Sachsen Ukraine-Geflüchtete in Leipzig: Erst kein Geld und nun im Zelt

Dutzende Geflüchtete aus der Ukraine hingen in Leipzig wochenlang in der Luft: Sie hatten zwar Unterkunft und Verpflegung, wurden aber nicht endgültig registriert und bekamen kein Geld. Dann wandten sie sich mit einem Hilferuf an die Öffentlichkeit. Einige sind jetzt besser dran, andere nicht.

Natalia und Galyna lebten schon monatelang in dem Hotel in Leipzig und jetzt sind die beiden Frauen in den Zelten untergebracht.
Natalia und Galyna lebten schon monatelang in dem Hotel in Leipzig und jetzt sind die beiden Frauen in den Zelten untergebracht. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Vom Regen in die Traufe: So könnte man das Schicksal einiger Flüchtlinge aus der Ukraine beschreiben, die sich vor ein paar Wochen mit einem Hilferuf an die Öffentlichkeit gewandt haben. Viele von ihnen waren schon mehr als zwei Monate in einem Hotel in Leipzig untergebracht, und zwar im Verantwortungsbereich des Freistaates Sachsen. Diese hilfsweise Unterbringung durch das Land sollte die Kommunen entlasten. Doch für viele Flüchtlinge in dem Hotel führte das zu wachsender Verzweiflung: Denn während dieser langen Wochen gab es keine Registrierung bei einer Kommune und damit keine Aussicht auf eigenen Wohnraum. Sie alle hatten bis zu diesem Zeitpunkt keinerlei Geld erhalten. Einige sagten MDR exakt, sie seien auf Unterstützung aus der Ukraine angewiesen.

Die Mehrzahl der ukrainischen Flüchtlinge, die durch den Freistaat Sachsen untergebracht wurden, kam allerdings nicht in Hotels, sondern in eher behelfsmäßige Erstaufnahmeeinrichtungen. Das sollte eigentlich nur für kurze Zeit sein, wie die Präsidentin der Landesdirektion Sachsen im März erklärte: "Wenn diese Phase des Ankommens abgelaufen ist, sagen wir, so ungefähr nach fünf Tagen, werden die Menschen dann in die bereitgestellten Quartiere in den Kommunen weitergeleitet", so Regina Kraushaar damals.

Notunterkunft: Aus dem Hotel in Zelte

Für einige der ukrainischen Flüchtlinge haben sich mittlerweile positive Lösungen gefunden: Oleksandra kam schwanger nach Deutschland, mit ihrer Mutter und ihrer Tochter. Sie wurden von der Landesdirektion in einen anderen Landkreis verlegt und sie haben eigenen Wohnraum gefunden. Swetlana kam mit ihrem Sohn ebenfalls in einen anderen Landkreis in Sachsen. Auch sie haben jetzt eine Wohnung.

Andere dagegen blieben in Leipzig, wurden aber von der Landesdirektion in die Verantwortung der Kommune, also der Stadt Leipzig, überstellt. Im Gegensatz zu Dresden hatte Leipzig keinen Aufnahmestopp erklärt. Dennoch ist Leipzig so überlastet, dass jene Ukrainerinnen und Ukrainer jetzt in Notunterkünften leben – in Zelten, aufgestellt unter einem alten DDR-Flieger. 

So leben auch Natalia und Galyna, die zuvor ebenfalls wochenlang in dem Hotel in Leipzig untergebracht waren, jetzt im Zelt. Sie berichten MDR exakt von ihrer Verzweiflung: "Die Wände sind sehr dünn und man hört alles, was passiert", sagt die Deutsch-Ukrainerin Marta, die MDR exakt bei den Recherchen unterstützt und übersetzt hat. Es sei, als würde man direkt auf der Straße wohnen.

Leipzig: Verlegung in andere Kommunen hakt 

Die Landesdirektion Sachsen lehnt ein Interview ab, warum es bei der Verlegung in andere Kommunen so hakt. Schriftlich teilt man MDR exakt mit, alle Kommunen seien überlastet. Leerstehende Wohnungen müssten erst bewohnbar gemacht werden, gerade für Geflüchtete ohne Hab und Gut. Auch würden häufig die Flüchtlinge selbst solche Verlegungen in andere Landkreise gar nicht erst antreten.

