Handwerk Friseurmeisterin mit pakistanischen Wurzeln schwört auf deutsches Handwerk

Sehrish Khan wurde 1986 in Pakistan geboren und kam als Kind nach Ostdeutschland. Nach ihrer Schulzeit in Freital absolvierte sie eine Ausbildung zur Friseurin. Heute ist sie staatlich geprüfte Friseurmeistern, hat gerade ihren zweiten Salon in Radebeul eröffnet, schimpft auf ungelernte Barbiere und hält die deutsche Handwerkskunst hoch. Ein MDR SACHSEN-Portrait über ein Leben im Handwerk.

Sehrish Khan
Sehrish Khan hat sich mit ihrem eigenen Salon einen Traum erfüllt. Bildrechte: MDR/Katrin Tominski

Sehrish Khan taucht den Pinsel ein, nimmt eine abgeteilte Strähne in die linke Hand und streicht die Farbe von oben nach unten in die Haare der Kundin. Im Laden prangen Ornamentmuster, rechts hängt ihr Meisterbrief. Sehrish Khan ist jung, Friseurmeisterin und die Chefin zweier eigener Salons in Dresden-Pieschen und in Radebeul.

Mit 16 Jahren, am Ende meiner Schulzeit, war es mein Traum, einen eigenen kleinen Laden zu haben. Dieser Traum ist wahr geworden, auch wenn es ein harter Weg war.

Sehrish Khan Friseurmeisterin Dresden

Sehrish Khan beim Frisieren einer Kundin
Die aus Pakistan stammende Friseurmeisterin schätzt die Qualität im deutschen Handwerk. Bildrechte: MDR/Katrin Tominski

Nicht allein die Ausbildung war fordernd, später auch die Meisterschule, neben der 40-Stunden-Woche als Angestellte. Zudem: Die Meisterschule musste bezahlt werden. Woher Tausende Euro nehmen? Später kam die Suche dazu - nach Startkapital, nach einem Salon, der Einrichtung, Mitarbeitern. "Organisationstalent und der Verzicht auf Freizeit gehören dazu. Es heißt nicht umsonst, selbst und ständig", sagt Sehrish. "Doch jeden Morgen, wenn ich in meinen Laden komme, weiß ich, wofür ich es mache."

In Pakistan geboren

Scheint dieser Lebenslauf für viele nicht ungewöhnlich, ist er für Sehrish das Ergebnis steter Arbeit, gepaart mit Glück und Menschen, die ihr Chancen gaben. Denn Sehrish ist Migrantin. Anfang der 90iger Jahre floh ihre Familie aus Pakistan, sie kam als kleines Kind ins Land. "Die Entscheidung zur Flucht trafen meine Eltern", erinnert sie sich. "Mein Vater war politisch unter Druck, er wollte uns Kindern eine sichere Zukunft bieten."

Angenehmer Start

Ohne ein Wort Deutsch begann Sehrish Khan die Grundschule in Freital. Der Englischlehrer nahm sich ihrer und der Geschwister an, organisierte Deutschstunden. Sehrish spricht heute fließendes Deutsch. "Für uns Kinder war es angenehm, die anderen fanden uns interessant – wegen des Aussehens und unserer Geschichten, die wir erzählten", erinnert sie sich.

Entscheidung für den Osten

Doch warum Freital? Warum ist die Familie in den 90iger Jahren ausgerechnet in den Osten gezogen, der Schlagzeilen mit rechtsextremen Ausschreitungen wie in Hoyerswerda machte? "Mein Vater hat sich explizit für den Osten als neue Heimat entschieden, weil er wollte, dass wir mehr Kontakt mit Einheimischen haben, die Sprache lernen und uns mit deutschen Werten und Gepflogenheiten auseinandersetzen", erzählt Sehrish. "Wir haben vorher in Frankfurt gewohnt. Es ist natürlich nicht hilfreich, wenn ich früh zum Bäcker gehe und gleich pakistanisch rede."

