Geschichte Viel Kritik am Zoo bei Leipziger Kolonialismus-Diskussion

Dass Deutschland bis Ende des Ersten Weltkriegs Kolonialmacht war, ist weitgehend in Vergessenheit geraten. Allerdings finden sich im Stadtbild von Metropolen wie Leipzig Spuren dieser kolonialen Vergangenheit. Eine Podiumsdiskussion widmete sich jetzt dem Thema. Dabei ging es vor allem um den Zoo.

Eingangsportal des Zoo Leipzig
Der Leipziger Zoo ist ein Publikumsmagnet und hat sich mit seiner Kolonialgeschichte erst jüngst auseinandergesetzt. Bildrechte: imago images / PicturePoint

Eigentlich ist der Leipziger Zoo ein Ort der Freude, wo Eltern mit ihren kleinen Kindern flanieren und sich an den exotischen Tieren erfreuen. Allerdings gerät die Einrichtung auch immer wieder in die Kritik - vor allem wenn es um die Aufarbeitung der kolonialen Geschichte geht. In Leipzigs Volkshochschule gab es dazu am Donnerstagabend unter dem Titel: "Leipzig und seine (post)koloniale Geschichte und Gegenwart" eine Podiumsdiskussion.

Völkerschauen als Hypothek der Zoogeschichte

Obwohl es dabei um die Stadt als Ganzes ging, schossen sich die Teilnehmer vor allem auf den Zoo ein. So meinte Afrikanistik-Professorin Rose Marie Beck von der Uni Leipzig, die laut eigener Aussage noch nie im Leipziger Zoo war: "Der Zoo ist ein prominenter Ort. Es wäre gut, wenn er offensiver mit seiner Geschichte umgehen würde. Es reicht nicht, wenn es nur ein einzelnes Foto gibt, auf das man draufklicken kann, um an weitere Informationen zu kommen." Die Professorin spielte damit nach eigenen Angaben auf die 45 sogenannten Völkerschauen an, die von 1876 bis 1931 im Zoo stattfanden. Vor allem schwarze Menschen wurden dort zur Schau gestellt.

Zoo-Chef Jörg Junhold wollte das nicht so stehen lassen.

Wir haben uns 2020 in einem Gutachten mit den Völkerschauen auseinandergesetzt. Ich war immer stolz darauf, dass wir uns tief mit unserer Geschichte beschäftigt haben und habe dafür gekämpft, dass unser Archiv erhalten bleibt.

Jörg Junhold Direktor des Leipziger Zoos

Er könne nicht verstehen, warum immer der Zoo in der Kritik stehe. "Auf dem Markt und in der Messe hat doch viel mehr stattgefunden", sagte Junhold, der auch Zoogründer Ernst Pinkert in Schutz nahm. "Pinkert ist keine aktive Täterfigur, das geben die Quellen nicht her. In 50 Jahren hat er vielleicht zwei oder drei Völkerschauen selbst veranstaltet."

Kritiker: Afrika-Nacht nicht mehr zeitgemäß

Neben der Auseinandersetzung mit der Geschichte kritisierte Afrika-Expertin Rose Marie Beck auch aktuelle Veranstaltungen.

Prof. Dr. Rose Marie Beck
Rose Marie Beck war schon länger nicht mehr im Zoo. Bildrechte: Swen Reichhold, Universität Leipzig

Die afrikanischen Nächte finde ich nicht mehr passend. Das spielt so in Hakuna-Matata-Klischees hinein. Der Zoo hat es doch gar nicht nötig, sich so billig zu verkaufen. Im Gondwanaland ist er ja auch zeitgemäß.

Rose Marie Beck Afrikanistin an der Uni Leipzig

Unterstützung bekam sie dabei von Mohamed Okasha vom Migrantenbeirat der Stadt Leipzig. "Die Gefahr von solchen Veranstaltungen ist, dass sie ein spezielles Bild transportieren." Er habe es selbst schon erlebt, dass manche Leute dächten, dass die Menschen in seinem Geburtsland Ägypten noch auf Kamelen ritten und in Zelten wohnten. "Wir haben auch Strom und ein modernes Leben", sagte er.

Safari-Bild: Karikatur oder verletzende Darstellung?

Jörg Junhold bestritt, dass der Zoo Klischees reproduziere. "Ich denke nicht, dass wir uns zu billig verkaufen. Es gibt weder Rassismus bei uns, noch wollen wir was Böses oder den Kontinent reduzieren. Stattdessen wählen Künstlerinnen und Künstler das Programm an dem Abend frei aus, es gibt afrikanisches Essen und wir sehen uns afrikanische Tiere an. Ich kann daran nichts Verwerfliches finden."

Auch eine von Mohamed Okasha kritisierte Darstellung einer Safari, die im Zoo zu sehen ist, verteidigte Junhold. Das sei eine karikaturistische Darstellung, sagte er. Rose Marie Beck sah auch das anders: "Safaris finden so nicht statt. Die Darstellung eines wilden, primitiven Menschen mit Ring in der Nase, die Figur des N, enthält eine Verletzungsgeschichte."

Warnung vor moderner Bilderstürmerei

Jörg Junhold zog ein zweigeteiltes Fazit. Zum einen bekräftigte er seinen Willen zur weiteren Aufarbeitung und zur wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Thema. Er sagte jedoch ebenfalls: "Es gibt auch eine Grenze. Man kann nicht alles abreißen und umbenennen. Moderne Bilderstürmer brauchen wir in Deutschland nicht."

Quelle: MDR/sth

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | Regionalreport aus dem Studio Leipzig | 30. September 2021 | 16:30 Uhr

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