Zerrissenheit, Spaltung, Radikalisierung Telefonseelsorge - der tiefe Blick in die Seele der Republik

Tabea Waldmann ist seit 25 Jahren Telefonseelsorgerin. Sie leitet das Diakonische Beratungszentrum im Vogtland und blickt tief in die Seele der Republik. "Wir sind der Seismograph der Gesellschaft", erklärt sie. Im Interview mit MDR SACHSEN spricht sie über Verzweiflung, Ängste, Weihnachten und Trost.

Frau Waldmann, bald ist Weihnachten. Klingeln Ihre Leitungen jetzt häufiger?

Das kann ich nicht sagen. Denn, es klingelt immer. Es gibt keine Zeit, in der das Telefon stillsteht. Wir wissen nicht, wie viele Menschen uns erreichen wollen. In Sachsen betreibt die Diakonie sechs Telefonseelsorge-Stellen in Bautzen, Dresden, Leipzig, Chemnitz, Zwickau und im Vogtland. An sechs Leitungen sitzt immer ein Mitarbeiter am Telefon - sieben Tage die Woche. Ratsuchende müssen immer warten. Doch wenn wir sie in der Leitung haben, nehmen wir uns Zeit. Ein Gespräch dauert eine halbe bis eine dreiviertel Stunde.

Telefonseelsorgerin Tabea Waldmann.
Telefonseelsorgerin Tabea Waldmann leitet die Beratung im Vogtland. Sie kennt die Sorgen und Nöte vieler Menschen. Bildrechte: Tabea Waldmann

Trotz aller Smartphones - die Telefonseelsorge ist also nicht antiquiert?

Nein, auf keinen Fall. Überhaupt nicht, im Gegenteil. Die Anrufe sind in der Corona-Zeit gestiegen. Allein an unserem Standort haben wir vergangenes Jahr etwa 1.000 Gespräche mehr geführt. Insgesamt waren es in Sachsen etwa 62.000 Anrufe. Wiederholungen, Testverbindungen und Aufleger rausgerechnet, führten wir 46.000 Seelsorge-Gespräche. Das bedeutet 126 Anrufer jeden Tag und fünf pro Stunde. Tendenz steigend.

Corona-Tristesse
Corona ist eh' schon schwierig, viele Menschen kämpfen mit Einsamkeit und Überforderung. Kommt winterliche Tristesse dazu, fühlt sich das für viele wie "das Ende der Welt" an. Bildrechte: Quelle/Rechte: Katrin Tominski

Was fällt Ihnen auf?

Bei uns rufen sie Menschen aus einer Vielzahl von Sorgen und Nöten an. Doch man sieht die gesellschaftlichen Prozesse. Tendenzen tauchen bei uns oft eher auf, als sie in der Öffentlichkeit sichtbar werden. Wir sind wie ein Seismograph der Gesellschaft.

Wie präsent ist die Pandemie?

Die Zerrissenheit, die Spaltung, die Verzweiflung und auch die Radikalisierung erleben wir vorher in der Seelsorge. Das spiegelt sich direkt zurück. Alles was Sie da draußen erleben, die Geimpften, die Nichtgeimpften, all' das kommt bei uns an. Viele Anrufer bewegt die Frage: Wie werden wir in Sachsen regiert? Vertritt die Regierung meine Interessen? Geht es nicht auch anders? Hinzu kommt, nicht zu vergessen: Wir haben im Vogtland eine besondere Situation mit der rechtsextremen Kleinstpartei "Der Dritte Weg", die aus Verunsicherung Kapital schlagen will.

Corona-Tristesse
Corona macht die Lichter aus: In so manch kleinen Städten sind abends fast nur noch Imbissbuden auf. Bildrechte: Quelle/Rechte: Katrin Tominski

Was hat Ihre Seelsorge mit Rechtsextremen zu tun?

Mein Blick als Fachfrau in der Seelsorge ist folgender: Viele Menschen hier erleben ihre Selbstwirksamkeit als eingeschränkt. Zugespitzt formuliert fühlen sich machtlos und den äußeren Umständen ausgeliefert. Sie können nichts dagegen tun, wollen aber mitgestalten. Das war bereits während der Flüchtlingskrise ausgeprägt und hat sich jetzt in der Corona-Pandemie wieder verschärft. "Wir werden von Flüchtlingen überschwemmt", hieß es damals. "Die Regierung schränkt die Freiheit ein", heißt es heute. Manche folgen dem Motto: Wenn ich selbst nicht mehr wirken kann, schließe ich mich eben einer Gruppe an, um wieder wirkmächtiger zu sein.

