Schwartzkopff. Heute fahren im Minutentakt Autos direkt vor dem Gutshof entlang, zelten ist nicht mehr möglich. Die ehemalige Grenze spiele in der Arbeit und im Leben keine große Rolle mehr, sagt Schwartzkopff, der immer noch Landwirtschaft betreibt und den Gutshof am Leben erhält. "Meine Mitarbeiter kommen zum Teil aus Sachsen-Anhalt. In der jüngeren Generation ist das gar kein Thema mehr." Es ärgere ihn aber, dass bei den älteren immer mal die Ossi- oder Wessi-Karte gespielt werde.

Die Karte mit den Herzog- und Fürstentümern, die seine Großmutter dagegen 1945 "gespielt" hat, hat ihm den Weg in eine Zukunft auf dem Gutshof geebnet. Emmy Schwartzkopff hat die Wende nicht mehr miterlebt. Sie starb 1981. Die von ihr gezogene Grenze gibt es aber bis heute. Als Landesgrenze zwischen Sachsen-Anhalt und Niedersachsen, wenige Meter nördlich vom Gutshof der Schwartzkopffs entfernt. Immer noch mitten durch den Fluss Aller – dort, wo sie der britische Kommandant einst gezogen hat.

Ist die Grenze noch in den Köpfen?

Tilmann Schwartzkopff steht in einem Maisfeld.
Tilmann Schwartzkopff Bildrechte: MDR/Fabian Frenzel

Tilmann Schwartzkopff lebte mehrere Jahrzehnte direkt an der Mauer, auf der westdeutschen Seite. Das sind seine Gedanken zur Wiedervereinigung.

Schwartzkopff: "
Ich hatte gehofft, dass unser Land schneller zusammenwächst. Dass wir nach 30 Jahren immer noch ein Ost-West-Denken teilweise in den Köpfen haben, finde ich mehr als bedauerlich und unpassend. Dass man sich auf seine West- oder Ostgeschichte zurückzieht und das auch noch zum Teil bewusst betont, löst bei mir Unverständnis aus. Es herrscht hier und da eine geringe Bereitschaft, sich auf das Neue einzulassen. Was ist denn das Neue? Das ist 30 Jahre her!"

Fabian Frenzel
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Über den Autor Fabian Frenzel arbeitet seit November 2014 bei MDR SACHSEN-ANHALT für die Online-Redaktion. Dabei liegt sein Schwerpunkt vor allem im Bereich Social-Media. Er würde gerne mehr Texte über sein Hobby "Männerballett" schreiben, hat aber noch nicht die richtige Rubrik dafür gefunden. Sein Journalismus-Studium hat der gebürtige Brandenburger in Berlin und Eichstätt/Ingolstadt absolviert. Die ersten journalistischen Schritte machte er bei der Märkischen Allgemeinen Zeitung und RADIO ENERGY Berlin.

Sein Lieblingsort in Sachsen-Anhalt ist Calbe (Saale), wo ein Teil seiner Verwandtschaft lebt. Hätte er dort nicht für ein paar Monate Unterschlupf gefunden, wäre er heute vermutlich nicht beim MDR. Und: Er ist gern da, wo man geocachen kann. Also im Prinzip überall draußen.

MDR/Fabian Frenzel

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 28. September 2021 | 11:40 Uhr

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