Sonderausstellung Sklavenhandel in Oberlausitz - Ausstellung in Görlitz zeigt Schattenseiten von Silberschätzen

Auf Schatzsuche zu gehen, bei hochsommerlichen Temperaturen. Das kann zur Qual werden. Als Alternative bietet sich der kühle Kaisertrutz in Görlitz an. Dort können mehr als 1.000 Jahre alte Schätze aus Silber entdeckt werden. Eine spektakuläre Sonderschau widmet sich dem Thema "Silber für Sklaven - Schätze des Mittelalters".

Schatz aus Hacksilber
Möglicherweise wurden mit diesem Hacksilber auch Sklaven aus der heutigen Oberlausitz bezahlt. Bildrechte: Uwe Walter

Wer "Sklaven" hört, denkt sofort an Spartakus und das Römische Reich oder an den Sklavenhandel zwischen Afrika und Amerika. Doch Sklavenhandel war auch in der Oberlausitzer Region ein Geschäft. So stand vor mehr als ein 1.000 Jahren auf der Landeskrone - dem Görlitzer Hausberg - eine slawische Fluchtburg. 1015 stürmten böhmische Truppen die Burg und eroberten die Landeskrone.

Modell einer slawischen Fluchtburg
Modell einer slawischen Fluchtburg um die erste Jahrtausendwende. Bildrechte: Uwe Walter

200 Gramm Silber für eine Frau - 300 Gramm für einen Mann

Nach dem Sieg seien die etwa 1.500 Insassen - so sollen es alte Schriften überliefern - als Sklaven verkauft worden, erzählt der Chef vom Kulturhistorischen Museum zu Görlitz Jasper von Richthofen.

Jasper von Richthofen an einer Ausstellungsvitrine vor einer Grafik
Der Görlitzer Museumschef Jasper von Richthofen hat sich gemeinsam mit seinem Team mit dem Sklavenhandel in der Region vor mehr als 1.000 Jahren beschäftigt. Demnach war damals ein Mann 300 Gramm, eine Frau 200 Gramm Silber wert. Im Hintergrund der Silberabbau im 12. Jahrhundert im Erzgebirge. Bildrechte: Uwe Walter

Eine Frau hat damals etwa 200 Gramm Silber gekostet und ein Mann so um die 300 Gramm Silber. Und das ist ungefähr das, was die silberne Schale heute auf unserem Tisch im Wohnzimmer wiegt.

Jasper von Richthofen Direktor Kulturhistorisches Museum zu Görlitz

500 Gramm Silber waren vor 1.000 Jahren eine gewaltige Summe, Gold war damals kaum im Umlauf. Bezahlt wurden die Sklaven mit "Hacksilber". Bei Münzen zählte nicht der Wert der Münze, beim Schmuck nicht die kunstvolle Verarbeitung. Einzig das Gewicht des Silbers erzeugte den Gegenwert. Schmuckgegenstände seien zerhackt worden, so von Richthofen. Ein Forschungsprojekt beschäftigte sich deshalb mit der Frage: Woher stammte das Silber, das in der Oberlausitz in Form von Hacksilberschätzen gefunden wurde?

Halskette aus Silber
Selbst bei Schmuck zählte nur das Gewicht als Wert. Deshalb wurde auch Schmuck zerkleinert und als "Hacksilber" in Zahlung genommen. Die künstlerische Ausführung spielte beim Gegenwert keine Rolle. Bildrechte: Uwe Walter

Silber stammt aus dem Harz oder aus dem heutigen Usbekistan

Um die Jahrtausendwende stammte das Silber laut von Richthofen meist aus zwei Regionen: zum einen aus den seit 960 erschlossenen Silberminen im Harz auf dem Rammelsberg bei Goslar oder aus den zentralasiatischen Silberminen bei Buchara oder Samarkand im heutigen Usbekistan.
Nachdem 1168 bei Freiberg Silber entdeckt wurde, kam das Edelmetall auch aus dem Erzgebirge, haben die Forscher herausgefunden. Während vor dem Kaisertrutz die Sommersonne das Pflaster aufheizt, präsentiert der Museumschef Jasper von Richthofen im kühlen Festungsbau Silberschätze.

Jasper von Richthofen an einer Ausstellungsvitrine
Jasper von Richthofen zeigt im Kaisertrutz Hacksilberfunde. Die Edelmetallsammlung stammt auch aus dem Sklavenhandel. Bildrechte: Uwe Walter

Mit den Hacksilberschätzen ist maßgeblich der Sklavenhandel in der Zeit um die erste Jahrtausendwende verknüpft. Wir haben hier in unserer Ausstellung sozusagen den Gegenwert für ganz viele Menschenleben ausgestellt. Und genau das versuchen wir in der Schau zu thematisieren.

Jasper von Richthofen Direktor Kulturhistorisches Museum zu Görlitz

Zum ersten Mal, so von Richthofen, befasse sich eine Ausstellung mit der Geschichte um die Hacksilberschätze in Zusammenhang mit der Sklaverei in Ostmitteleuropa und Ostdeutschland.

