Sensationsfund Grabungen: Jüdisches Ritualbad in Chemnitz gefunden

In Chemnitz untersuchen Archäologen ein rund 10.000 Quadratmeter großes Areal, auf dem Wohnungen und ein Supermarkt entstehen sollen. Dabei sind sie auf ein jahrhundertealtes jüdische Ritualbad, eine Mikwe, gestoßen. Nur in Görlitz ist eine Mikwe erhalten, bei der allerdings keine archäologischen Grabungen vorgenommen wurden.

Auf einer Ausgrabungsfläche sind Mauern eines Brunnens und eines Tauchbeckens aus gebrannten Ziegeln freigelegt.
Die Mauerreste gehören zu einem jüdischen Ritualbad, einer Mikwe, das bei Ausgrabungen in Chemnitz entdeckt wurde. Bildrechte: MDR/Thomas Friedrich

Bei Ausgrabungen auf dem Baufeld "Neue Johannisvorstadt" in Chemnitz sind Reste einer Mikwe, eines rituellen jüdischen Tauchbades gefunden worden. Bei den seit Herbst 2021 laufenden Grabungen waren bereits Reste späterer Bebauung gefunden worden. Den wesentlich älteren Fund, der nun ausgegraben wurde, bezeichnete die sächsische Landesarchäologin Regina Smolnik als Sensation. "Solche Keller-Mikwen kennen wir bis jetzt nur aus Bayern, Hessen und Brandenburg. In Sachsen ist nur eine solche Mikwe in Görlitz bekannt." Die sei jedoch nicht archäologisch betreut ausgegraben worden.

Die sächsische Landesarchäologin Regina Smolnik steht auf einem überdachten Grabungsfeld.
Die sächsische Landesarchäologin Regina Smolnik bezeichnete die Mikwe als Sensationsfund. Bildrechte: MDR/Thomas Friedrich

Die Chemnitzer ist die erste dokumentierte und archäologisch freigelegte Mikwe, die wir in Sachsen überhaupt haben.

Regina Smolnik

Altersbestimmung der Mikwe wird ein Puzzlespiel

Das genaue Alter kann derzeit noch nicht festgestellt werden. Die Archäologen können nur eine grobe Einordnung geben, sagt Grabungsleiter Peter Hiptmair. "Sicher ist, dass die Mikwe in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zugeschüttet worden ist." Das habe man anhand von Münzfunden feststellen können. "Der andere Anhaltspunkt sind die verbauten Ziegel, die ein sogenanntes Klosterformat haben. Solche Ziegel wurden bis ins 16. späte Jahrhundert produziert." Daraus ließe sich zumindest ableiten, dass die Mikwe vor dieser Zeit entstanden sein müsse. Landesarchäologin Smolnik ergänzt: "Wir suchen nun auch nach historischen Quellen, die uns zum Beispiel zu Namen von Grundstückseigentümern führen kann." Das werde aber Zeit brauchen. "Oft sind das zufällige Quellen wie Rechnungen, Abgaben oder Gerichtsurteile, die solche Angaben enthalten." Der Beweis dafür, dass es eine jüdische Bevölkerung gegeben habe zu dieser Zeit, sei mit der Mikwe erbracht. Weitere Hinweise müssten erforscht werden.

Ein Ziegelstein mit vier Längsrillen als Spuren der Bearbeitung, ein sogenannter Klosterstein.
Solche Ziegelsteine im sogenannten Klosterformat haben den Archäologen verraten, dass die Mikwe vor dem späten 16. Jahrhundert entstanden sein muss. Bildrechte: MDR/Thomas Friedrich

Mikwe Mikwe (hebr. zusammenfließen) bezeichnet sowohl das Gebäude für das rituelle Tauchbad in einer jüdischen Gemeinde als auch dieses Tauchbad selbst.
Der Bau der Mikwe, Menge und Herkunft des Wassers sind genau geregelt. So muss die Mikwe mindestens 750 Liter Wasser natürlicher Herkunft, also Regen-, Schnee-, Eis-, Fluss-, See- oder Meerwasser, enthalten, weshalb sie oft auf dem Niveau des Grundwassers angelegt wird.
Der Zweck der Mikwe ist nicht das Erlangen hygienischer, sondern allein das ritueller Reinheit. Als rituell unrein gilt nach jüdischer Tradition zum Beispiel Blut oder das Berühren von Toten. Die körperliche Reinheit hängt untrennbar mit der geistigen Reinheit zusammen.

Eine spezielle Form der Mikwe war die sogenannten Kellermikwe. Sie entstand im Zuge der Einweisung der Juden in getrennte Wohnviertel nach den Pestpogromen im 14. Jahrhundert. In versteckten Lagen grub man vom Keller eines Wohnhauses enge Schächte bis auf das Grundwasserniveau und hob dort ein nur badewannengroßes Tauchbecken aus. Jüdische Gemeinde zu Berlin / Projekt Judentum

Für die Planer, die seit sechs Jahren an dem Projekt "Neue Johannisvorstadt" arbeiten, bedeutet der Fund einiges Kopfzerbrechen, sagt lachend Architekt Uwe Schumann. "Wir hatten ja ein multifunktionales Gebäude geplant. Doch die Mikwe ist schon eine neue Funktion, von der wir auch erst seit vier Wochen wissen und die im Gebäude unterzubringen ist." Es sei im Dialog mit den Archäologen schnell klar gewesen, dass die Mikwe, so wie sie ist, an diesem Ort bleiben werde. "Wir sind im Gespräch darüber, wie das in den Gesamtkontext des Gebäudes eingebunden werden kann." Eine Herausforderung sei dabei das Grundwasser, dass bei dem Neubau durch tiefe Spundwände ferngehalten werden müsse. "Wir planen, die Mikwe quasi mit einer 'Einhausung' vom restlichen Baugrund abzutrennen. Dann kann dort der Grundwasserspiegel auf dem jetzigen Stand stehen und die Mikwe bleibt mit Wasser gefüllt", sagt Schumann.

Auf einer Zeichnung sind der Grundriss einer Mikwe und moderner Baupläne zu sehen
Architekt Uwe Schumann kann sich vorstellen, die Mikwe "einzuhausen" und so vom restlichen Baugrund zu trennen. Bildrechte: MDR/Thomas Friedrich

Nach dem Pressetermin am Mittwoch haben die Archäologen sofort damit begonnen, die Anlage wieder aufzufüllen. Damit soll verhindert werden, dass während der Tiefbauarbeiten im direkten Umfeld die fragile Struktur der Mikwe Schaden nimmt. Über den weiteren Umgang mit dem Sensationsfund soll dann in den kommenden Monaten entschieden werden.

Auf einer Ausgrabungsfläche sind Mauern eines Brunnens und eines Tauchbeckens aus gebrannten Ziegeln freigelegt.
Vorerst wird die Mikwe wieder verfüllt, um sie bis zu einer endgültigen Entscheidung über den weiteren Umgang mit dem Fund zu schützen. Bildrechte: MDR/Thomas Friedrich

MDR (tfr/nk/sb)

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Sachsenspiegel | 23. Februar 2022 | 19:00 Uhr

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