Jerichower Land Ukraine-Krieg: Wie ein Landwirt um seine Erntehelfer bangt

Der Krieg in der Ukraine fordert nicht nur täglich Menschenleben und zwingt Hunderttausende zur Flucht. Die Auswirkungen sind überall zu spüren – auch in Sachsen-Anhalts Landwirtschaft. Spargelbauern bangen um ihre Erntehelfer. Doch auch der Preiseanstieg bei Kraftstoff und Düngemittel macht ihnen zu schaffen. Und dieser Trend droht sich fortzusetzen.

Landwirt Patrick Wolter auf einem Spargelfeld
Landwirt Patrick Wolter fürchtet, dass für die Spargelernte nicht genügend Erntehelfer aus Polen kommen. Bildrechte: MDR/Marila Zielke

Die Landwirtinnen und Landwirte in Sachsen-Anhalt fürchten die Auswirkungen des Krieges in der Ukraine. Weiter steigende Preise und fehlende Erntekräfte könnten die Folge sein. In Hohenseeden im Jerichower Land äußert der Chef der Agrargenossenschaft Hohenseeden/Parchen, Patrick Wolter, große Sorge mit Blick auf die kommenden Monate. 2018 und 2019 hatte die Dürre für erhebliche Ernteeinbußen gesorgt. Das setzte dem Landwirt und seinen Mitarbeitern zu. Danach kam die Corona-Pandemie – auch das verlief nicht gerade reibungslos – und nun der Krieg.

Wolter war einst der größte Spargelanbauer in Sachsen-Anhalt, doch der Bestand wurde geschrumpft. Wurden 2018 noch 120 Hektar Spargel angebaut, so ist es dieses Jahr nur noch die Hälfte. Die Kosten für die Bewirtschaftung seien enorm gestiegen, hinzu komme der Mindestlohn für die Mitarbeiter.

Fachpersonal für Ernte benötigt

Für die Spargelernte greift Wolter seit Jahren auf polnische Erntehelfer zurück. Derzeit werde die Ernte vorbereitet. Bislang seien aber nur acht der 60 benötigten Helfer in Hohenseeden angekommen. Ob alle Saisonkräfte pünktlich zum Saisonstart Anfang April ankommen, sei momentan unklar. "Die Helfer aus Polen, die am Wochenende angekommen sind, leben rund 100 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt. Es ist eine angespannte Situation, sagte ein Vorarbeiter. Es kreisen Hubschrauber, tausende Menschen, meist Frauen und Kinder kommen über die Grenze, um aus ihrer Heimat zu fliehen," erzählt Wolter.

Angespannte Lage

Die bislang eingereisten polnischen Erntehelfer haben täglich Kontakt zu ihren Familien. Doch die Angst, was sich Zuhause abspielt, bleibt. Wolter kennt seine Erntehelfer seit Jahren. Doch zusammengesetzt und lange über den Krieg gesprochen, wird sich nicht. "Die Leute sollen ja mit ihrer Arbeit auch abgelenkt werden und nicht jeden Tag pausenlos an den Krieg denken müssen. Außerdem sind die Erntehelfer hier, da sie auf das Geld angewiesen sind", sagt Wolter.

Landwirt Patrick Wolter auf einem Spargelfeld
Landwirt Patrick Wolter auf seinem Spargelfeld an der B1. Der Spargel ist bereits mit Wärmefolie überzogen. Bildrechte: MDR/Marila Zielke

Kommen bis zum Saisonstart nicht alle Helfer an, steht die Ernte auf der Kippe. Als während der Corona-Zeit nicht alle polnischen Helfer einreisen konnten, haben man versucht, das erfahrene Personal zu ersetzen, so Wolter. Doch das sei gescheitert. Nun hänge alles von der Entwicklung des Krieges in der Ukraine ab.

Mehr über die Saisonarbeit in Sachsen-Anhalt

Wenig Saisonkräfte im Vergleich zu anderen Bundesländern

In Sachsen-Anhalt kamen 2021 rund 5.400 Erntehelfer, verteilt über das ganze Jahr zusammen. Das klingt zunächst viel, im Vergleich zu anderen Bundesländern oder auch dem Anteil an Familien-Arbeitskräften bei uns im Land ist das relativ wenig. Das liegt vor allem daran, dass Saisonkräfte bei den sogenannten Sonderkulturen gebraucht werden, beispielsweise Spargel, Obst und Gemüse. Dies werde in Sachsen-Anhalt vergleichsweise wenig angebaut, u.a. wegen der geringen Niederschläge hierzulande (Sachsen-Anhalt ist das trockenste Bundesland, hieß es vom Landesbauernverband.)


Weniger polnische Erntehelfer, dafür mehr aus Rumänien

Knapp ein Drittel der Arbeitskräfte in der Landwirtschaft sind laut Deutschem Bauernverband Saisonarbeitende, also Arbeitskräfte mit einem auf weniger als sechs Monate befristeten Arbeitsvertrag. Sie sind überwiegend als Erntehelferinnen und -helfer beschäftigt. Von den in 2020 gezählten 274.700 Saisonarbeitskräften sind nach Einschätzung des Gesamtverbandes der Deutschen land- und forstwirtschaftlichen Arbeitgeberverbände (GLFA) etwa 95 Prozent aus dem Ausland.

Die Anzahl der Arbeitskräfte aus Polen ist in den vergangenen Jahren zurückgegangen, die Anzahl der Arbeitskräfte aus Rumänien deutlich gestiegen. Von den ausländischen Saisonarbeitskräften stammen nach Einschätzung des GFLA etwa 65 Prozent aus Rumänien, 30 Prozent aus Polen und der Rest aus anderen osteuropäischen Staaten (vorwiegend Bulgarien, Baltikum sowie Studenten aus der Ukraine).

Der Ukraine-Krieg und seine Folgen auf die Landwirtschaft

Nicht nur die Spargelernte in Hohenseeden ist wegen des Krieges in der Ukraine in Gefahr. Der Sprecher des Bauernverbands Sachsen-Anhalt, Erik Hecht, rechnet mit langfristigen Auswirkungen. Ob weniger Saisonarbeitende in Deutschland arbeiten wollten oder könnten, lasse sich zwar nicht prognostizieren, so Hecht, doch die Auswirkungen des Krieges seien für die Landwirtinnen und Landwirte bereits deutlich zu spüren, vor allem durch den rasanten Anstieg der Preise für Betriebsmittel wie Kraftstoff und Düngemittel.

Er geht davon aus, dass sich dieser Trend fortsetzt – eine Gefahr für viele Betriebe hierzulande. "Gerade in Sachsen-Anhalt ist die wirtschaftliche Situation auf vielen Betrieben angespannt, unter anderem durch die mehrjährige Dürre, die Marktverwerfungen durch die Pandemie und immer höhere, gesetzliche Vorgaben, die vonseiten der Abnehmer nicht ausreichend entgolten werden", sagt Hecht. Marktteilnehmer sowie die Politik müssten gemeinsam mit den Landwirtinnen und Landwirten Wege finden, die regionale Produktion von Lebensmitteln aufrecht zu halten.

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MDR (Marila Zielke, Cornelia Winkler)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 08. März 2022 | 17:00 Uhr

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