Explodierende Energiekosten Bürger gründen Energiegenossenschaft in Kodersdorf

In Kodersdorf bei Görlitz haben am Mittwochabend Bürger ihre eigene Energiegenossenschaft gegründet. Ziel ist es, mithilfe alternativer Energiequellen eine bezahlbaren Strom- und Wärmeversorgung für die Einwohner aufzubauen. Weiterhin leistet sich der Gemeindeverband Kodersdorf seit wenigen Tagen einen sogenannten Klimaschutzmanager, der nicht nur die Gemeinde, sondern rund 3.000 Einwohner in Sachen Energieberatung unterstützen soll.

Gruppenbild der Energiegenossenschaft
Die Gründerinnen und Gründer der Energie Genossenschaft e.G. Kodersdorf wollen bezahlbare Energie für ihre Gemeinde. Bildrechte: Uwe Walter

Die Kodersdorfer sind pfiffig. Das haben sie in der Vergangenheit mehrfach bewiesen. Wo andere Kommunen noch auf Gewerbegebiete setzten, bauten sie an der A4 ein Industriegebiet. Auch wenn der Anfang schwer war, doch nun ist das Industriegebiet voll belegt. Nur einmal haben die Kodersdorfer seit der politischen Wende einen kleinen Fehler gemacht, als sie vor 16 Jahren das Potential von Photovoltaik nicht erkannten. Bürgermeister René Schöne (CDU) erinnert sich: "Wir hatten hier schon frühzeitig angefangen, im Jahr 2006, an der gleichen Stelle. Hier im Gemeindeamt wollten wir schon einmal eine Bürger-Energie-Genossenschaft gründen. Aber damals war alles noch Friede-Freude-Eierkuchen." Es gab preiswertes Gas aus Russland und die Stromkosten blieben im Rahmen. Nun haben sich die Verhältnisse drastisch geändert. Die Energiekosten explodieren gerade und die Photovoltaikanlagen rings um Kodersdorf gehören anderen Investoren. Das waren die Auslöser, die Energieversorgung in Kodersdorf zu überdenken.

Solarfeld mit Biogasanlage und Kraftwerk im Hintergrund.
Alternative Energieerzeugung in Kodersdorf: Sonne, Biogas und Kraftwerk, welches mit Holzresten betrieben wird. Vorbild für die benachbarte Energie Genossenschaft. Bildrechte: Uwe Walter

Der Plan: Klimaneutral mit bezahlbarer Energie

Die Gemeinde Koderdorf hat ab sofort zwei Ziele im Blick. Sie will bis 2045 klimaneutral sein und gleichzeitig sollen die Energiekosten für Kodersdorfer bezahlbar bleiben. Auch deshalb haben gestern 20 Männer und Frauen aus Kodersdorf und Umgebung die "Energie Genossenschaft Kodersdorf e.G." gegründet. "Die Zeit ist reif dafür", sagt Bürgermeister René Schöne. Die Genossenschaft wird nunmehr Flächen für Photovoltaikanlagen akquirieren und dann auf diesen ihre Anlagen auch betreiben. "Das können beispielsweise Dächer auf öffentlichen, gewerblichen oder privaten Gebäuden sein", sagt der Klimaschutzmanager von Kodersdorf Andreas Schneider: "Auch Fernwärmeanlagen könnten eine Rolle spielen, sowie Windkraftanlagen."

Klimaschutzmanager kein rausgeschmissenes Geld

Andreas Schneider hat erst vor wenigen Tagen sein Büro in Kodersdorf am Weißen Schöps bezogen. In den nächsten zwei Jahren soll er als Klimaschutzmanager nach Einsparpotentialen nicht nur bei der Energieversorgung sondern auch bei der Vermeidung von Treibhausgasen suchen. Doch ganz einfach ist das nicht, noch besser zu werden. Nicht nur im Industriegebiet setzt Kodersdorf schon auf die Kreislaufwirtschaft mit einer positiven ökologischen Bilanz: Mehrere Biosgasanlagen arbeiten bereits, das Sägewerk im Industriegebiet hat ein eigenes Heizkraftwerk und wird mit Rohstoff Holz betrieben. Der benachbarte Felgenhersteller Borbet setzt in der Produktion auf Strom und Gas ohne schädliche Abgase. Selbst die Gemeinde versucht nachwachsende Rohstoffe zu nutzen und heizt mit Hackschnitzel, die im Bauhof anfallen.

