Erlebnis Naturkundemuseum 330 Millionen Jahre alter Urzeit-Hai schwimmt durch Chemnitz

Was macht ein Haifisch in Chemnitz? Er ist hier zu Hause. Oder besser: er war es. vor 330 Millionen Jahren tummelten sich die Raubfische in der Region. Im Naturkundemuseum Chemnitz ist den versteinerten Resten neues Leben eingehaucht worden.

In einer Vitrine ist die Nachbildung eines urzeitlichen Haifischs ausgestellt
Xenacantus heißt dieser Hai, der sich vor 330 Millionen im Gebiet des heutigen Chemnitz tummelte. Bildrechte: MDR/Thomas Friedrich

Ein gut ein Meter langer Haifisch empfängt seit einigen Tagen im Naturkundemuseum Chemnitz die Besucher. Seine Vorfahren sind auch schon in der Gegend unterwegs gewesen. Denn der Einstachelhai namens Xenacanthus hatte im Chemnitzer Raum seine Kinderstube. Allerdings ist das schon einige Zeit her, weiß der Direktor des Museums, Ronny Rößler. "Vor etwa 330 Millionen Jahren haben hier Haie in einem Flussdelta gelaicht. Haie haben bis heute überlebt und sich durchgesetzt. Dass das in Chemnitz mal losging, das hat Charme, finde ich."

Wir haben hier Teile eines solchen Hais gefunden. Das ist der älteste Fund weltweit.

Dr. Ronny Rößler Direktor des Naturkundemuseums Chemnitz

"Der Fund selbst besteht aus den Hai-Eiern und dem sogenannten Nackenstachel, der 1997 gefunden wurde", sagt Rößler. Das sei eine Sensation gewesen, weil fossile Körperreste sehr selten gefunden würden. "Ein Sammler hat diesen Stachel im Chemnitzer Stadtteil Glösa gefunden. Nun haben wir eine sehr gute Ergänzung zu den zahlreichen versteinerten Eiern, die wir schon entdeckt haben." Das Gebiet des heutigen Chemnitz habe zu Lebzeiten des Xenacanthus allerdings noch in Äquatornähe gelegen, erklärt Rößler. Das Flussdelta, in dem die Haie ihre ungewöhnlich geformten Eier abgelegt hätten, sei von tropischen Pflanzen gesäumt gewesen.

Nachbildung eines spiralförmigen, urzeitlichen Haifischeis
So spiralförmig sahen die Eier des urzeitlichen Hais aus. Sie sind aus den in Chemnitz gefundenen Fossilien rekonstruiert worden. Bildrechte: MDR/Thomas Friedrich

Prähistorischer Hai trifft Holzkunst aus dem Erzgebirge

Das Naturkundemuseum beauftragte 2021 den Lößnitzer Holzkünstler Robby Schubert, ein lebensgroßes Modell des Einstachelhais zu schnitzen. Allerdings gab es dafür nur wenige Vorlagen, was den Holzbildhauer vor ganz ungewöhnliche Herausforderungen stellte. "Bei so einem wissenschaftlichen Projekt stößt man an Grenzen", sagt Schubert. Nicht alles sei darstellbar. "Für mich ist es wichtig, ich habe eine Abbildung. Je detaillierter sie ist, umso besser ist dann das Ergebnis." Schwierig werde es bei einem solchen Projekt, nach der Fantasie zu arbeiten.

Die ungewöhnlich geformten Eikapseln, die die Haie seinerzeit beim Laichen ins Röhricht gehängt haben, erforderten auch eine ungewöhnliche Technik für den Nachbau. "Mein Vater ist Drechsler und hat mir die Grundkörper gedrechselt. Und dann habe ich in einer Schnitttechnik versucht, aus einem harten Material Bänder zu schneiden, die ich dann eingeklebt habe.“

Holzbildhauer Robby Schubert steht in einer werkstatt an einer Werkbank mit Holzwerkzeugen
Für die komplex geformten Eikapseln, die Holzbildhauer Robby Schubert für das Naturkundemuseum Chemnitz angefertigt hat, musste er auch zu ungewöhnlichen technischen Mitteln greifen. Bildrechte: MDR/Thomas Friedrich

Hai hilft Museumspädagogin

Museumspädagogin Isabelle Ehle war maßgeblich an dem Projekt beteiligt, aus den versteinerten Abdrücken einen Hai nebst Gelege entstehen zu lassen. "Wir haben im Museum Angebote für Menschen mit schwerer geistiger und körperlicher Beeinträchtigung." Für sie werde bei Erklärungen zum Beispiel ein neuzeitliches Haigebiss zum Ertasten genutzt.

"Um die Verbindung zu Chemnitz herzustellen, gab es schon ein kleineres Modell des prähistorischen Einstachelhais, das man ebenfalls anfassen kann." Der neue "große Bruder" in der freistehenden Vitrine werde nun eingesetzt, um zum Beispiel Gruppen, die auf den Rollstuhl angewiesen sind, anschauliche Beispiele zeigen zu können. Dazu kämen dann weitere Elemente wie Riechen und Tasten. "Bis wir ein großes Modell hatten, war es ein langer Weg", sagt Ehle. "Wir haben Entwürfe gemacht, die wir gemeinsam mit Wissenschaftlern dann noch überarbeitet haben." So habe man für den Holzbildhauer die Vorlagen erstellen können.

Isabelle Ehle, Museumspädagogin des Naturkundemuseums Chemnitz, vor einem Wandbild, das einen frühzeitlichen Wald zeigt
Museumspädagogin Isabelle Ehle nutzt das Hai-Modell auch für ihre Arbeit mit Menschen mit schwerer geistiger und körperlicher Beeinträchtigung. Bildrechte: MDR/Thomas Friedrich

Der Xenacanthus schwimmt nun ganz präsent im ebenfalls neu eingerichteten Erlebnisraum des Chemnitzer Naturkundemuseums und soll in Zukunft das Interesse der Besucher auf die vielen Geschichten lenken, die in den fossilen Funden verborgen sind..

Haifische in Chemnitz - Vor etwa 330 Millionen Jahren lag die Fläche von Chemnitz nahe dem Äquator, das Klima war tropisch feucht.

- Wissenschaftler gehen davon aus, dass ein breiter Fluss und dichte Vegetation die Landschaft hier bestimmten. Sie vermuten auch ein Delta und eine Küste in der Nähe.

- Geologische Funde von Haifisch-Eiern belegen einen Laichplatz der Tiere. Mit einem Alter von etwa 330 Millionen Jahren handelt es sich um die älteste fossile Brutstätte von Haien weltweit.

- Bereits Ende des 19. Jahrhunderts wurden derartige Eikapseln in den Formsandgruben von Chemnitz-Borna gefunden. Der Paläobotaniker Christian Ernst Weiß nannte sie Fayolia sterzeliana - zu Ehren des ersten Direktors des Museums für Naturkunde Chemnitz Johann Traugott Sterzel (1841-1914).

MDR (tfr/rk)

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | SACHSENSPIEGEL | 05. Februar 2022 | 19:00 Uhr

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