Beratung Wie Menschen mit Migrationsgeschichte und Behinderung geholfen wird

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Wer blind ist, im Rollstuhl sitzt oder eine psychische Behinderung hat, steht im Alltag oft vor großen Problemen, bürokratischen Hürden und Vorurteilen. Wer zusätzlich noch aus einem anderen Land kommt und kaum Deutsch spricht, steht vor weiteren Schwierigkeiten. Unterwegs mit einem Betroffenen, der die Schwierigkeiten immer wieder bewältigen muss – und heute anderen dabei hilft.

Menschen mit Migrationsgeschichte und Behinderung
Mustafa Bico kam 1999 nach Deutschland und stand wegen seiner Behinderung vor viele bürokratische Hürden. Bildrechte: MDR/Daniel Tautz

Die zwei silber-schwarzen Krücken sind Mustafa Bicos ständige Begleiter. Bei jedem Schritt setzt er sie kraftvoll vor sich auf, bevor die Beine schließlich folgen. Bico hat eine Gehbehinderung, seit er im Alter von zwei Jahren an Kinderlähmung erkrankt ist. Durch das ständige Laufen mit Krücken seien auch die Beschwerden in den Schultern schlimmer geworden, erzählt er auf einer Parkbank am halleschen Saaleufer.

Ich kann nicht lange laufen, lange stehen und Treppen machen für mich richtig Probleme.

Mustafa Bico

Die Kinderlähmung hat es ihm im Leben nicht immer leicht gemacht. Schon damals nicht in dem kleinen syrischen Dorf, in dem Mustafa Bico geboren wurde. Und auch 1999 nicht, als er mit seiner Familie nach Deutschland kam.

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Viele Jahre hat er auf eine Aufenthaltsgenehmigung gewartet. Und das wiederum erschwerte all die Bürokratie rund um seine Behinderung. "Viele Papiere, viele Anträge. Und wenn jemand neu hier ist, ist es sehr schwierig, das alles zu machen. Da braucht man immer Hilfe", sagt Bico. Als er nach Deutschland kam, fand er diese Hilfe jedoch kaum. Migrantinnen und Migranten mit Behinderung brauchten damals meist etwas Glück oder einen informierten Bekannten, vor allem aber viel Zeit und Mühe.

Verein öffnet Beratungsstellen

Doch seit dem vergangenen Sommer gibt es in Sachsen-Anhalt eine Anlaufstelle für Betroffene, dank eines Projekts von LAMSA – dem Landesnetzwerk Migrantenorganisationen Sachsen-Anhalt – und einer Idee aus deren Gemeinschaft. "Uns ist aufgefallen, dass kaum über geistige und körperliche Behinderungen geredet wird", sagt Mamad Mohamad, der Geschäftsführer des Vereins.

Wir hatten das Gefühl, dass das Thema tabuisiert ist – und dass wir etwas machen müssen.

Mamad Mohamad LAMSA
Menschen mit Migrationsgeschichte und Behinderung
Mamad Mohamad ist Geschäftsführer des LAMSA. Bildrechte: MDR/Daniel Tautz

Das war 2019. Seit vergangenem Jahr bietet der Verein mit dem Projekt "Migration und Inklusion in Sachsen-Anhalt" in Halle, Magdeburg und Dessau Beratungen an. Und die haben erst richtig gezeigt, wie groß die Hilfsbedürftigkeit in den Communities ist.

"Durch das, was die Betroffenen erleben, haben sich viele von ihnen zurückgehalten mit Diskriminierungserfahrungen wegen ihrer Behinderung oder ihres Migrationshintergrundes", sagt Mohamad. Teilweise hätten die Leute auch die Angst, abgeschoben zu werden, wenn sie zu viel Hilfe in Anspruch nehmen.

Hälfte der Betroffenen suchte bislang Hilfe

Wie groß der Beratungsbedarf ist, zeigt auch eine Studie von LAMSA. Darin wurden Hunderte Menschen mit Migrationsgeschichte und Behinderung befragt, ob sie sich bereits Hilfe gesucht haben. 47 Prozent antworteten mit 'Nein'.

Nach den Gründen gefragt gab gut ein Drittel der Betroffenen an, dass sie Angst vor Diskriminierung und Rassismus haben. Ähnlich viele sagten, dass sie keinen Zugang zu Ärztinnen und Ärzten haben. Knapp 18 Prozent trauen sich demnach außerdem nicht, zum Arzt zu gehen. Bei psychischen Behinderungen haben sich der Studie zufolge noch deutlich weniger Menschen Hilfe gesucht.

Sprachbarriere wird zum Problem

Die gebürtige Syrerin Khuzuma Zena weiß, womit all diese Punkte fast immer zusammenhängen: Mit der Sprache. Zena ist ebenfalls Beraterin in Halle und kennt die Probleme gut: "Durch die fehlende Sprache können viele nicht recherchieren. Sie können nicht direkt mit einem Arzt reden und trauen vielleicht einem Dolmetscher nicht." Zudem fehle es in Sachsen-Anhalt an mehrsprachigen Ärztinnen oder Psychotherapeuten. Besonders für arabisch hätten sie keinen gefunden.

"Die meisten Leute kommen aber wegen der Bürokratie zu uns", sagt Zena und blättert durch einen zwölfseitigen Antrag, in dem es um die "Feststellung des Grades der Behinderung (GdB) und von Merkzeichen nach § 152 Abs. 1 und 4 SGB IX" geht.

Offiziell läuft das von der Deutschen Fernsehlotterie finanzierte Projekt des LAMSA noch bis zum Sommer 2023. Doch der Verein hofft, die Beratungsarbeit darüber hinaus ermöglichen zu können. Zumal die vergangenen Monate und die Fluchtbewegungen aus der Ukraine gezeigt hätten, wie wichtig eine schnelle Beratung von Migrantinnen und Migranten ist.

Russischer Angriffskrieg bringt neue Herausforderungen

"Schon mit den ersten Menschen, die in Sachsen-Anhalt angekommen sind, ist uns bewusst geworden, dass da Menschen mit Behinderung dabei sind", sagt LAMSA-Geschäftsführer Mohamad. Wie viele, das wird nicht erfasst. Aber sofort seien Hilferufe aus der Community gekommen: auf der Suche nach geeigneten Wohnungen für die Unterbringung oder Hilfsmittel, die auf der Flucht aus der Ukraine nicht mitgenommen werden konnten.

Und natürlich brauchen auch die Ukrainerinnen und Ukrainer eine Beratung, Tipps für schnelle Hilfe oder Unterstützung bei den Formularen. Deshalb hat LAMSA zwei neue Berater eingestellt, die Russisch sprechen und ab dem 1. Juni in den Beratungsstellen Halle und Magdeburg erreichbar sind. Finanziert wird das aus Geldern von "Aktion Deutschland Hilft" und "Der Paritätische Sachsen-Anhalt".

Mustafa Bico wird sich indes weiter um die Beratungen auf Arabisch, Kurdisch und Deutsch kümmern. Um das weiterzugeben, was er selbst vermisst hat, als er 1999 nach Deutschland kam: Hilfe für Menschen mit Migrationsgeschichte und Behinderung. "Ich freue mich, wenn ich das Lächeln sehe, wenn Menschen einen Weg gefunden haben", sagt er. "Das macht das Leben leichter, das macht mich sehr glücklich."

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MDR (Daniel Tautz, Fabienne von der Eltz)

Dieses Thema im Programm: SACHSEN-ANHALT HEUTE | 24. Mai 2022 | 19:00 Uhr

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