Interview Feuerökologe: "Wenn sich Feuer in Totholzauflagen frisst, haben wir ein Problem"

Der Waldbrand in der Sächsischen Schweiz geht in die dritte Woche. Hunderte Feuerwehrleute löschen weiter Glutnester. Regen ist nicht in Sicht.
Professor Johann Georg Goldammer ist Feuerökologe und leitet das Zentrum für Globale Feuerüberwachung in Freiburg im Breisgau. Aktuell ist sein Team mit dem Löschpanzer im Grunewald im Einsatz. Er beobachtet auch den Brand in der Sächsischen Schweiz.

Feuerökologe Johann Georg Goldammer
Feuerökologe Johann Georg Goldammer spricht sich dafür aus, klare Zonen in Wäldern auszuweisen, in denen Totholz notwendig ist. Bildrechte: FMCR-CAR

Frage: Beim Waldbrand in der Sächsischen Schweiz sind vor allem die Glutnester weiter gefährlich. Herr Professor Goldammer, wo sehen Sie die Gründe dafür?

Johann Georg Goldammer: Dieses Thema haben wir nicht nur in der Sächsischen Schweiz. Wir haben es auch gesehen bei den Bränden im Landkreis Nordsachsen, wo wir mit dem Löschpanzer im Einsatz waren, vor etwa zehn Tagen bei Torgau. Da haben wir gesehen, dass sich dort auch dieses Problem stellt, dass wir in sehr ungepflegten Kiefernbeständen eine ganz große Last an Totholz haben. Und dadurch haben wir eine Brandlast in den Wäldern, wie wir sie vor 30 bis 40 Jahren nicht hatten. Wenn sich das Feuer jetzt in diese starken Totholzauflagen hineinfrisst, haben wir ein Problem.

Die Folgen des Feuers, die sind heute anders als das früher der Fall war. Diejenigen, die die Kiefernwälder in Sachsen und in Brandenburg von früher kennen, die wissen, dass die Wälder sehr intensiv durchforstet wurden für Brennholz, Zellstoffproduktion, Hackschnitzel und so weiter. Und dass dann in dem Unterstand in den Kiefernwäldern, wo Gras wuchs, durchaus immer wieder Feuer durchliefen. Aber: die Kiefern, die können das Feuer, ein leichtes Grasfeuer durchaus vertragen.

Jetzt haben wir eine Situation, die anders ist: Wenn das Feuer durch den Wald läuft, frisst es sich in das Totholz ein, in den Wurzelraum, in die Stammfüße. Und dann haben wir Totalschaden. Wenn wir aber in naturnahe Wälder gehen, zum Beispiel in den Landschaftsschutz, den Naturschutz, oder Nationalpark, ist ein Teil der Zielsetzung, dass man eben Totholz belässt, um Lebensraum für bestimmte Tier- und Pflanzenarten zu schaffen.

Feuerökologe Johann Georg Goldammer 6 min
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Also Biodiversität auf der einen Seite, aber damit auch erhöhte Brandgefahr auf der anderen?

So ist es. Und bevor man in einen ganz großen Glaubenskrieg eintritt, müssen wir hier ganz einfach Lösungen finden, die in der räumlichen Ordnung von solchen Waldgebieten möglich sind. Man weist da bestimmte Zonen aus, in denen Totholz tatsächlich notwendig ist. Und in anderen Bereichen betreibt man intensive Waldpflege und intensive Forstwirtschaft.

Das ist das, was uns in der Forstwirtschaft vor allem im Hinblick auf die sehr produktiven Wälder in Deutschland auch über die letzten 200, 250 Jahre so nach vorne gebracht hat. Der Wald ist ein Lieferant von nachwachsenden Rohstoffen, sei es Holz zum Verbauen und damit auch zur Speicherung von Kohlenstoff, oder Zellstoffproduktion und Pellets und Hackschnitzel zur Lieferung erneuerbarer Energie. Das muss man so ein bisschen auseinanderdividieren, man kann nicht alles auf der gleichen Fläche erreichen.

In der Sächsischen Schweiz ist es natürlich so: wir haben da ein ausgesprochenes Erholungsgebiet, da will man auch nicht zu viel intensive Forstwirtschaft haben. Aber dieses Nichtstun und Liegenlassen ist gefährlich, und das sehen wir heute.

Um Waldbrände zukünftig schneller bekämpfen zu können, wird darüber diskutiert, Schneisen zu schlagen. Was halten Sie davon?

Man kann das von der Gestaltung des Waldes und der Waldlandschaft so machen, dass man keinen Kahlschlag auf solchen Flächen machen muss. Wir nennen das Korridore oder Pufferzonen, wo der Wald sehr stark aufgelichtet wird. Das kann durchaus sehr ästhetisch sein, dann wird aus dem geschlossenen Wald ein Waldbrandriegel, der vorwiegend aus Einzelbäumen besteht. Übrigens haben wir das in Deutschland in der Vergangenheit gehabt. Im Mittelalter gab es viele solche offenen Wälder, wo auch Waldweide stattgefunden hat. Da gibt es heute noch Überbleibsel davon.

Die waren gekennzeichnet durch einzeln stehende, starke, tief verwurzelte Bäume, und da drunter hat das Vieh - das waren Schafe, Ziegen, Schweine, auch Rinder - gegrast. Die Förster haben die dann aus dem Wald rausgedrängt. Und heute ist es immer noch so, dass wir sehen, dass das Thema Waldweide ungern thematisiert wird. Auf der anderen Seite sehen wir in anderen Ländern der Welt, dass es hervorragend funktioniert. Und ich denke: Da müssen wir mal etwas sorgfältiger hinschauen.

Es gibt den Waldumbau als langfristige Lösungsidee, aber das dauert natürlich. Dafür sind auch Amerikanische Roteichen im Gespräch, so ähnlich wie in unseren Buchenwäldern. Ist das eine Möglichkeit, wo Sie sagen, da müssen wir parallel ran?

Das ist genau richtig. Es gibt alte Hoffnungsträger wie die Buche, über die man gesagt hat, dass es eine Baumart ist, die die Nadelholzbestände ablösen soll. Und wir sehen jetzt, dass aufgrund des Trockenheits- und Hitzestresses die Buchen sehr stark leiden. Wir wissen noch nicht genau, welche Baumarten dieses künftige Klima tragen kann.

Aber dann noch einmal zurück nach Sachsen. Wir haben im Flachland viele Kiefernwaldbestände. Die Kiefern stammen eigentlich von Hause aus aus einer Region, wo sie in einem sehr extremen kontinentalen Klima großgeworden sind und dort Wälder gebildet haben - offene Wälder, wo die Bäume sehr viel weniger dicht stehen. Und wenn man das nachahmt, dann kann man diese bestehenden Kiefernwälder, die wir hier haben, parallel zu der Suche nach neue Baumarten erst einmal so umbauen. Das sollte man beides parallel tun.

MDR (ali/Torsten Birne/Thomas Lopau)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | Radioreport | 08. August 2022 | 13:00 Uhr

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