Folgen der Pandemie Personalmangel im Gastgewerbe: Durch Corona ist im Harz jeder Achte weg

Mann mit grauen haaren und roten Fleece-Pullover macht ein Selfie vor einem Fachwerkhaus mit MDR-Logo
Bildrechte: MDR/Carsten Reuß

Supermarktkasse statt Küche, Büro statt Rezeption – so oder ähnlich orientierten sich in den vergangenen Monaten zahlreiche Mitarbeiter des Hotel- und Gaststättengewerbes. Da während des Lockdowns das Kurzarbeitergeld niedrig und die Perspektiven schlecht waren, haben sich allein im Landkreis Harz mehr als 700 Köche, Servierkräfte und Hotelangestellte andere Jobs gesucht. Jeder Achte hat somit der Branche den Rücken gekehrt. Das geht aus Arbeitsmarktdaten hervor.

Eine Gasse mit Fachwerkäusern
Nicht nur dem Restaurant "1560" in Quedlinburg fehlt durch die Corona-Pandemie Personal. Im Harz haben viele Beschäftigte der Branche den Rücken gekehrt. Bildrechte: MDR/Carsten Reuß

Draußen eine enge Gasse, Pflastersteine und Fachwerkhäuser, drinnen Balken und Gewölbekeller: Das Restaurant "1560" in Quedlinburg ist eigentlich genau das, was Gäste in einer historischen Fachwerkstadt suchen. Und doch hängt das Schild "geschlossen" an der Tür. Geschäftsführer Detlef Massow fehlen die Mitarbeiter. Diese hätten sich während des Corona-Lockdowns andere Jobs gesucht, sagt er. Einer fahre nun Essen aus, eine Mitarbeiterin sei irgendwo ins Büro gegangen. Das Kurzarbeitergeld sei ihnen zu wenig gewesen, und dann habe ja keiner gewusst, wann es mal weitergehen würde. 

Das ist kein Einzelfall. In einer Umfrage unter den Mitgliedern des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga) im Mai gaben 42 Prozent der Teilnehmenden an, dass Mitarbeiter in andere Branchen abgewandert seien.

Alle Unternehmen auf der Suche nach Fachkräften

Im Landkreis Harz hat jeder achte Beschäftigte in Harzer Hotels und Gaststätten im vergangenen Jahr den Job gewechselt. Überall in der Branche fehle Personal, sagt Kerstin Nagy vom Kreisvorstand Harz des Branchenverbandes Dehoga. Sie kenne kein Unternehmen, dass nicht Fachkräfte suche. 

Im ersten Lockdown, erinnert sich die Hotelbetreiberin aus Wernigerode, habe man die Mitarbeitenden noch motivieren können. Nach zwei Monaten sei es weitergegangen und alle hätten geglaubt, dass man es geschafft habe. Doch im zweiten Lockdown sei das anders gewesen. Während der sieben Monate Schließzeit herrschte bei den Unternehmern selbst große Unsicherheit. Nagy: "Die Mitarbeiter sieben Monate zu motivieren, wenn man selbst nicht weiß, wie es weitergeht, das war ein Riesenproblem." Etliche Mitarbeiter hätte dann die Branche verlassen.

Eine Frau mit kurzen braunen Haaren steht vor dem Eingang eines Hotels.
Kerstin Nagy betreibt ein Hotel in Wernigerode. Bildrechte: MDR/Carsten Reuß

Die Mitarbeiter sieben Monate zu motivieren, wenn man selbst nicht weiß, wie es weitergeht, das war ein Riesenproblem.

Kerstin Nagy, Dehoga-Kreisvorstand Harz

Wertet man die Daten der Agentur für Arbeit aus, kommt man auf über 700 Beschäftigte, die im vergangenen Jahr allein im Landkreis Harz dem Gastgewerbe den Rücken gekehrt haben. Zählte Ende 2019 das Gastgewerbe im Landkreis noch 5.600 Beschäftigte, so waren es Ende 2020 nur noch 4.866. Und der Trend dürfte sich seitdem verstärkt haben.

Ein bundesweites Problem

In ganz Deutschland ging im Gastgewerbe von Mai vorigen Jahres bis Mai dieses Jahres die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten um 74.000 zurück, ein Minus von 7,3 Prozent. Noch schlimmer sieht es bei den geringfügig entlohnt Beschäftigten aus. Um minus 10,6 Prozent ging es hier abwärts. 83.500 Personen weniger waren hier im Mai im Vergleich zum Vorjahr.

Ähnliche Erfahrungen gibt es übrigens auch im Ausland. In einer Umfrage unter über 17.000 Beschäftigten der Gastronomie und Hotellerie in Österreich von März gaben 25 Prozent an, die Branche so schnell wie möglich verlassen zu wollen. Die Gründe: fehlende Perspektive in der Corona-Pandemie sowie Einkommensverluste, vor allem durch den Entfall des Trinkgeldes.

Eine Demo mit Bannern, Tischen und Stühlen und einem Sarg vor dem Rathaus in Quedlinburg.
Mit der Aktion "leere Stühle" haben Gastronomen im Frühjahr 2020 in Quedlinburg gegen die coronabedingten Schließungen protestiert. (Archivbild) Bildrechte: MDR/Carsten Reuß

Gewerkschaft kritisiert Löhne und Arbeitsbedingungen

Zuletzt machte auch die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) auf die Problematik der Mitarbeiterabwanderung aufmerksam. Dort sieht man vor allem zu niedrige Löhne und schlechte Arbeitsbedingungen als Gründe an. In einer Stellungnahme der Regional-Geschäftsstelle der NGG Süd-Ost-Niedersachsen-Harz heißt es: "Schon vor Corona stand das Gastgewerbe nicht gerade für rosige Arbeitsbedingungen. Unbezahlte Überstunden, ein rauer Umgangston und eine hohe Abbruchquote unter Azubis sind nur einige strukturelle Probleme. Die Unternehmen haben es über Jahre versäumt, die Arbeit attraktiver zu machen. Das rächt sich jetzt."

Dehoga sieht Problem veränderten Lebensumständen

Kerstin Nagy von der Dehoga, die selbst in Wernigerode ein Hotel betreibt, weist das entschieden zurück. Auch der letzte Arbeitgeber habe inzwischen begriffen, dass gute Mitarbeiter gut bezahlt werden müssen, sagt sie. Den Löhnen die Schuld am Fachkräftemangel zu geben, sei nicht richtig.

Vielmehr hätten sich die Lebensumstände verändert. Unattraktive Arbeitszeiten treffen dabei auf Ziele wie mehr Freizeit oder mehr Zeit für die Familie haben zu wollen. Und gerade Corona habe gezeigt, wie wichtig Familie sei, so Nagy.

MDR/Carsten Reuß, Cornelia Winkler

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 02. August 2021 | 12:00 Uhr

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