Welttag der Migranten und Flüchtlinge Kein Platz für Diskriminierung am Tschirnhaus-Gymnasium Dresden

Das Tschirnhaus-Gymnasium in Dresdens ist Sachsens 100. "Schule ohne Rassismus". Toleranz und Gleichberechtigung sind Schülern und Lehrerschaft im Alltag wichtig. Ausgrenzung, aus welchem Grund auch immer, ist tabu. Eine Courage-Gruppe organisiert Projekttage und will für Schülerinnen und Schüler stets ein offenes Ohr haben, wenn diese Rassismus im Alltag begegnen.

Ein schwarzes und ein weiߟes Mädchen reichen sich die Hand.
Helfen statt ausgrenzen: Das Dresdner Tschirnhaus-Gymnasium macht sich gegen Rassismus stark. (Symbolbild) Bildrechte: dpa

Am heutigen Sonntag ist Welttag der Migranten und Flüchtlinge. In Sachsen haben sich 100 der insgesamt 1.400 öffentlichen Schulen dieses Thema über den Unterricht hinaus auf die Fahnen geschrieben und arbeiten im bundesweiten Netzwerk "Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage". Jüngstes sächsisches Mitglied im Netzwerk ist das Dresdner Ehrenfried-Walter-von-Tschirnhaus-Gymnasium. Paten sind Sebastian Reißig von der Aktion Zivilcourage e.V. und die Brass-Band "Banda Comunale".

Lehrerin initiiert Projekt an Dresdner Gymnasium

Initiatorin war die Deutsch-, Kunst- und Beratungslehrerin Doreen Mehner, die mit ihrem Vorstoß nach eigenen Angaben bei Schulleiterin Sandra Gockel offene Türen eingerannt hat. Noch wichtiger für sie, auch die Schülerschaft engagiert sich - trotz Einschränkungen durch die Corona-Pandemie. Engagement gegen Rassismus, Sexismus und Diskriminierung jeglicher Art - dazu gehören Mobbing und Ausgrenzung von Personen aufgrund von Behinderung, sexueller Orientierung, Geschlechtsidentität, Sexismus, Religionszugehörigkeit oder sozioökonomischer Gründe - sei der Pädagogin seit jeher eine Herzensangelegenheit, sagt sie.

Blick auf das Ehrenfried-Walther-von-Tschirnhaus-Gymnasium.
Das Tschirnhaus-Gymnasium ist offiziell Sachsens 100. "Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage". Bildrechte: dpa

14 Schülerinnen und Schüler in Courage-Gruppe aktiv

Seit Verleihung des Siegels im vergangenen Jahren arbeitet ein Projektgruppe aus 14 Schülerinnen und Schülern. Bereits die Vorbereitung auf die Bewerbung als "Schule gegen Rassismus" hätten Schülerinnen und Schüler innerhalb eines Sozialpraktikums selbst umgesetzt. Im März ist eine Filmlounge in der Schule geplant, bei der das Thema Sexismus im Mittelpunkt stehen soll.

Banda Comunal spielt in einer Schulaula
Die Brass-Band "Banda Comunale" ist Pate des Projekts und war bei der Übergabe des Siegels in der Aula dabei. Bildrechte: Netzwerk Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage

Thementage am Tschirnhaus-Gymnasium - Das Tschirnhaus-Gymnasium ein Präventionskonzept, bei dem in verschiedenen Klassenstufen Schwerpunkte gesetzt werden, die Toleranz und Miteinander fördern. Das ist zum Beispiel der Courage-Tag in Klasse 6, bei dem die Schülerinnen und Schüler dafür sensibilisiert werden, Mobbing zu erkennen und dagegen vorzugehen.
- Im Projekt "Net-Piloten" führen Schülerinnen und Schüler der 10. Klassen in der 6. Klasse weiterführend einen Tag zum Thema "Cybergrooming" durch.
- In Klasse 7 geht es u.a. um das Bewusstwerden über Vorurteile.
- In Klasse 9 gibt es einen Präventionstag rund um die Themen "Sexismus", "Geschlechtsidentität" und "sexuelle Orientierung".
- Bei einer fächerverbindenden Projektwoche gegen Ende des Schuljahres wird es außerdem vielfältige Projekte geben, welche sich mit Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Flucht aber auch mit Themen der Globalisierung und Folgen der Kolonialisierung beschäftigen.

Außerschulische Erfahrungen mit Rassismus

Lehrerin Doreen Mehner betont, dass ihr keine Rassismus-Fälle am Gymnasium bekannt seien. "Wir haben im Vorfeld festgestellt, dass fast alle Schülerinnen und Schüler der 5. und 6. Klassen bereits Erfahrung mit irgendeiner Art der Ausgrenzung gemacht haben, auch mit Rassismus." Dies geschehe oft im Alltag außerhalb der Schule und bedeute nicht, "dass sie unbedingt selbst betroffen, aber doch in irgendeiner Form beteiligt waren". Das Courageteam wolle auch für diese Kinder ein Ansprechpartner sein.

