Insektensommer Im Wespenjahr 2022 sollten Oberlausitzer Abstand, Ruhe und Geduld wahren

Im Klinikum Görlitz nimmt die Zahl der Menschen zu, die nach Insektenstichen versorgt werden müssen. Meist sind es Wespenstiche, die allergische Reaktionen bei den Gestochenen auslösen. In diesem Jahr scheinen Wespen besonders aggressiv zu sein. Das hängt auch mit der warmen und trockenen Witterung zusammen, denn die Insekten haben sich in den letzten Wochen sehr gut entwickelt.

Wespennest
Wespen sind kreativ beim Nestbau und weil die Larven geschlüpft sind, besonders hungrig. Bildrechte: Uwe Walter

Es ist zum verrückt werden: Will man in Ruhe auf dem Balkon oder im Garten ein Stück Kuchen genießen, kommen aus heiterem Himmel Wespen heran geflogen. Mit Kennerblick visieren die gelb-schwarz-gestreiften Insekten das Stück Obstkuchen, um sich danach auch noch auf die Trinkgläser zu stürzen. Offenbar kommt erst ein Kundschafter, dann folgt die gesamte Wespenbande aus dem Nest.

eine Wespe an einem Stück Obst
Die Entdeckerin legt eine Duftspur, damit die anderen Wespen aus ihrem Volk ebenfalls zur Kaffeetafel finden. Bildrechte: Colourbox.de

Das Bauchgefühl des Kuchenfans trügt nicht: Die erste Wespe hat ihren Kolleginnen ein Duftspur gelegt, denen die anderen Wespen nur folgen müssen, erklärt der Biologe des Senckenberg Museum für Naturkunde in Görlitz, Sven Büchner. Derzeit wollten die Insekten nur eines: Nahrung und Flüssigkeit für ihren Nachwuchs und die junge Königin. Im Nest sei nämlich das Futter knapp geworden, nachdem die Larven geschlüpft sind. Damit fehlt den Wespen Zuckerwasser, das zuvor die Larven abgesondert hatten.

Dieses Jahr ist ein Wespenjahr

Im Sommer 2022 haben sich die Insekten aufgrund der guten Bedingungen - sie wollen es warm und trocken - schneller entwickelt, als sonst üblich. Nicht nur Wespen, auch Hornissen und andere Wildbienen sind in diesem Jahr etwa drei bis vier Wochen früher dran, hat der Biologe Büchner festgestellt. Er hat als Imker auch eigene Bienenstöcke im Garten. Sein Profi-Tipp lautet: "Immer Ruhe bewahren, nicht rumwedeln oder nach den Tieren schlagen. Dann zücken die Wespen ihren Stachel!" Auch ein Zerstäuber mit Wasser könne gegen kampfbereite Wespen helfen. Diese mögen keinen Regen und ziehen sich deshalb zurück.

Wespe im Garten
Auch Wespen sind begierig auf Kohlenhydrate, denn in den Nestern fehlt das Zuckerwasser, das bislang die Larven absonderten. Bildrechte: imago images/HMB-Media

Finger weg von Insektennestern!

Es gibt einen kleinen Trost: Von insgesamt 30 verschiedenen Wespenarten bereiten den Menschen hierzulande nur zwei Sorgen am Kaffeetisch: Die Deutsche Wespe und die Gemeine Wespe. Ob deutsch oder gemein - Wespen stehen unter Naturschutz. Deshalb dürfen ihre Nester, wie auch die Nester von Hornissen nicht zerstört werden.

Das ist nur mit Genehmigung der Naturschutzbehörden erlaubt, ansonsten drohen Bußgelder. Meist gibt es von den Behörden eine Freigabe, denn 2022 sind meist Kindertagesstätten, Betriebe oder Garagen betroffen. "Die letzten zwei, drei Jahre waren nicht so, wie in diesem Jahr. Es sind enorm viele Nester gebaut worden. Es ist ein Wespenjahr", urteilt der Görlitzer Schädlingsbekämpfer Günter Pusch.

Schädlingsbekämpfer in Arbeitskleidung
Wespen lieben Wärme und Trockenheit, vielleicht ist es deshalb ein Wespenjahr, meint Schädlingsbekämpfer Gunter Pusch. Bildrechte: Uwe Walter

Stiche nicht auf die leichte Schulter nehmen

Selbst als Profi hat Gunter Pusch Respekt vor einem aggressiven Insektenvolk: "Ich hatte etliche Kunden, die alle auf der Intensivstation gelandet sind. Manche waren sogar zwei, drei Tage lang auf der Intensiv." Einem Dachdecker aus Görlitz habe ein Stich fast das Leben gekostet, erzählt Pusch. Der Dachdecker sei schon vielfach gestochen worden. Doch erst der letzte Wespenstich habe bei dem Mann eine extreme allergische Reaktion ausgelöst, erzählt der Schädlingsbekämpfer und warnt: "Auch deshalb sollte man einen Wespen- oder Hornissenstich nicht auf die leichte Schulter nehmen."

