Mobilität in Sachsen Sachsen in dritter Corona-Welle fast so mobil wie vor Pandemie

MDR-Volontärin Hanna Lohoff
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Kontakte reduzieren, Mobilität einschränken: zwei Mittel im Kampf gegen das Corona-Virus. Ausgangssperren oder Kontaktbeschränkungen sollen dazu führen, dass die Bevölkerung weniger unterwegs ist und möglichst wenig soziale Kontakte hat. Doch viele Menschen in Sachsen sind aktuell fast so mobil wie vor der Pandemie. Woran liegt das und welchen EInfluss haben die Einschränkungen auf die Mobilität?

Junge Frau mit Maske und Smartphone in der Fußgängerzone
Mobilitätsforscher untersuchen die Bewegung in der Bevölkerung anhand von Mobilfunkdaten. Bildrechte: imago images / Sven Simon

Die Menschen in Sachsen sind aktuell fast genauso mobil wie zu Vor-Pandemie-Zeiten. Im vergangenen Monat lag der Wert nur etwa sechs Prozent unter dem von 2019. Und das, obwohl die Infektionszahlen trotz Einschränkungen weiter steigen. Vor einem Jahr sah das ganz anders aus. Die Menschen blieben zuhause, reduzierten ihre Kontakte auch freiwillig und die Mobilität sank auf bis zu minus 40 Prozent im Vergleich zu 2019.

Beginn der Pandemie: Starker Rückgang der Mobilität

Schon vor dem 22. März 2020 - also vor dem Tag, an dem die ersten Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen in Kraft traten - nahm die Mobilität stark ab. Ganz ohne Verordnungen und Allgemeinverfügungen schränkte sich die Bevölkerung ein und blieb zuhause. Annegret Wolf, Sozialpsychologin an der Martin-Luther-Universität Halle, erklärt, was dahinter steckt:

Am Anfang der Pandemie war das Virus für uns eine Bedrohung, die wir nicht kannten. Der Grund dafür, dass sich die Menschen so stark eingeschränkt haben, war ganz klar die Angst vor dieser Bedrohung.

Annegret Wolf Sozialpsychologin MLU Halle

Das habe dann zur Folge gehabt, dass sich die Menschen erst einmal zurückgezogen haben. "Diese sogenannten Schock-Risiken sind vergleichbar mit Flugzeugabstürzen oder Terroranschlägen; seltene Ereignisse, bei denen viele Menschen in kurzer Zeit sterben können."

Woher kommen die Daten? Die Grundlage für die hier dargestellten Berechnungen sind anonymisierte und aggregierte Mobilfunkdaten aus dem Netz des Mobilfunkanbieters Telefónica. Auch Tablets, Laptops oder Kraftfahrzeuge können über eine Sim-Karte verfügen, weshalb doppelte Zählungen nicht ausgeschlossen werden können. Telefónica hat in Deutschland einen Marktanteil von etwa einem Drittel. Dieser kann regional variieren; Telefónica gibt aber an, die Werte so hochzurechnen, dass sie die deutsche Bevölkerung abbilden. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts ist es allerdings noch nicht ausreichend untersucht, ob die Daten Aussagen für die ganze Bevölkerung oder nur für Nutzerinnen und Nutzer des Mobilfunknetzes treffen können. Die Mobilfunkdaten werden anonymisiert von dem Unternehmen Teralytics aufbereitet und zur Verfügung gestellt.

Pandemiemüdigkeit und Risikogewöhnung führen zu mehr Mobilität

Auch mit der zweiten Welle wurden die Menschen in Sachsen weniger mobil. Der Wert war jedoch längst nicht so niedrig wie zu Beginn der Pandemie. Aktuell ist die Mobilität schon wieder mit den Werten von 2019 vergleichbar - trotz Kontaktbeschränkungen und steigender Neuinfektionszahlen. Sozialpsychologin Wolf erklärt das mit einer zunehmenden Anpassung an die Krise:

Wir gewöhnen uns an das Risiko sowie an die vielen Nachrichten über das Corona-Virus. Diese Risikogewöhnung zusammen mit der langen Dauer der Pandemie und der Tatsache, dass niemand mehr durchblickt, was gerade gilt und was nicht, führt zu einer Pandemiemüdigkeit.

Annegret Wolf Sozialpsychologin MLU Halle

Mobilitätsforscher rät zu kurzen, harten Lockdowns

Die Mobilität ist für Politikerinnen, Politiker und Forschende ein wichtiger Messwert, um das Infektionsgeschehen und die Wirkung von Beschränkungen zu analysieren. Dabei ist der Effekt der Bewegung der Bevölkerung eher indirekt, wie Frank Schlosser, Leiter des "Covid-19 Mobility Project" beim Robert-Koch-Institut (RKI) erklärt. "Die Mobilitätsdaten dienen als Orientierung dafür, wie sich das Verhalten der Menschen verändert, wie stark verschiedene Maßnahmen wirken."

Die Annahme: Wer weniger unterwegs ist, trifft weniger Meschen und trägt damit zur Eindämmung des Virus bei. Deshalb gab es in Sachsen etwa den 15-Kilometer-Radius oder die nächtliche Ausgangssperre. Beides wurde jedoch Anfang März durch das Oberwaltungsgericht in Bautzen gekippt. Doch wie sinnvoll sind diese Regeln? Das ist eine der Fragen, mit denen sich Schlosser und sein Forschungsteam seit Beginn der Pandemie beschäftigen.

Was wir aus der Erfahrung gelernt haben, ist, dass kurze starke Maßnahmen besser sind als langgezogene leichte Maßnahmen. In der aktuellen Situation muss man sagen, dass wir einen starken Lockdown brauchen - so schnell wie möglich und über einen kurzen Zeitraum.

Frank Schlosser Leiter des "Covid-19 Mobility Project" beim RKI

Perspektive und klare einfache Regeln wichtig für Lockdown

Die Mobilitätsdaten für Sachsen zeigen: Vor allem der erste Lockdown im März 2020 und der verschärfte Lockdown im Dezember 2020 haben die Mobilität der Sachsen zurückgehen lassen. Der "Lockdown light", der am 2. November 2020 in Kraft trat, zeigte dagegen kaum eine effektive Wirkung.

Sozialpsychologin Wolf sieht noch einen weiteren Grund dafür, dass die Menschen ihr Verhalten aktuell nicht mehr so stark einschränken wie zu Beginn der Pandemie: "Wir können nichts planen, sehen nicht mehr, was die Einschränkungen gebracht haben und sind der vielen verschiedenen Maßnahmen und Informationen überdrüssig." Sie fordert deshalb eine "einheitliche, verständliche Linie mit einem absehbaren Ende, einer Perspektive."

Am Dienstag hat sich das Bundeskabinett auf eine deutschlandweit einheitlich geregelte Notbremse geeinigt. Eine eindeutige Perspektive und ein Ziel zeigt die Gesetzesvorlage vor ihrer Verabschiedung im Bundestag jedoch bislang noch nicht auf.

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | MDR SACHSENSPIEGEL | 13. April 2021 | 19:00 Uhr

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