 „Wenn ich hier abgeschoben werde, wenn die mich hier nicht wollen, wenn die versuchen, mein Leben kaputt zu machen, nicht nur meins, von meiner Mutti auch, wenn das so ist, o.k., dann bin ich kein Deutscher.“ Alle drei Monate müssen Haris und seine Mutter ihren Aufenthaltsstatus verlängern lassen, seit die Mutter vor 23 Jahren nach Deutschland geflohen ist. Je stärker der Frust über die unsichere Situation zunimmt, desto eher besinnt Haris sich auf seine bosnisch-montenegrinischen Wurzeln. Seine große Schwester hat eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis und lebt ihm das Bild einer emanzipierten deutschen Frau vor. Haris schaut in den Spiegel
„Wenn ich hier abgeschoben werde, wenn die mich hier nicht wollen, wenn die versuchen, mein Leben kaputt zu machen, nicht nur meins, von meiner Mutti auch, wenn das so ist, o.k., dann bin ich kein Deutscher.“ Alle drei Monate müssen Haris und seine Mutter ihren Aufenthaltsstatus verlängern lassen, seit die Mutter vor 23 Jahren nach Deutschland geflohen ist. Je stärker der Frust über die unsichere Situation zunimmt, desto eher besinnt Haris sich auf seine bosnisch-montenegrinischen Wurzeln. Seine große Schwester hat eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis und lebt ihm das Bild einer emanzipierten deutschen Frau vor. Haris schaut in den Spiegel Bildrechte: MDR/Thurnfilm
MDR FERNSEHEN So, 16.01.2022 07:30 08:00
MDR FERNSEHEN So, 16.01.2022 07:30 08:00

Was heißt hier Heimat?

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Erwachsenwerden in Dresden

Film von Bettina Renner

Folge 2  von 2

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43 Schülerinnen und Schüler ohne deutsche Staatsbürgerschaft

Am Gymnasium in der Südvorstadt lernen aktuell 43 Mädchen und Jungen, die keine deutsche Staatsbürgerschaft besitzen. Viele mehr hätten einen sogenannten Migrationshintergrund - also Eltern oder Großeltern - sind zugewandert. Das spiele allerdings keine Rolle und werde deshalb auch nicht gesondert erfasst. An der Schule unterrichten auch mehrere Lehrkräfte mit ausländischen Wurzeln. "Wir sind eine Schule, in der jeder mit seiner Individualität willkommen ist", sagt Doreen Mehner.

Drei Spieler des SV Seilerwiesen 3 min
Bildrechte: MDR/Daniel George

Erste sächsische Schule ohne Rassismus in Zittau

Vom sächsischen Kultusministerium hieß es auf Anfrage, jede Schule könne den Titel "Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage" erwerben. Dazu müssten sich mindestens 70 Prozent aller Personen, die an der Schule lernen und arbeiten, mit ihrer Unterschrift dazu verpflichten, sich künftig gegen jede Form von Diskriminierung an ihrer Schule aktiv einzusetzen, bei Konflikten einzugreifen und regelmäßig Projekttage zum Thema durchzuführen. Vorreiter war nach Angaben des Kultusministeriums im März 1997 die Richard-von-Schlieben-Oberschule Zittau.

Schule ohne Rassismus, Schule mit Courage - Schild an einer Schule
Jede Schule kann mitmachen - wenn sich mehr als 70 Prozent der Schüler- und Lehrerschaft und aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu Toleranz bekennen und sich per Unterschrift gegen Rassismus positionieren. Bildrechte: IMAGO / photothek

Gemäß schulgesetzlichem Erziehungs- und Bildungsauftrag hat Schule grundsätzlich die Aufgabe, junge Menschen auf ein selbstbestimmten Leben vorzubereiten und sie zur Mitwirkung in einer demokratischen Gemeinschaft zu befähigen. Eine Beteiligung im Courage-Netzwerk ist deshalb nicht zwingend geboten, sondern als eine mögliche Unterstützungsstruktur bei der Erfüllung des Erziehungs- und Bildungsauftrags von Schule zu verstehen und als Selbstverpflichtung der Schule. Neben dem Netzwerk 'Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage' gibt es zudem viele andere Netzwerke und Beteiligungsfelder, wo sich Sächsische Schulen im Sinne von Toleranz, Miteinander, Demokratie und Bewahrung unserer Lebenswelt engagieren.

Sächsisches Kultusministerium

Schlechtes Beispiel: Antisemitischer Film an Berufsschule gezeigt

Quelle: MDR (lam)

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Was heißt hier Heimat? - Erwachsenwerden in Dresden | 16. Januar 2022 | 07:30 Uhr

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