Blockheizkraftwerk mit Holzabfällen
Kraftwerk vom Sägewerk in Kodersdorf, welches mit Holzresten befeuert wird. Möglicher Spender für "Dorfwärme"? Bildrechte: Uwe Walter


"Ein Klimaschutzmanager ist trotzdem kein rausgeschmissenes Geld", betont Bürgermeister Rene Schöne. Als Klimaschutzmanager sieht Andreas Schneider nicht wenige Projekte, die gut für das Klima sind. So könnte Teile des Dorfes mit der überschüssigen Abwärme aus dem Industriegebiet versorgt werden. Für das Projekt "Dorfwärme" wäre eine etwa zwei Kilometer lange Fernwärmeleitung erforderlich. Noch im August soll der Gemeinderat entscheiden, ob der Klimaschutzmanager eine Machbarkeitsstudie vorbereiten soll. Vorbild ist ein ähnliches Projekt im 30 Kilometer entfernten Daubitz, wo seit etwa zehn Jahren die Grundschule, der Kindergarten und das Feuerwehrgerätehaus sowie zahlreiche Eigenheime mit Abwärme aus einer Biogasanlage versorgt werden.

Moderne Steuerungen können beim Sparen helfen

Während andere Gemeinden jetzt beginnen, ihre Straßenbeleuchtung auf LED umzustellen, ist das in Kodersdorf kein Thema mehr. "Wir arbeiten bereits mit Leuchtmittel, die gerade mal 21W verbrauchen. Bei einem Defekt werden sie durch LED ersetzt", erläutert der Klimaschutzmanager. Seine Aufgaben sind größer: In den nächsten zwei Jahren soll er ein Konzept erarbeiten, wie Kodersdorf die Klimaneutralität erreichen kann. Dazu muss der 55-Jährige alle Kodersdorfer von jung bis alt einbinden. Möglicherweise muss die Dämmung der Gebäude verbessert werden, Heizungssteuerungen müssen optimiert und modernisiert werden. "Auch ältere Gebäude sollten technisch aufgerüstet werden, um Energie zu sparen und das Klima zu schonen", meint der Klimaschutzmanager und verweist auf sein offenes Büro: "Er könne Hinweise geben, aber keinen zertifizierten Energieberater ersetzen."

Tür mit Türschild
Büro vom Klimaschutzmanager steht zumindest immer am Donnerstag für alle Anwohner offen. Bildrechte: Uwe Walter

Projekte für Energiegenossenschaft stehen bereit

Die Gemeinde Kodersdorf hat bereits Vorbereitungen getroffen, damit ihre Energie Genossenschaft aktiv werden kann. Sie will zunächst die Dachfläche der Oberschule dafür bereitstellen und dann an die Genossenschaft vermieten. Den Beschluss für die Ausschreibung der Dachfläche soll der Gemeinderat noch in diesem Monat fassen. Weitere Gebäude sind angedacht, wie das Vereinshaus in Särichen oder die Gerätehäuser der Freiwilligen Feuerwehren. Davon profitieren sowohl die Gemeinde, die Besitzer der vermieteten Flächen als auch die Energiegenossenschaft.

Feuerwehrgerätehaus in Kodersdorf
Die Dächer der Feuerwehrgerätehäuser im Gemeindeverband Kodersdorf sollen mit Photvoltaik bestückt werdem. Bildrechte: Uwe Walter

Bürger können sich beteiligen

"Bürger können für jeweils 50 Euro bis zu 200 Anteile an der Genossenschaft erwerben und profitieren dann je Anteil vom Gewinn", erklärt Andreas Schneider. Das Besondere an der Genossenschaft: Jedes Mitglied hat nur eine Stimme und zwar unabhängig von der Zahl seiner Anteile. "Damit werde verhindert, dass die Genossenschaft von einem finanzkräftigen Interessenten gekapert werden kann", erklärt Bürgermeister René Schöne bei der Gründungsversammlung der Genossenschaft am Mittwochabend. Die zwanzig Gründer sind jedenfalls optimistisch in die Zukunft gestartet, auch wenn der Bürgermeister sagt: Reich kann man mit der Rendite nicht werden. Aber wir können für mehr Sicherheit in der Gemeinde sorgen, weil die Energiekosten langfristig bezahlbar bleiben."

Biogas-Anlage
Auch mit der Abwärme aus Biogas können Wohnungen, Eigenheime oder öffentliche Gebäude geheizt werden. Hier eine bislang ungenutze Anlage im Industriegebiet Kodersdorf. Bildrechte: Uwe Walter

In der Oberlausitz ist Kodersdorf nicht die einzige Gemeinde, die eine Energiegenossenschaft ins Leben ruft. Ähnliche Projekten starten nächste Woche in Boxberg, später folgen Weißkeißel und Rietschen.

MDR

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | Regionalnachrichten Studio Bautzen | 18. August 2022 | 14:30 Uhr

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