Ist den Menschen bewusst, dass viele Corona-Proteste von Rechten organisiert werden?

Diese Frage stelle ich mir auch. Die Menschen wollen nicht stillsitzen, sondern etwas tun. Das ist natürlich. Jeder möchte lieber handeln als sich machtlos zu fühlen. Und die Pandemie ist in ihrer unsichtbaren umfassenden Wucht eine besondere Herausforderung.

Sie erwähnten den rechtsextremen "Dritten Weg" - ist allen klar, wem sie folgen?

Ich glaube zum Teil. Viele wollen nicht rechts sein. Wenn ich mit denen rede, erklären sie, sie seien nicht rechtsextrem.

Wie reagieren Sie da?

Wir sind nicht politisch, wir bieten Seelsorge an.

Die Frage ist, wie können wir für die Seele der Anrufer sorgen.

Tabea Waldmann Telefonseelsorgerin

Unsere Mitarbeiter sind gut ausgebildet. Sie versuchen aus der Bewertung herauszugehen und nicht zu beeinflussen. Wichtig ist ja vor allem die Frage: Was bedeutet das für den Anrufer selbst? Was heißt das für ihn? Welche Ängste verbergen sich dahinter? Wir dürfen nicht vergessen, es sind ja oft Ängste – und jetzt kommt noch die Pandemie dazu.

Sie stehen also an den glühenden Bruchkanten…

Ja, genauso ist es. Das stellt ja auch für die ehrenamtlichen Seelsorger eine Riesenherausforderung dar. Einerseits sind sie ja auch selbst betroffen und haben eine eigene Meinung. Anderseits müssen sie damit umgehen, dass die Meinung der Anrufer eine andere ist. Sie absolvieren also nicht selten eine Gratwanderung.

Das klingt schwierig!

Das ist schwierig. Doch alle unsere Seelsorger und Seelsorgerinnen habe eine einjährige Ausbildung absolviert, wir tauschen uns intern aus und besprechen schwierige Fälle.

Wir möchten Halt geben, in einer Zeit, die gerade so haltlos erscheint. Wir können nicht heilen, oder lindern, doch wir können trösten.

Tabea Waldmann Telefonseelsorgerin

Was gesellschaftlich passiert können wir ja nur teilweise ändern. Doch wir können lernen, wie wir damit umgehen. Reden hilft. Sich etwas von der Seele zu reden, macht alles leichter.

Haben Sie das Gefühl, dass Ihnen dieser Trost gelingt?

Ich habe nicht nur das Gefühl, sondern glücklicherweise so etwas wie eine vermeintliche Gewissheit. Viele Leute bedanken sich bei uns. Die große Situation ändert sich nicht, doch viele können besser damit umgehen. Ich glaube sehr, dass es wirkt, weil viele auch wieder anrufen.

Sie sprachen von Anrufern quer durch die Gesellschaft. Wer ruft bei Ihnen an?

Allein lebende Menschen, die einsam sind, haben schon immer bei uns angerufen und werden es auch weiter tun. Die meisten Anrufer sind zwischen 40 und 60 Jahre alt. Die 16 bis 30-Jährigen wenden sich meist an unsere Chat-Beratung unterwegs. Dort sind die Themen ganz andere. Gewalt und Suizid spielen eine sechs Mal höhere Rolle als am Telefon. Viele junge Menschen erleben große Existenznöte und sind verzweifelt. Auch Probleme durch die Corona-Einsamkeit im Studium und Schule spiegeln sich dort wieder. Zudem haben wir viele Chatter, die Gewalt in der Familie erleben.

Was raten Sie?

Das ist immer die Frage: Was will der andere? Was braucht der andere? Was braucht jemand, der sich zum Beispiel selbst verletzen will. Ein Ernstnehmen ist der erste große Schritt. Es erleichtert Menschen ungemein, wenn sie das Gefühl haben, dass sie gesehen werden. In einem zweiten Schritt steht die Frage, ist der oder die Anrufende bereit, auf die Veränderung einzugehen und welche Ressourcen stehen dafür zur Verfügung. Ganz oben steht immer der Trost.

Das hört sich relativ dramatisch an.