Europaweit einmalig: Hacksilberschätze aus Sklavenhandel in Görlitz

Noch nie, schwärmt der Direktor des Kulturhistorischen Museums in Görlitz, wurden so viele Hacksilberschätze sowie andere bedeutende Schmuckgegenstände des Mittelalters - etwa von der Prager Burg, aus Brünn bzw. aus Warschau - in einer Ausstellung zusammengetragen.

Silberschatz von Cortnitz/OL
Wertvoller Silberschmuck aus der ersten Jahrtausendwende zeugt vom Können der Handwerker. Bildrechte: Uwe Walter

Bei den Münzresten sei es relativ leicht, ihre Herkunft und ihr Alter zu bestimmen, erklärt Jasper von Richthofen, der auch promovierter Archäologe ist: "Das sind auf der einen Seite zahlreiche ottonische deutsche Münzen. Weiterhin ganz viele islamische Münzen, die aus dem Gebiet des heutigen Usbekistan zum Beispiel stammen, bis aus Samarkand." Damit wurden die Waren aus der Region bezahlt. Das waren damals meist Honig, Wachs, Felle und natürlich Sklaven. Nicht zufällig besitzt die ethnische Bezeichnung "Slawe" den gleichen Wortstamm wie "Sklave", Englisch: slave.

Fesseln für Sklaven
Mehr als eintausend Jahre alte Fesseln für Sklaven. Von unendlichem Leid berichten historische Quellen: Familien wurden brutal getrennt. Bildrechte: Uwe Walter


Vor etwa 1.000 Jahren waren es slawische Männer, Frauen, Kinder aus der Oberlausitzer Region, die als "Ware" nach Westeuropa, Spanien, Byzanz oder Zentralasien verkauft wurden. Daraus leitet sich der Name der Sonderschau ab: "Silber für Sklaven". Spektakuläre Schatzfunde sind in Görlitz zu sehen, darunter der Fund von Meschwitz im Landkreis Bautzen sowie der Schatz von Mahnau, dem heute polnischen Maniów bei Glogau (Glogów).

Silberschmuck aus drei Jahrhunderten

Das Staatliche Museum für Archäologie Warschau beteiligte sich mit Silberschmuck an der Schau in Görlitz.

Blick in Ausstellungsraum mit Silberschmuck
Das Warschauer Museum für Archäologie präsentiert seine Silberschätze in Görlitz. Jeder Kunsthandwerker oder Silberschmied sollte sich diese Präsentation nicht entgehen lassen. Bildrechte: Uwe Walter

"Das sind wunderbare Bestände, die uns aus Warschau zur Verfügung gestellt wurden", sagt Ina Rueth vom Museum.

Büste mit Tuch und Silberschmuck
Fast wieder modern, aber mehr als tausend Jahre alt: Silberschmuck für die feine Dame. Bildrechte: Uwe Walter

Bei den Hacksilberfunden sind ja nur Reste von Schmuck vorhanden. Hier aber können wir sehen: Wie hat denn dieser Schmuck im Ganzen ausgeschaut? Und: Wie hoch entwickelt waren damals schon die Fertigkeiten der Handwerker?

Ina Rueth Kulturhistorisches Museum zu Görlitz

Grabungsschätze zeugen von Mord und Todschlag

Jeder Schatz, der im Görlitzer Kaisertrutz gezeigt wird, zeugt wahrscheinlich auch von einer tragischen Geschichte. Möglicherweise haben die Besitzer ihr Hab und Gut - darunter auch das Silber - verstecken müssen. Anschließend waren sie nicht mehr in der Lage, es zu bergen. Das fröstelt den Besucher auch im Hochsommer: Das grausame Schicksal der Sklaven wird durch Knochenreste - ausgegraben in Ralswiek auf Rügen - sichtbar gemacht. An den Verletzungen ist erkennbar: Die Menschen sind ermordet und einfach liegen gelassen worden.

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Wissenschaftler sind sich einig: Diese Knochen stammen aufgrund Todesursache und Fundstelle von Sklaven. Bildrechte: Uwe Walter

Teures Exportgut: Slawen als Sklaven

Sichtbar wird im Görlitzer Kaisertrutz aber auch: Schon vor mehr als 1.000 Jahren war die Welt durch Sklavenhandel eng vernetzt. Von Kiew handelte das Volk der Rus mit dem Westen. Prag war damals ein besonders großer Umschlagplatz für Sklaven. Die Handelsrouten und -beziehungen führten bereits damals bis nach Samarkand oder Buchara in Usbekistan oder nach Konstantinopel.

Ein besonders schönes Ausstellungsstück ist allerdings noch nicht in Görlitz zu sehen: Ein silberner Panzerreiter schmückt derzeit noch eine große Ausstellung in Aarhus in Dänemark. Der Panzerreiter zeigt die Bewaffnung slawischer Krieger um das erste Jahrtausend. Voraussichtlich ab September wird auch der Reiter im Kaisertrutz zu sehen sein.

MDR (uwa)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | Regionalreport Studio Bautzen | 15. Juli 2022 | 16:30 Uhr

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