Hausärzte und mobile Impfteams bleiben Letzter Stich in Deutschlands erstem Impfzentrum

Swen Wudtke
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Das Impfzentrum Harz hat die ersten Impfungen verteilt, noch vor dem Start der bundesweiten Impfkampagne: Als der langersehnte Impfstoff ankam, machte sich eines der mobilen Teams auf den Weg ins Seniorenzentrum Krüger in Halberstadt. Und Edith Kwoizalla avancierte mit ihren 101 Jahren als deutschlandweit Erstgeimpfte zum Medienstar. Nun wurden die letzten Spritzen aufgezogen. Das Impfzentrum in Quedlinburg schloss am Mittwoch.

Es herrscht eine beinahe gespenstische Stille in dieser riesigen Halle am August-Bebel-Ring in Quedlinburg. Bis etwa Mitte des Jahres herrschte hier Hochbetrieb – am Mittwoch, dem letzten Öffnungstag, wird von den acht Impfkabinen nur noch eine genutzt. Abschied liegt in der Luft. Das spürt Leiterin Annelie Dietze kurz vor Schluss. "Es ist ein merkwürdiges Gefühl, weil zwei Herzen in meiner Brust schlagen", sagt sie. Wehmut schwingt mit.

Sie erinnere sich an eine bewegende und schöne Zeit in den vergangenen neun Monaten, aber mitunter auch an turbulente Momente. Mit der Schließung hofft Dietze nun aber vor allem, "dass wir die Pandemie ein Stück weit zur Seite legen können und der normale Alltag – soweit wie es möglich ist – wieder zurückkehrt."

Eine Frau und ein Mann sitzen auf einer Krankenliege, sie befinden sich in einem Impfzentrum. Sie tragen beide einen Mundschutz.
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Wir sind froh, dass wir das jetzt hinter uns haben

Sie gehören zu den letzten Impflingen im Impfzentrum Harz: Cindy Hamann und René Lindemann

Bevor Annelie Dietze die Türen endgültig für die Öffentlichkeit schließt, werden die letzten Spritzen mit Biontech/Pfizer aufgezogen – für terminierte Zweitimpfungen. Bestimmt sind sie für Cindy Hamann und René Lindemann aus Halberstadt. Beide melden sich pünktlich am Empfang, sprechen mit dem leitenden Arzt und setzen sich anschließend gemeinsam auf die Liege in Kabine 3.

Eine junge Frau im Porträt. Die Aufnahme zeigt sie vor dem Hintergrund einer Arztkabine in einem der Impfzentren. Es ist bereits leer, kein Besucher da
Hofft, dass die Schließung auch zu einem Zeichen wird, dass die Pandemie ein Stück besiegt ist: Annelie Dietze. Bildrechte: Swen Wudtke

Alles wirkt routiniert, weil in den letzten Monaten x-mal gesehen. Schulter freimachen, desinfizieren, rein den Pieks, Pflaster drauf, fertig. "Wir sind froh, dass wir das jetzt hinter uns haben", sagen beide unisono. Im Impfzentrum Harz die letzten Impflinge zu sein, dass "wussten wir nicht und sind überrascht", fügt René Lindemann mit einem Lachen hinzu. Mit diesen beiden Pieksen endet das generalstabsmäßige Impfen ganz unspektakulär.

Bundesweit erste Impfung von hier verabreicht

Begonnen hatte man gerade hier dagegen mit bundesweit medialer Aufmerksamkeit: Das Impfzentrum Harz hatte Ende vergangenen Jahres den offiziellen Impfstart in Deutschland ignoriert. Seinerzeit hieß es insbesondere aus Reihen der Bundespolitik, ‚jeder Tag zählt‘. Weil das Impfzentrum Harz einsatzbereit und Impfstoff verfügbar war, entschied der damalige Leiter, Immo Kramer, keine Zeit zu verschenken. So erlangte am zweiten Weihnachtsfeiertag – also bereits einen Tag vor dem offiziell geplanten bundesweiten Impfstart – die 101-jährige Edith Kwoizalla internationale Aufmerksamkeit als Erstgeimpfte in Deutschland. Nun schließen, wie hier im Harz, alle Impfzentren in Sachsen-Anhalt pünktlich zum 30. September, so wie es vom Sozialministerium angekündigt worden war.

Eine ältere Damen sitz in einem Rollstuhl vor einem Hauseingang. Um sie herum stehen  Familienmitglieder
Erstimpfling 2020 Edith Kwoizalla mit ihren Kindern Burga, Wolfgang und Gerhard Bildrechte: Swen Wudtke

Impfzentrum bestand ein dreiviertel Jahr

Für solche mobilen Teams aber bleibt das Impfzentrum Harz in Quedlinburg zunächst als Basis erhalten – und auch für die gute Seele des Hauses, Ute Bues. Dass sie hier fortan etwas weniger zu tun haben wird, bedaure sie ein wenig. "Ich habe Essen gekocht, Kaffee gekocht, für die Bundeswehr Wäsche gewaschen, gebügelt, genäht. Wir haben ja miteinander gearbeitet – wie in einer großen Familie. Das war sehr schön", resümiert die Angestellte eines Sicherheits- und Serviceunternehmens. Da werde sie auch weiterhin beschäftigt sein und meint: "Also ich werde nicht arbeitslos."