Das ist dramatisch. Wenn ein junger Mensch schreibt: "Ich weiß nicht mehr, wie ich weiterleben kann. Das Beste ist, ich wäre tot", ist die Seele wirklich in Not und braucht Fürsorge. Diese Fälle haben wir eher im Chat als am Telefon. Am Telefon drehen sich viele Themen um Einsamkeit, Ratlosigkeit und die Frage, inwieweit man aus der Gesellschaft heraus gefallen ist.

Wenn jemand akut gefährdet scheint, was tun Sie? Rufen Sie den Rettungsdienst?

Wir sind eine anonyme Beratung und keine Polizei. Oft wissen wir nicht, wo sich der Anrufende genau aufhält. Unsere Aufgabe ist in erster Linie Hilfe zur Selbsthilfe. Wir überlegen zusammen mit dem Anrufenden, was dieser tun kann. Die Verantwortung bleibt bei dem Menschen selbst. Ich sag' immer: Wer mich anrufen kann, kann auch einen Krankenwagen anrufen. Unsere Hilfe kann ermutigen, sich selbst Hilfe zu holen. Dazu gehört auch die Frage: Was brauche ich überhaupt in der entsprechenden Situation?

Viele wissen das nämlich in ihrer Krise nicht mehr und können deswegen gar nicht auf sich selbst reagieren. Doch wie soll es mir bessergehen, wenn ich nicht weiß, was mir guttut? Jeder Mensch hat die Kräfte in sich, wir können eigentlich die Dinge lösen. Ich führe in solchen Momenten gern das Bild "Wanderer im Nebel" von Caspar David Friedrich an. Vieles wissen wir nicht genau, die Umgebung ist nur durch Umrisse erkennbar. Wir müssen einfach nur losgehen und brauchen jemand, der uns in diesem Moment die Richtung weist.

Viele haben vor den Folgen der Pandemie für Kinder und Jugendliche gewarnt. Zu Recht?

Ja, das kann ich bestätigen. Wir haben ja auch eine Erziehungsberatungsstelle im Haus und begleiten Familien. Viele von ihnen wären nie zu uns gekommen, wenn es kein Corona gäbe.

Ein Schulkind aus Bayern hat wegen der Corona-Pandemie einen Corona-Schnelltest gemacht. 109 min
Bildrechte: imago images/MiS

Gibt es auch Themen, bei denen Corona keine Rolle spielt?

Ganz viel dreht sich um Beziehungsthemen. Familie, Beziehung und Kinder, die persönlichen Nöte spielen große Rolle. In alles schwappt jedoch Corona immer wieder mit rein.

Kontakt zur Telefonseelsorge Sachsen Die Telefonseelsorge ist da für Menschen in Not - wenn Ereignisse erschüttern, eine schwere Diagnose verkraftet werden muss, Ängste oder psychische Belastungen einengen, die Lage aussichtslos erscheint.

Rufnummer 0800-111 0 111 oder 0800-111 0 222.

Im Freistaat gibt es 370 Telefonseelsorger, 60 davon arbeiten im Vogtland.

Ihre Mitarbeiter arbeiten ehrenamtlich?

Ja, allein im Vogtland arbeiten 60 Ehrenamtliche seelsorgerisch. Die Leute bekommen eine Super-Ausbildung, die ein Jahr dauert. Gleichzeitig besprechen wir intern die Fälle, beraten uns gegenseitig und absolvieren Weiterbildungen. Erst neulich habe ich einen Fachtag organisiert mit einer Politikwissenschaftlerin wegen der aktuellen Lage.

Reicht Ihr Personal?

Wir brauchen immer neue Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen und bilden jedes Jahr aus. Wer Interesse hat, kann jederzeit vor Ort nachfragen sich auf der Webseite informieren oder uns anrufen (Telefon: 03744 -83 12 26). Die Ausbildung ist kostenfrei und dauert etwa 150 Stunden.

Wie sind Sie zu Weihnachten erreichbar?

Unsere Telefonseelsorge ist rund um die Uhr 24 Stunden, auch an den Feiertagen, besetzt.

Was wünschen Sie sich als Seelsorgerin zu Weihnachten?

Ich wünsche mir, dass es uns gelingt, dass wir tolerant miteinander umgehen. Dass wir unsere Meinungen akzeptieren und eine Akzeptanz dafür entwickeln, was dem anderen wichtig ist.

Die Grundsätze der Telefonseelsorge

  • Die Nummer der Anrufenden erscheint nicht auf dem Display der Telefonseelsorge. Sie bleiben anonym.
  • Ein Anruf bei der Telefonseelsorge ist gebührenfrei.
  • Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr erreichbar.

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