Meisterbrief im Jahr 2016

Meisterbrief Sehrish Khan
Bildrechte: MDR/Katrin Tominski

Sehrish und ihre Geschwister büffelten also deutsch, fanden Freunde, suchten ihren Weg. Nach der Schule in Freital folgte die Ausbildung, später der Meisterbrief im Jahr 2016. Zwischendurch bekam sie die deutsche Staatsbürgerschaft. Ihren ersten Salon öffnete Sehrish im migrantischen Umfeld in der Prager Straße. "Natürlich habe ich das erlebt, dass sich Männer von mir nicht die Haare schneiden lassen wollten, weil ich eine Frau bin. Doch geschenkt."

Von der Kiez-Oma bis zum Hipster

Sehrish ist selbstbewusst, schnell, voller Energie und wirkt wie eine Frau, die sich durchbeißt. Jetzt erst Recht! Sie hatte keine Lust mehr, in Konflikte zwischen Männern rund um den Salon hineingezogen zu werden, suchte einen anderen, ruhigen Ort für ihren Laden, fand ihn in Dresden-Pieschen. Große Panoramafenster ermöglichen den Blick in und aus dem Salon. Elegante Spiegel versprühen Noblesse. Zu Sehrish kommen heute junge und alte Frauen und Männer, Omas und Heiratswillige, Opas und hippe Bartträger. Denn: Sehrish Khan hat einen Barber-Shop integriert. Männer finden hier Styling für gewucherte Kopf- und Barthaare.

Konkurrenz durch Barber-Shops

Barber-Shops, die an vielen Orten wie Pilze aus dem Boden schießen, sind für Sehrish ein Reizthema. "Das Friseurhandwerk sollte mehr geschätzt werden", sagt sie.

Sorgen bereiten uns Preisdumping sowie Salons und Barbershops mit ungelerntem Personal. Sie zerstören unser Handwerk, das international für seine Ausbildung und Qualität bekannt ist.

Sehrish Khan Friseurmeisterin Dresden

Friseursalons dürfe man - wie andere Handwerksbetriebe auch - nur mit einem Meistertitel öffnen, "Dass jetzt viele Ausnahmegenehmigungen erteilt werden, ärgert mich, weil ich einen guten Abschluss und meinen Meister gemacht habe", erklärt Sehrish. Das deutsche Handwerk sei weltweit für seine Qualität bekannt. "Eben durch den geregelten Zugang über Ausbildung und Meisterschule. Das sollte auch so bleiben."

Personalmangel auch beim Haareschneiden

Wie andere Handwerker, könnte Sehrish Khan mehr Personal gebrauchen. "Wir sind ständig auf der Suche, momentan ist es schwer, loyale Leute zu finden", sagt sie. "Viele junge Menschen suchen nach anderen Möglichkeiten. Sie wollen kein stetes Arbeitsleben, sondern ihr Leben genießen." Trotzdem kann Sehrish deren Träume verstehen.

Ich empfehle jedem jungen Menschen – egal ob Migrant oder nicht – in sich reinzuhören, was man für sich erreichen möchte, wofür man steht, was man liebt.

Sehrish Khan Friseurmeisterin Dresden

Sehrish weiß wie es ist, sich ein Leben in einem anderen Land aufzubauen. Deswegen unterstützt sie Migranten privat und stellt sie auch als Mitarbeiter ein. "Bislang habe ich nur gute Erfahrungen gemacht", sagte sie.

Das Problem ist nur, dass viele keine Sicherheit haben. Sie wissen nicht, ob sie bleiben dürfen. Mit einer Perspektive, sind sie sehr motiviert, andernfalls verlieren sie oft den Mut. Dann ist meine Aufgabe als Chefin zu sagen: 'Sieh' mal hier, Du hast das geschafft, das ist keine Selbstverständlichkeit'.

Sehrish Khan Friseurmeisterin Dresden

Viele Stammkunden würden "die Neuen und ihr Handwerk", sehr schätzen. Diese wiederum, könnten die Sprache lernen. "Ein Mitarbeiter hat angefangen und konnte fast kein Wort Deutsch, mittlerweile redet er wie ein Wasserfall", sagt Sehrish. "Im direkten Kontakt lernt sich jede Sprache einfacher".

Quelle: MDR/kt/jk

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Dienstags direkt | 19. Oktober 2021 | 20:00 Uhr

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