#MDRklärt Das sollten Sie über die Corona-Auffrischungsimpfung wissen

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Mit der Auffrischungsimpfung sollen die besonders gefährdeten Gruppen, wie ältere Menschen und Pflegbedürftige, im Herbst und Winter bestmöglich geschützt werden. Denn für sie ist das Risiko eines nachlassenden Impfschutzes am größten.
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Die berechtigten Personen sollen die Auffrischung frühestens sechs Monate nach der ersten Impfserie erhalten. Es werden nur die Präparate von Biontech/Pfizer und Moderna verwendet.
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Menschen, die bislang nur mit einem Vektorimpfstoff von Astrazeneca oder Johnson & Johnson geimpft wurden, sollen ebenfalls die Möglichkeit einer Dritt-Impfung mit einem mRNA-Impfstoff von Biontech/Pfizer oder Moderna erhalten.
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Ob die dritte Impfung wirklich nötig ist, lässt sich nach Angaben von Experten mit der aktuellen Datengrundlage nicht eindeutig sagen. So sei laut Robert Koch-Institut (RKI) noch nicht bekannt, wie lange der Schutz vor einer Infektion mit dem Coronavirus bzw. einer Covid-19-Erkrankung bei vollständig Geimpften anhalte.
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Die Ständige Impfkommission (Stiko) in Deutschland hat bislang keine Empfehlung für die Auffrischungsimpfung ausgesprochen. Dafür reiche die Datengrundlage bislang nicht aus, auch wenn man sich nach Angaben von Thomas Mertens, dem Chef der Stiko, intensiv mit der Frage beschäftige.
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Das hofft Annelie Dietze für all ihre Teamkollegen. Während sie ins Gesundheitsamt des Landkreises zurückkehren wird und die helfenden Hände der abkommandierten Bundeswehrsoldaten nun wieder im Heimat-Bataillon nahe der dänischen Grenze anpacken können, wünscht sie allen, sich "privat auch wieder mehr auf ihr Leben konzentrieren zu können. Und dass sich gerade auch für die befristeten Mitarbeiter Perspektiven auftun". Das Impfzentrum hat ein gutes dreiviertel Jahr bestanden.

Deshalb denke ich schon, dass jetzt ein guter Zeitpunkt ist, das Impfzentrum aufzulösen.

Annelie Dietze, Leiterin des Impfzentrums Harz in Quedlinburg

Die Gefahr einer weiteren Corona-Welle scheint noch lange nicht gebannt. Und die Ständige Impfkommission empfiehlt inzwischen erste Auffrischungsimpfungen. Dennoch rechtfertigt Annelie Dietze die Schließung. Es sei "auch eine Frage der Wirtschaftlichkeit". Impfungen sollen künftig Haus- und Betriebsärzte übernehmen und der öffentliche Gesundheitsdienst arbeitet mit mobilen Teams. Dietze: "Deshalb denke ich schon, dass jetzt ein guter Zeitpunkt ist, das Impfzentrum aufzulösen." Für Impfungen werden nun die niedergelassenen Ärzte zur zentralen Anlaufstelle, neben den mobilen Teams.

Neun Monate lang haben sich Menschen im Impfzentrum Harz gegen das Corona-Virus impfen lassen. Der Abschied von der Halle ist verbunden mit Wehmut – aber auch mit Hoffnung. MDR-SACHSEN-ANHALT-Reporter Swen Wudtke schildert seine Eindrücke.

Mehr als 250.000 Impfungen im Harzkreis

Die letzten Spritzen schon eingerechnet, gab es im Impfzentrum Harz sowie in weiteren, zeitweise betriebenen Einrichtungen im gesamten Kreis etwa 148.000 Erst- und Zweitimpfungen. Insgesamt – also Impfungen bei Haus- und Betriebsärzten noch hinzu genommen, belaufe sich die Zahl der Erst- und Zweitimpfungen auf ca. 266.000, so das Sozialministerium. Das entspreche einer Impfquote von etwa 63 Prozent im Harzkreis.

Erstgeimpfte Edith Kwoizalla hat inzwischen ihren 102. Geburtstag gefeiert. Und vor einigen Tagen sagte sie im Beisein ihrer Kinder Burga, Wolfgang und Gerhard: "Das ist immer schön, wenn sie mich besuchen" – und schließt mit einem Lächeln an: "Mir geht es gut."

MDR/Mandy Ganske-Zapf

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 30. September 2021 | 09:30 Uhr

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