Impfdebatte Jedes zehnte Kind ab zwölf Jahren in Sachsen gegen Corona geimpft

Eltern wird die Entscheidung schwer gemacht, ob sie ihre Kinder gegen das Coronavirus impfen lassen sollen oder nicht. Die medizinischen Empfehlungen der Impfkommissionen des Landes und des Bundes decken sich nicht. Und von politischer Seite gibt es zunehmend Druck.

Ein Mädchen bekommt eine Corona-Impfung
Die Sächsische Impfkommission empfiehlt die Corona-Schutzimpfung bei allen Kindern ab zwölf Jahren. Bildrechte: imago images/Sven Simon

In Sachsen sind 21.396 Kinder und Jugendliche im Alter von zwölf bis 17 Jahren vollständig gegen das Coronavirus geimpft. Das geht aus der Impfstatistik des Robert-Koch-Instituts hervor (Stand 4.8.21) und entspricht gut zehn Prozent der Minderjährigen in dieser Altersklasse. Damit liegt Sachsen im Ländervergleich im Mittelfeld. Die höchste Impfquote hat Baden-Württemberg mit 14 Prozent, die niedrigste Mecklenburg-Vorpommern mit 6,9 Prozent.

Seit Ende Mai können in Sachsen Kinder ab zwölf mit bestimmten Vorerkrankungen in Arztpraxen eine Corona-Schutzimpfung erhalten. Seit Anfang Juni ist für Jugendliche ab 14 auch ein Termin im Impfzentrum möglich. Voraussetzung ist die Einwilligung der Sorgeberechtigten. Geimpft wird mit dem Vakzin von Biontech. Seit dem 23. Juli ist außerdem der Impfstoff von Moderna für diese Altersgruppen zugelassen. Man wolle demnächst auch für Kinder ab zwölf die Impfung in Impfzentren ermöglichen, heißt es aus dem sächsischen Sozialministerium.

Experten sind sich uneins

Ende vergangene Woche hatte die Sächsische Impfkommission (Siko) eine allgemeine Impfempfehlung für alle Kinder ab zwölf Jahren ausgesprochen - auch für diejenigen ohne Vorerkrankungen. Bislang galt eine Impfempfehlung nur für Jugendliche ab 16 Jahren und für zwölf- bis 15-Jährige nur bei speziellen Vorerkrankungen. Die allgemeine Impfempfehlung wurde auf Grund neuer Daten aus den USA und Israel gegeben, sagte der Infektiologe und Siko-Leiter Thomas Grünewald. Der Nutzen der Impfung überwiege ihre möglichen Nebenwirkungen, ist er überzeugt.

Stiko gibt keine allgemeine Impfempfehlung

Dagegen hat die Ständige Impfkommission des Bundes, die Stiko, keine allgemeine Impfempfehlung gegeben - trotz erheblichen Drängens der Gesundheitsminister der Länder. "Sie müssen immer unterscheiden zwischen dem, was man macht unter dem Gesichtspunkt: 'Es wird sicherlich nicht schaden und wahrscheinlich helfen' und einer evidenz-, also ergebnisbasierten Empfehlung", sagte dazu Stiko-Chef Thomas Mertens. Im Fall der Corona-Impfung für Kinder ist der Stiko die Studienlage noch zu dünn. Daten zu möglichen Nebenwirkungen und Folgeschäden reichten noch nicht für eine allgemeine Empfehlung aus, zumal Kinder und Jugendliche selten schwer an Covid erkranken.

Medizinische versus politische Entscheidung

Der Medizinethiker Urban Wiesing hat die Zurückhaltung der Ständigen Impfkommission (Stiko) bei einer Impfempfehlung für Kinder verteidigt. Er sagte, die Stiko müsse die Erkenntnisse sammeln, die man zu den Impfungen bei Kindern habe. Wenn sie sage, dass sie noch keine Daten habe, könne sie auch noch keine Empfehlung geben. Wiesing ist Mitglied der Wissenschaftsakademie Leopoldina in Halle. Er meinte, letztlich sei es aber eine politische Entscheidung, ob man die Kinder impfe.

Ärzteinitiative fordert mehr Transparenz

Genau diese Entwicklung beobachtet die Ärzteinitiative "Mein Essen zahl' ich selbst - Mezis" mit großer Sorge. Die gemeinnützige Organisation war ursprünglich entstanden, um den Einfluss der Pharmaindustrie auf Ärzte transparenter zu machen. Jetzt erlebe man, wie die Politik versuche, mit großem Druck Einfluss auf medizinische Expertengremien und deren Impfempfehlung auszuüben, kritisierte Mezis-Vorstand Manja Dannenberg. "Ein Vorgehen, das wir bislang nur von Arzneimittel- und Medizinprodukteherstellern kennen. Auch werden ähnliche Strategien bedient: Ängste ansprechen, Risiken suggerieren, Datenrealitäten geschickt interpretieren", sagte Dannenberg. 

Natürlich wird bei der derzeitigen Impfkampagne - legitimes - politisches Interesse spürbar. Die Diskussion, ob dieser Druck momentan in die richtige Richtung geht und nicht andere Maßnahmen Vorrang haben sollten, sollte geführt werden.

Manja Dannenberg Ärztin und Mezis-Vorstand

Als Ärzte und Ärztinnen, die das Wohl des einzelnen Patienten im Blick haben, verlasse man sich auf Bewertungen von Fachgesellschaften, wie Dannenberg erklärte. Auch hier sei Transparenz wichtig. "Während die Ständige Impfkommission mittlerweile die Vita und möglichen Interessenkonflikte ihrer Mitglieder transparent darstellt, lässt die Sächsische Impfkommission diese missen: Es gibt keine näheren Informationen zu den dort vertretenen Experten, das Bewertungsverfahren wird nirgendwo nachvollziehbar dargestellt", bemängelte die Ärztin.

24 Meldungen von Nebenwirkungen

Seit der Zulassung des Biontech-Impfstoffs Ende Mai für Kinder zwischen zwölf und 15 Jahren hat das Paul-Ehrlich-Institut in dieser Altersgruppe deutschlandweit bisher 24 Nebenwirkungsmeldungen erfasst. "Gemeldet wurden fast ausschließlich Lokalreaktionen und bekannte Allgemeinreaktionen. In zwei Fällen war eine stationäre Behandlung erforderlich. In dem einen Fall aufgrund von Übelkeit und Erbrechen und in dem anderen Fall aufgrund grippeähnlicher Beschwerden", teilte Institutssprecherin Susanne Stöcker auf Anfrage mit.

Verdachtsmeldungen auf eine Herzmuskel- oder Herzbeutelentzündung bei Geimpften zwischen zwölf und 15 Jahren gebe es bisher nicht, erklärte Stöcker. Diese Erkrankung war in der israelischen Studie als seltene Nebenwirkung bei geimpften Kinder und Jugendlichen aufgetreten. Die Studie berichtet von drei Fällen einer Myocarditis (Herzmuskelentzündung) auf 200.000 Impfungen. Das Paul-Ehrlich-Institut ist in Deutschland für die Überwachung der Impfstoff- und Arzneimittelsicherheit zuständig. Über ein Online-Formular können hier beispielsweise Nebenwirkungen von Corona-Impfungen gemeldet werden.

Der Landesuntersuchungsanstalt Sachsen (LUA) wurde bisher kein Fall behandlungsbedürftiger Nebenwirkungen bei geimpften Minderjährigen gemeldet, wie das Sozialministerium auf Nachfrage von MDR SACHSEN mitteilte.

Quelle: MDR/ma

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | Nachrichten | 05. August 2021 | 05:30 Uhr

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