Gunter Pusch - Schädlingsbekämpfer
Auch als Profi hat Gunter Pusch Respekt vor den stachelbewehrten Insekten: Wespen- und Hornissenstiche sollte man nicht auf die leichte Schulter nehmen." Bildrechte: Uwe Walter

Wespen- oder Hornissennester - Arbeit für Profis

Wenn Laien versuchen, ungeliebte Nester loszuwerden, kann es für alle Beteiligten schmerzhaft enden. Auch deshalb sollten nur Experten ran. Gunter Pusch ist meist früh morgens oder am frühen Abend unterwegs. Dann herrscht in den Nestern eine gewisse Ruhe. Hektische Bewegungen, aber auch Angstschweiß können Hornissen und Wespen wahrnehmen. Das erhöht ihre Aggressivität. Auch wer einem Nest zu nahe komnmt, versetzt die Insekten in Abwehrbereitschaft. Deshalb schleicht sich Pusch nur aus dem Schatten und nur ganz langsam an ein Nest heran. Dann kommt seine Spritze zu Einsatz. Die gefährlichen Plagegeister vom Mittel werden meist getötet.

Schädlingsbekämpfer bei der Arbeit
In diesem Jahr muss Gunter Pusch besonders viele Wespennester entfernen. Betroffen vielfach Kindertagesstätten. Bildrechte: Uwe Walter

Biologisches Phänomen im Pferdestall

Das Umsetzen der Nester habe sich meist nicht bewährt, denn jedes Volk hat sein Revier. Wird nun ein abgenommenes Nest in einem neuen Revier ausgesetzt, kommt es zwischen den Insekten zum Kampf, bei dem nur ein Volk überlebt, berichtet der Schädlingsbekämpfer. Deshalb sei es erstaunlich und fast ein biologisches Wunder, was sich derzeit in einem Pferdestall unweit von Görlitz abspiele.

Zwei benachbarte Hornissenvölker
Im Pferdestall sind zwei Hornissennester entstanden und ein drittes Volk hat sich am Eingang eingenistet. Bildrechte: Uwe Walter

Drei Hornissenvölker haben sich unter einem Flachdach über den Pferden angesiedelt. Zwei Völker nisten direkt unterm Dach, das dritte Hornissenvolk hat eine Nisthilfe bezogen. Zu beobachten ist, dass die Tiere aus den verschiedenen Völkern streng voneinander abgegrenzte Flugkorridore nach draußen benutzen.

Hornissennest im Nistkasten
Eine Nisthilfe haben die Hornissen an der Front des Pferdestalls bezogen. Bildrechte: Uwe Walter


"Die Pferde haben von den Hornissen wahrscheinlich nichts zu befürchten", sagt Biologe Sven Bücher. "Als die Hornissen angefangen haben, ihre Nester zu bauen, waren die Pferde bereits da. Sie kennen also den Geruch, die Geräusche und den Tagesablauf im Stall." Trotzdem haben die Stallbesitzer ein flaues Gefühl im Magen, beim Blick auf die Stachel bewehrten Untermieter.

Pferd im Stall
Das Pferd steht im Stall und über ihm leben zwei Hornissenvölker in Nestern, so groß wie ein Handball. Bildrechte: Uwe Walter

Hausmittel von A bis Z: Apfelessig und Zwiebel

Um sich vor Stichen zu schützen, sollte man versuchen, sich mit den ungeliebten Plagegeistern zu arrangieren, meint Schädlingsbekämpfer Pusch. Auch er setzt als Profi bei Stichen auf eine frisch aufgeschnittene Zwiebel als Hausmittel. Der Saft der Zwiebel kühle, desinfiziere und sei entzündungshemmend. Ein ähnliche Wirkung wird einer Zitronenscheibe zugeschrieben. Ebenfalls ein altes Hausmittel ist Apfelessig. Er verringert nicht nur dem Juckreiz sondern soll auch das Gift der Wespen auflösen. Kommt es nach einem Stich zu allergischen Reaktionen, geht die Schwellung nicht zurück, gilt: Schnell zum Arzt! Letzteres vor allem auch bei Stichen im Mund oder Hals.

Hornissennest in Stallecke
Ein Hornissennest in einer Stallecke. Knapp drei Meter weiter an einem Pfeiler hat ein anderes Volk ein etwa gleich großes Nest gebaut. Bildrechte: Uwe Walter

Für alle "Wespenhasser" unter denMenschen hat der Görlitzer Schädlingsbekämpfer ein Trostpflaster parat. Die gelb-schwarzen Insekten werden nur noch wenige Wochen am Kaffeetisch nerven. Bereits im September beginnt die Königin mit der Winterruhe und dann sterben alle anderen Tiere ihres Volkes, weiß Günther Pusch.

MDR (uwa)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | Regionalnachrichten Studio Bautzen | 11. August 2022 | 07:30 Uhr

404 Not Found

Not Found

The requested URL /api/v1/talk/includes/html/e0cd2428-b0e0-4e95-8ca9-7452503e5d71 was not found on this server.

Mehr aus Görlitz, Weisswasser und Zittau

Ein Mann geht über eine eingleisige Eisenbahnbrücke
Immer wieder müssen Polizei und Deutsche Bahn Schäden ermitteln, die Buntmetalldiebe und Kabeldiebe an der Neißebrücke in Hirschfelde anrichten. Sie zerschneiden Meldekabel, Signalkabel und Kabelschächte, um das Material zu klauen und das darin befindliche Kupferkabel zu Geld zu machen. Bildrechte: Bundespolizei Ebersbach

Mehr aus Sachsen