Interview Siko-Mitglied erwartet momentan keine allgemeine Impfempfehlung für Kinder

Die Kinderarzt-Praxis von Stefan Mertens aus Radebeul ist aktuell jeden Tag voll mit kranken Kindern. Viele von ihnen sind mit dem Corona-Virus infiziert. Die Situation sei viel schlimmer als im letzten Jahr. Ob eine Impfung der Kinder Erleichterung verschaffen würde und wie er über die offenen Kitas und Schulen denkt, darüber hat MDR SACHSEN-Reporterin Birgit Hettwer mit dem Kinderarzt und Mitglied der Sächsischen Impfkommission gesprochen.

Ein Mann sitzt an einem Schreibtisch.
Stefan Mertens aus Radebeul in Kinderarzt und Mitglied der Sächsischen Impfkommission. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die vierte Welle ist auch in den Kinderarzt-Praxen angekommen. Wie stark spüren Sie die Belastung?

Sehr stark. Wir haben überdimensional viele kranke Kinder in der Praxis. Es sind weit mehr akut Kranke, als in den Jahren zuvor.

Sind die Kinder auch Treiber der Pandemie?

Das ist schwer zu beantworten. Vor einem Jahr hatten wir kaum akut Kranke. Damals waren es zwei bis drei Fälle am Tag. Zurzeit sind 30 bis 40 kranke. Die fünf bis 14-Jährigen sind gerade die, die die Zahlen hochtreiben.

Und trotzdem bleiben die Schulen auf. Ist das eine Fehlentscheidung der Politik? Wie sehen Sie das als Arzt?

Es ist eigentlich versprochen worden, dass die Schulen offenbleiben und die Kinder nicht wieder so leiden müssen, wie im letzten Jahr. Aber ich denke vor dem Hintergrund der jetzigen Situation, werden die Schulen wieder schließen müssen.

Wie schwer wirkt sich die Corona-Erkrankung bei den jungen Erkrankten aus?

Ich habe bisher kein sehr schwer krankes Kind hier in der Praxis gehabt. Ich musste auch noch kein Kind ins Krankenhaus einweisen.

Seit Donnerstag gibt es eine Zulassung der Europäische Arzneimittelbehörde für einen Impfstoff für Kinder. Bringt die Impfung etwas im Kampf gegen die Pandemie?

Es ist schwer zu beantworten, ob das Impfen im Kampf gegen die Pandemie hilft. Auf alle Fälle, ist es erstmal gut, dass die Möglichkeit da ist. Jetzt müssen wir die Datenlage abwarten. Im Moment sollten meiner Meinung nach nur Risiko-Kinder geimpft werden.

Was würden sie Eltern raten, die ihre Kinder impfen lassen wollen?

Der Nutzen und das Risiko müssen abgewogen werden. Wenn die Nebenwirkungsrate höher ist als die Schwere der Erkrankung, dann wird es mit Sicherheit keine Empfehlung der Sächsischen Impfkommission geben. Dazu haben wir aber noch nicht genug Informationen. Ich bin der Meinung, dass chronisch kranken Kinder eine Impfung helfen kann.

Sie sind auch Mitglied der Sächsischen Impfkommission. Hat sich die Kommission schon mit dem Thema der Kinder-Impfungen beschäftigt?

Ja das haben wir. Momentan ist das in Bearbeitung. Mit Stand heute wird es keine allgemeine Empfehlung geben, sondern nur eine für chronisch kranke Kinder. Die Informationen und Daten ändern sich allerdings ständig. Deswegen kann es sein, dass wir in zwei Wochen ganz neue Informationen haben und unsere Empfehlung ändern werden.

Wo holen sich die Kinder ihre Erkrankung?

Ich habe in der letzten Zeit beobachtet, dass vermehrt Eltern kommen, die ihre Kinder testen lassen, weil Erzieher die nicht geimpft sind, positiv getestet wurden. Das darf nicht sein, wenn wir das Ziel haben, dass Kitas und Schulen offenbleiben sollen.

Quelle: MDR/mar

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR SACHSENSPIEGEL | 26. November 2021 | 19:00 Uhr

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