Soziales Engagement Tafeln kämpfen mit Benzinpreisen und fehlenden Spenden

Hohe Benzinpreise machen zurzeit nicht nur Pendlern zu schaffen. Auch die Tafeln sind davon betroffen. Wie genau wirken sich die Benzinpreise auf die Arbeit der Tafeln aus? Und vor welchen Herausforderungen stehen die gemeinnützigen Vereine noch?

Lebensmittel werden in der Ausgabestelle der Essener Tafel einsortiert.
Die Tafeln versorgen viele Menschen mit Lebensmitteln. Durch gestiegene Benzinpreise und fehlende Lebensmittelspenden muss diese Hilfe nun teilweise eingegrenzt werden. (Symbolbild) Bildrechte: dpa

Die Stollberger Tafel muss ihren Lieferdienst für alte und kranke Kunden vorübergehend einstellen. Auch die Fahrt ins zentrale Tafellager nach Dresden, um die Lagerbestände aufzufüllen, fällt in dieser Woche aus. Grund sind die hohen Spritpreise, so Tafelchefin Annerose Aurich.

"Wir haben einfach nicht das Geld, um diesen Transporter zu betanken und die Leute hier anzufahren, in Lugau, Oelsnitz, Stollberg, bis teilweise nach Zwönitz", erzählt sie. "Das geht im Moment nicht." Deswegen werde der Lieferdienst ausgesetzt und die Betroffenen können sich ihre Waren in der Ausgabestelle holen. "So lange wie wir noch Ware haben. Auch das nimmt immer mehr ab", sagt Aurich.

Viele Lebensmittel liegen nebeneinander. 9 min
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Exakt Mi 26.01.2022 20:15Uhr 09:22 min

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In Chemnitz gibt es keine Auslieferung an private Haushalte, da es dafür kein Personal gibt. In Zwickau wird das Geld für den Sprit gesponsert, deshalb ist da die Situation nicht ganz so heikel.

Tafeln überdenken Routen

Dennoch haben die Verantwortlichen der Tafeln in Zwickau und Chemnitz auf Anfrage von MDR SACHSEN angegeben, dass sie jetzt ihre Routen überdenken. Eventuell sollen einige Touren zusammenlegt werden. Auch werde in den Lebensmittelmärkten vorab einmal mehr angerufen und nachgefragt, ob es sich wirklich lohnt zu kommen.

Fakten zu den Tafeln in Sachsen • In Sachsen waren 2020 insgesamt 44 Tafeleinrichtungen mit bis zu ca. 200 stationären und mobilen Ausgabestellen tätig.
• 43 Tafeln davon sind im Landesverband Tafel Sachsen e.V. organisiert. Alle Einrichtungen sind Mitglied im Bundesverband Tafel Deutschland e.V.
• 18 Tafeln befinden sich in Trägerschaft von Wohlfahrtsverbänden und regional tätigen, sozialen Einrichtungen. Die übrigen arbeiten auf Grundlage juristisch selbständiger Vereine.
• Im Jahr 2020 wurden ca. 200.000 sozial bedürftige Bürgerinnen und Bürger regelmäßig oder vorübergehend mit Lebensmittelspenden und Waren des
täglichen Bedarfs durch sächsische Tafeln versorgt. Quelle: Landesverband Tafel Sachsen e.V.

Bei den gestiegenen Lebensmittelpreisen würden vor allem ältere Menschen und Rentner jetzt verstärkt zu den Tafeln kommen. Besonders diejenigen, deren Rente gerade so über dem Existenzminimum liegt, sind betroffen, sagt Ralf Hutschenreuther von der Zwickauer Tafel.

Aufnahmestopp neuer Kunden in Zwickau und Chemnitz

In Zwickau gibt es einen Aufnahmestopp, sechs von neun Tafelausgabestellen nehmen keine Neukunden mehr an. In Chemnitz sieht es ähnlich aus. Dort gebe es Hoffnung, ab Anfang Mai wieder Kunden aufnehmen zu können.

Frischwaren fehlen in Chemnitz und Stollberg

Bei der Chemnitzer Tafel ist das Lager voll, allerdings mit Lebkuchen, Schokoweihnachtsmännern und Chips. Trockenwaren und Konserven gebe es noch genug. Diese sind aber als Spenden von der Bevölkerung gekommen.

Was fehlt sind Frischwaren wie Käse, Wurst, Joghurt und Feinkostsalate. Das gilt auch für die Stollberger Tafel. In Zwickau sind die Lager hingegen noch gut gefüllt.

Lebensmittelspenden von Supermärkten sinken

Schon im Jahr 2020 waren die Lebensmittelspenden an die Tafel Chemnitz gesunken, erzählt Christiane Fiedler, Chefin der Chemnitzer Tafel. "Und im Jahr 2021 waren es noch einmal fünf Prozent weniger, was wir an frischen Waren von den Märkten abholen konnten", sagt sie. Die Tafel sei deshalb darauf angewiesen, zusätzliche Waren von produzierenden Firmen zu bekommen. "Aber da haben wir in unserem Umfeld leider nicht so viele", so Fiedler.

Der Rückgang der Spenden hänge vor allem mit der Logistik der Supermärkte zusammen, erklärt Fiedler. "Sie kalkulieren anders und haben ihre Warenbestellsysteme anders eingerichtet." Doch auch die Corona-Pandemie sei ein Grund. "Vor allem in den Lockdowns als viele Menschen zu Hause waren, da haben wir Zeiten gehabt, wo wir fast nichts von den Läden bekommen haben", sagt Fiedler. Die Menschen hätten sehr viel eingekauft, um sich zu Hause zu versorgen.

Lebensmittelspenden für Flüchtlinge

In Chemnitz würden auch Flüchtlinge aus der Ukraine versorgt, so Fiedler. "Wir sind mit gelistet über das Freiwilligenzentrum, dass wir hier Lebensmittelspenden entgegennehmen", sagt sie. "Wir trennen das auch ganz klar, dass wir sagen, das ist für die normalen Kunden, und das bekommen nur die Flüchtlinge, die aus der Ukraine kommen und die Hilfe suchen."

MDR (al/mdc)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | Regionalreport aus dem Studio Chemnitz | 08. März 2022 | 16:30 Uhr

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