Eine Familie, die nicht verlegt werden wollte, ist die von Artur. Er ist mit seiner Frau und Tochter sowie mit den Eltern seiner Frau nach Deutschland gekommen. Auch sie hingen mit den anderen wochenlang im Hotel fest. Jetzt sind sie in einer Sammelunterkunft, 25 Kilometer von Leipzig entfernt. Arturs Schwiegervater Serhii wurde vor fünf Wochen an der Universitätsklinik Leipzig wegen eines Hirntumors operiert und nun sind Nachbehandlungen erforderlich. Erst am Dienstag kamen sie zum ersten Termin und müssen nun insgesamt 50 Kilometer für jede Behandlung fahren.

"Serhii muss dann täglich kommen", sagt Doktor Clemens Seidel. Dem Oberarzt am Universitätsklinikum Leipzig wäre es auch lieber gewesen, wenn sein Patient nicht von Leipzig weg verlegt worden wäre und nun täglich anreisen muss: "Das bedeutet sechs Wochen Behandlung, sechs Wochen Bestrahlung, mit Chemotherapie, vielen Blutkontrollen, Arztgesprächen – also viel Zeit und Aufwand." Auch benötige er eine Begleitperson.

Viele Geflüchtete vermissen in Sammelunterkünften Ansprechpartner

Hinzu kommt, dass die ukrainischen Männer und Frauen in den Sammelunterkünften MDR exakt erzählen, dass ihnen auch dort Ansprechpartner fehlen. Zum Beispiel ehrenamtliche Helfer oder Sozialarbeiter, die sie bei ihren konkreten Problemen unterstützen.

Andere Flüchtlinge haben mehr Glück gehabt – häufig in kleineren Kommunen. Beispiel: Taucha, eine Stadt bei Leipzig. Einmal im Monat findet dort am Jugendclub ein Treffen statt, wo sich Einwohner und Geflüchtete kennenlernen können. In Taucha entwickelte sich 2015 – während der Flüchtlingswelle aus Syrien – eine Hilfsstruktur für Geflüchtete.

"Dieses Helfernetzwerk hat sich über die ganzen Jahre gehalten und wurde ausgebaut. Und auf dieses konnten wir halt seit März dieses Jahres zurückgreifen", sagt Bürgermeister Tobias Meier. Inzwischen seien neue Helfer aus Taucha hinzugekommen und deswegen klappe es hier so gut.

Auch vom Büro des sächsischen Ausländerbeauftragten Geert Mackenroth (CDU) erfährt MDR exakt, dass man dort die Erfahrung mache, dass es gerade in vielen kleineren Gemeinden oft eine sehr rege Helferstruktur gebe – was  den Flüchtlingen, die dort aufgenommen wurden, zugute kommt.

Viele Geflüchtete aus der Ukraine können sich gut einleben – aber nicht alle

Auf dem kleinen Fest trifft MDR exakt mehrere Geflüchtete wieder, über die wir bereits berichtet hatten, als sie gerade aus der Ukraine angekommen waren. Victoriia war damals hochschwanger und noch unter dem Eindruck des Schreckens der Flucht. Inzwischen ist ihr Sohn zur Welt gekommen und sie hat sich gut eingelebt.

Svitlana war zusammen mit ihren drei Kindern aus der Ukraine geflohen, ihr Mann blieb im Kriegsgebiet zurück. "Svitlana sagt, sie fühlen sich sehr, sehr wohl in Taucha", erklärt Übersetzerin Raja, die für die Stadt tätig ist. Die Kinder gingen zur Schule und hätten auch schon ein paar Freunde gefunden. Und: "Die ganzen Schrecken, was sie alles erlebt haben – das gerät in langsam in Vergessenheit und sie blühen auf!"

Doch während sich die einen mehr und mehr einleben können, kann für andere in den Notunterkünften – wie Natalia und Galyna –, laut Auskunft der Stadt Leipzig keine Perspektive angegeben werden, bis wann sie eine eigene Wohnung bekommen können.

Quelle: MDR exakt/ mpö

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR exakt | 15. Juni 2022 | 20:15 Uhr

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