Leben mit Handicap Diese Schwierigkeiten hat eine Blinde aus Chemnitz in der Corona-Pandemie

Seit zwei Jahren bestimmt die Corona-Pandemie unser Leben. Für viele sind die Einschränkungen im täglichen Leben eine Belastung. Noch mehr trifft es aber Menschen mit Handicap. Für Sehbehinderte sind bereits einfache Dinge wie Abstand halten eine große Herausforderung. Wir haben eine Betroffene in Chemnitz in ihrem Alltag begleitet.

Eine Frau im mittleren Alter mit dunklen Haaren und dunkler Jacke beantwortet Interviewfragen
Für blinde Menschen wie Kathrin Gießner sind die Corona-Beschränkungen eine besondere Herausforderung. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der Weg zur Poststation ist Kathrin Gießner bestens vertraut. Mehrmals in der Woche besucht die Chemnitzerin die kleine Filiale für ihre Erledigungen. Allerdings steht sie dabei jedes Mal vor einem Problem. Die 43 Jahre alte Frau, von Geburt an blind, weiß nicht, wieviele Menschen bereits im Laden sind oder ob vor der Tür gar eine Schlange steht.

Ich bekomme nicht mit, wo das Ende der Schlange ist und ob das jetzt wirklich 1,50 Meter Abstand sind.

Kathrin Gießner Sehbehinderte aus Chemnitz

Daher beteht immer die Gefahr, dass die Chemnitzerin auf eine Schlange aufläuft. Das passiere auch, weil sie nicht nicht hören könne, ob jemand gerade irgendwo steht, wenn sich die Personen nicht bewegten, erklärt Gießner.

Eine Frau mit dunkler Jacker und dunklem Rucksach spricht in einem Postladen mit einer Verkäuferin mit schwarzem Mundschutz
Ist es zu ruhig im Postladen, weiß Kathrin Gießner nicht, wie viele Menschen schon vor ihr im Laden sind. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Es sind die kleinen Dinge, die in der Pandemie schnell zu großen Problemen für Sehbehinderte werden. Die Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel zum Beispiel. Blinde und Sehbehinderte können nicht erkennen, ob Haltestellen oder Busse vielleicht überfüllt sind. Zudem sehen sie nicht, wer Maske trägt oder nicht.

Neben dem privaten Alltag gibt es laut dem Blinden- und Sehbehindertenverband Sachsen auch Nachteile in der Arbeitswelt. Stichwort Homeoffice und digitale Zertifikate.

Das hat natürlich für uns große Herausforderungen mit sich gebracht, weil aufgrund des Alters oder der technischen Ausrüstung nicht alle daran teilnehmen können.

Andreas Schneider Blinden- und Sehbehindertenverband Sachsen

Unterm Strich koste die Technik Geld. "Und das ist nicht so vorhanden in unseren Kreisen", sagt Schneider.

Kathrin Gießner will sich von all dem nicht entmutigen lassen. Die Corona-Pandemie sei schließlich für alle eine Belastung. Nur ein bisschen mehr Rücksicht und Verständnis von den sehenden Mitmenschen wäre toll.

Manchmal würde man sich schon mehr Aufmerksamkeit wünschen, dass Leute mehr auf ihre Umgebung achten, wer da vielleicht noch hinter einem kommen könnte.

Kathrin Gießner Sehbehinderte aus Chemnitz

Auch Hinweise, dass jemand der Letzte in der Reihe sei oder wann es in der Schlange weitergehe, wären schön, erläutert Gießner.

Eine Frau mit schwarzer Jacke und weißer Corona-Maske steigt in einen blauen Bus
Auch im ÖPNV gibt es für Blinde Fallstricke - wie voll ein Bus ist und ob alle eine Maske tragen, können sie nicht erkennen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Quelle: MDR(sth/sb)

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR SACHSENSPIEGEL | 15. Januar 2022 | 19:00 Uhr

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